Gesundheit : Abgefahren

Berlin bekommt eine Kunstschneehalle. Senftenberg hat so was schon

Annette Kögel

Marcel Mückel war nicht gerade der geborene Alpinist. „Das erste Mal bin ich im Trainingsanzug zum Skifahren. Danach war ich pitschnass und ziemlich durchgefroren.“ Nun, auf dem platten Land in Brandenburg hat man eben nicht gerade den engsten Bezug zur Welt der Berge. Bei dem 27-Jährigen änderte sich das aber schnell. Er gehört seit der Eröffnung der Kunstschneehalle „Snowtropolis“ in Senftenberg rund 160 Kilometer südlich von Berlin zu den Stammgästen und hat die Snowboardergruppe „Ride Inside Crew“ mitbegründet.

Skifahren im Frühling, Sommer, Herbst und Winter: In Senftenberg ist das seit März 2003 möglich. Im Herbst 2007 soll in Berlin, wie berichtet, eine noch viel größere überdachte Wintersportarena mit diversen Freizeitangeboten aufmachen. Das wäre nach Neuss und Bottrop die vierte Halle in Deutschland. Was aber passiert auf so einer Retortenpiste – und wer geht da hin? Eine Suche nach Antworten am Rande der 130 Meter kurzen Abfahrt bei wenigen Graden knapp unter null.

Bei den Leuten kommt offenbar einiges in Bewegung, vor allem bei den jungen. In Senftenberg und Umgebung ist nicht viel los, deshalb bildete sich bald eine Boarder-Clique, die sich abends statt im Buswartehäuschen beim Sport traf. Sie bauen „Rails“ und „Kicks“ auf, also Schanzen und Hindernisse, über die sie springen und gleiten. Vor allem im Sommer, wenn es nicht so voll ist, gibt es viel Platz dafür. Die Snowboarder zeigen ihre Tricks den Schulklassen, die dort einen Wandertag verbringen. Und die Schüler zücken ihr Fotohandy, wenn Ski-Freestyler wie Roy Kittler Tricks zeigen. In Senftenberg begann seine Karriere, inzwischen wird er von der Firma Dynastar gesponsert und war gerade zum Wettkampf in Taipeh.

In Senftenberg lassen sich übers Jahr 80000 Leute mit Laufband oder Lift hochschleppen und fahren allein oder im Skikurs, 40000 weitere trinken nur ihren Jagertee im Tiroler Stadl, gehen in die Sauna oder machen mit beim Tanzkurs, spielen Volleyball, Badminton oder Tennis. Auch Motorsportler haben schon ihr Auto gegen einen anderen Schlitten getauscht: Profifahrer vom Lausitzring checken gern in den Ferienhäusern gleich nebenan ein. Etliche Firmen schicken ihre Mitarbeiter bei Weihnachtsfeiern ins ewige Eis. Und das gehe sogar ohne schlechtes Ökogewissen, meint Olaf Oertel, einer der „Snowtropolis“-Geschäftsführer. „Pro Besucher brauchen wir weniger Energie als ein Hallenschwimmbad.“ In den Maschinenräumen absolvieren Studenten der Energietechnik Praktika.

Marcel Mückel hat den Beruf des Hochspannungstrafo-Wicklers bei Siemens in Dresden gelernt. Längst macht er anderen Wintersportlern was vor. „Aber das erste Mal auf einer richtigen Piste, auf dem Fellhorn im Allgäu, das war total ungewohnt: Alles so groß und weit und offen.“

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