Gesundheit : Abendland

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

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Beim Abendland muss es sich um eine Wertsache handeln. Sonst wären nicht so viele Menschen seit langer Zeit heftig darüber besorgt, ob es wohl gerade untergeht. Oswald Spengler versichert im Vorwort seines einschlägigen Buches, dessen Titel habe seit 1912 festgestanden. Nachdem das Buch 1920 erschienen war, hatte Spengler seine liebe Not, dass die Leser mit dem reißerischen Titel nicht den Untergang eines Ozeandampfers assoziierten, sondern die an sich notwendige Transformation von Kulturen im Laufe der Geschichte. Und nur wenige Zeitgenossen vermögen über das so bezeichnete Drama geistreich zu scherzen, wie beispielsweise ein aus Prag gebürtiger Schriftsteller, der den „Untergang des Abendlandes in Anekdoten“ mit seiner Tante Jolesch zusammenbrachte. Viele verwenden fleißig die Untergangsrhetorik – und das meist wider besseres Wissen. So wird kaum jemand bestreiten, dass sich unter dem Begriff „Rechtschreibreform“ ein unerträgliches Chaos, peinlichste Fehlleistungen und gröbste Zumutungen verbergen, aber abgesehen von einigen wenigen aufrechten Streitern glaubt niemand, dass das Abendland untergeht, weil wir „dass“ nicht mehr mit dem geliebten Eszett schreiben dürfen.

Im Wörterbuch der beiden Grimms wird noch ganz nüchtern vermerkt, dass „Abendland“ die frühneuzeitliche deutsche Übersetzung für Okzident, den westlichen Teil der antiken Welt, darstellt. Ein „Abendländer“ ist also ein Einwohner des Westens. In diesem schlichten Sinne genommen, kann das Abendland also nur untergehen, wenn gleich die ganze Welt untergeht. Nun meint „Abendland“, insbesondere dann, wenn sein drohender Untergang beschworen wird, natürlich mehr als nur eine Himmelsrichtung. Gemeint war lange das, was meine akademischen Lehrer noch als „Einheitskultur“ bezeichneten, als die große, im Mittelalter ausgebaute Synthese von griechisch-römischer Antike und germanischer Welt. Da wir inzwischen deutlicher wahrnehmen, dass diese angebliche mittelalterliche Einheitskultur fast schon so pluralistisch war wie unsere Welt, neben Christen an vielen Orten auch Juden und Muslime wohnten, bleibt vom „christlichen Abendland“ unserer Väter vor allem ein Ensemble von Werten wie individueller Freiheit und allgemeiner Gerechtigkeit, die letztlich durch Judentum und Christentum in die Verfassungsordnungen Europas gekommen sind.

Dieses Ensemble freilich ist unverzichtbar in einer offenen Gesellschaft, kann durch staatlichen Dilettantismus beschädigt werden und sollte engagiert verteidigt werden. Freilich nicht durch undifferenzierte Untergangsrhetorik und auch nicht durch ahistorische Frontstellungen. Weiteres in zwei Wochen. Unter dem Stichwort: „Morgenland“.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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