Gesundheit : Ab Sonntag wird der jahrhundertealte Streit um die Rechtfertigungslehre beigelegt

KNA

Die katholische Kirche und der Lutherische Weltbund (LWB) wollen trotz offener Fragen den Weg zur Einheit weitergehen. Das machten hochrangige Kirchenvertreter am Freitag vor Journalisten in Augsburg deutlich. In der Stadt wird am Sonntag die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre" bestätigt. Der Streit um die Rechtfertigungslehre war mit ausschlaggebend für die Reformation und die Kirchenspaltung im 16. Jahrhundert.

Dieses "historische Ereignis" mache deutlich, dass Katholiken und Lutheraner nicht mehr Gegner seien, sondern "Schwestern und Brüder im Glauben", betonte Ishmael Noko, Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes. Kardinal Edward Idris Cassidy, Präsident des Päpstlichen Rats für die Einheit der Christen, sagte, mit dem Dokument würden nach einem 35-jährigen Dialog-Prozess Schranken zwischen den Konfessionen überwunden, die früher unüberwindbar schienen. Damit öffne sich eine "Tür für die Zukunft". An den noch strittigen Fragen, etwa über das Wesen der Kirche und das geistliche Amt, müsse weiter gearbeitet werden. Cassidy wollte dafür keinen Zeitplan nennen.

Die Vertreter der beiden Kirchen versuchten, Irritationen auszuräumen, die im Zusammenhang mit der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung entstanden waren. Zu dem Protest zahlreicher evangelischer Theologen gegen das Ökumene-Dokument sagte der Präsident des Lutherischen Weltbundes, der Braunschweiger Bischof Krause, er rechne deswegen nicht mit einer Kirchenspaltung. Der Widerspruch sei ausschließlich in Deutschland laut geworden. Krause räumte ein, die Ankündigung eines Jubiläums-Ablasses zur Jahrtausendwende durch die katholische Kirche sorge für Probleme bei Lutheranern. Der Begriff Ablass sei eng verbunden mit der Reformationszeit und löse bei Lutheranern entsprechende Assoziationen aus. Die katholische Seite sehe die Ablass-Praxis jedoch bewusst nicht als Widerspruch zur Gemeinsamen Erklärung. Dieses wichtige Thema gehöre aber auf die Tagesordnung der nächsten Ökumene-Gespräche. Kardinal Cassidy erklärte, der Ablass werde wie die Rechtfertigung dem Menschen von Gott gegeben.

Papst Johannes Paul II. steht nach Angaben von Cassidy voll hinter der Gemeinsamen Erklärung. Die Unterzeichnung sehe der Heilige Vater mit "tiefster Befriedigung und Freude", außerdem werde er das Dokument demnächst persönlich würdigen. Cassidy verwies weiter darauf, dass die Rechtfertigungs-Erklärung "von den höchsten Autoritäten beider Kirchen" offiziell gebilligt worden sei. Dies gebe es bei anderen ökumenischen Dokumenten nicht. In den zurückliegenden Monaten war von evangelischen Kritikern die Vermutung geäußert worden, der Vatikan messe dem Dokument nicht den selben hohen Stellenwert bei wie der Lutherische Weltbund. Konservative Katholiken hatten umgekehrt argumentiert, die Erklärung führe zu einer Protestantisierung der katholischen Kirche.

Cassidy widersprach der Kritik, die katholische Kirche wolle in der Ökumene die Lutheraner vereinnahmen: "Bei der Einheit der Christen geht es nicht um die Rückkehr zur katholischen Kirche." Einheit dürfe nicht mit "Einheitlichkeit" verwechselt werden. Heute sei ein gemeinsames Verständnis in einer zentralen Frage des christlichen Glaubens erreicht worden, die früher zu Lehrverurteilungen geführt habe.

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