Gesundheit : 1000 Missgeschicke in 60 Sekunden

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Nerven, dünn wie Staubfäden. Dem Helden aus „kitchen sink opera“ von Sean Reynard platzen schon die Adern, wenn die Sonne aufgeht. Leben heißt für den jungen Mann, einen Tobsuchtsanfall nach dem anderen zu erleiden. Wenn der Wecker klingelt. Wenn er in den Hundehaufen tritt. Wenn ihm die U-Bahn vor der Nase wegfährt. Dem dünnhäutigen Helden bleibt nichts anderes übrig als zu brüllen. Mit der Länge von sechzig Sekunden dürfte „kitchen sink opera“ der kürzeste Streifen in der Kategorie „Spielfilm“ darstellen. Der kleine Film über die Frage, wieviel Missgeschick sich innerhalb einer Minute zusammenbrauen kann (zu sehen am 3. Mai, 15 Uhr), ist einer von 152 Streifen, die aus 850 Einsendungen für die achten „Sehsüchte“ ausgewählt worden sind.

Die international besetzten „Sehsüchte“ finden in diesem Jahr erstmals in den Sälen des Thalia-Kinos Babelsberg statt. „Wir versprechen uns von dieser zentral gelegenen Spielstätte mehr Zulauf von der breiten Bevölkerung und hoffen, dass auch der eine oder andere Stadtbummler den Weg ins Kino findet“, sagt Christoph Schmidt vom Organisationsteam. Auch inhaltlich hat sich das Festival weiter geöffnet. So ist die Teilnahme nicht mehr allein den Filmstudenten aus aller Welt vorbehalten, sondern auch den hochschulfernen Filmemachern.

„Wir verstehen uns in erster Linie als Nachwuchsfestival und nicht als Hochschulveranstaltung“, so Christoph Schmidt. „Wir möchten möglichst wenig Beschränkungen – die einzige Voraussetzung ist, dass die eingereichten Filme noch nicht im Kino gelaufen sind.“

Verraten will man vor so einem Festival ja eigentlich möglichst wenig. Schließlich sollen die Zuschauer die Entdeckungen selber machen. Doch bei der Pressevorführung kündigte das Team, das für die Filmauswahl verantwortlich zeichnet, bereits einige Trends an. Gespannt darf man sein, was sich hinter dem – für die meisten Filmfreaks wohl unbekannten – Genre des „Fischfilms“ verbirgt. Christoph Schmidt deutet an, dass sich eine überraschend große Anzahl von Filmemachern ins feuchte Element begeben hat. Der Filmnachwuchs auf den Spuren von Flipper? Wir werden sehen.

Auch die klassischen Genres haben wieder großen Zulauf. Science fiction, Animation, Melodram und politischer Film haben die gewohnt starke Stellung. Besonders auffällig aber sei in diesem Jahr die große Anzahl unkommentierter Dokumentationen. Oder mit den Christoph Schmidts Worten ausgedrückt: „Das cinema verité ist wieder auf dem Vormarsch.“

Ein Highlight aus dieser Schublade ist ganz gewiss der 25 Minuten lange Dokumentarfilm „Howrah Howrah“. Regisseur Till Passow von der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) beobachtet einen Tag auf dem Hauptbahnhof von Kalkutta und schafft das kleine Wunder, mittendrin zu sein, ohne sich aufzudrängen. Hier spricht nur die Kamera. Keine Fragen. Kein Kommentar. Keine Hintergrundmusik.

Till Passows Film verzichtet auf jegliches Inszenierungs-Brimborium, er fängt schlicht und einfach – aber das ist zweifellos mit das Schwerste für einen Filmemacher – einen Tag der indischen Großstadt-Wirklichkeit ein. Ein Sprung in eine andere Kultur. Aber zugleich auch ein Zeitensprung. Wir tauchen ein in eine Welt der Kurbeltelefone, sehen Technik, die in Europa längst verschrottet wurde. Sehen Armut, Gedränge, Tod.

Der Kultursprung wird zum Kulturschock: Da liegt, notdürftig mit einem Tuch bedeckt, ein Toter auf dem Bahnsteig. Niemand beachtet den Leichnam. Der Tod ist hier keine Sensation. Erst spät wird der Tote von zwei Männern auf einen Holzkarren gehoben und davongefahren. Auch der Halb-Tod ist allgegenwärtig. Abgemagerte Männer, Frauen, ja ganze Familien liegen auf der Erde und versuchen zu schlafen, während die Putzkolonnen ihren Wasserstrahl um sie herum lenken. Kinder suchen zwischen den Gleisanlagen nach Essensresten und fischen in den Wasserzuleitungen. Im Leben zwischen den Gleisen wird die Ratte fast zum Mitmenschen. „Howrah Howrah“ dürfte auf dem Festival ein Ereignis werden (zu sehen am 4. Mai, um 15 Uhr). Tom Heithoff

Weitere Informationen unter: www.sehsuechte.de

Die Film-Blöcke beginnen (1. bis 4. Mai)im Thalia-Kino, Rudolf-Breitscheid-Str. 50, Babelsberg, jeweils um 13 Uhr und enden gegen Mitternacht. Eintritt für einen Filmblock 5 (erm. 3,5), Tageskarte 12 (8,5), Dauerkarte 35 (25) Euro.

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