Gesundheit : Abgeschotteter Norden und boomender Süden

JOSEFINE JANERT

Serie Studiengänge: Koreanistik / Das einstige Elitefach ist jetzt an der HU ein Auslaufmodell - die FU macht weiterVON JOSEFINE JANERTKoreanisch? Die Sprache hat es in sich."Entweder, man ist sehr fleißig oder man braucht zwei bis drei Jahre, nur um die Grundlagen zu erlernen", sagt David Hauser.An der Humboldt-Universität ist er für das regionalwissenschaftliche Fach Koreanistik eingeschrieben.Neben den intensiven Sprachkursen stehen Seminare über Kultur, Geschichte und Gesellschaft des asiatischen Landes auf dem Studienplan.Auch nach der Uni greifen viele Studenten zu Sprachkassetten oder bauen Sprachpartnerschaften mit hier lebenden Koreanern auf.Am besten steigen sie, so wie David Hauser, gleich ins Flugzeug Richtung Osten.Vor einigen Jahren kam er über ein Austauschprogramm in die Hauptstadt Pjöngjang."Dort habe ich die Angst verloren, Koreanisch zu sprechen", erinnert er sich.Die Presseberichte über politische Repressionen im Norden und über Konkurse im Süden scheinen junge Leute nicht davon abzuhalten, sich für das geteilte Land zu begeistern."Südkorea ist Deutschlands fünftgrößter Handelspartner und die elftgrößte Industrienation", begründet Rüdiger Frank, wissenschaftlicher Assistent am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften, das studentische Interesse am Orchideenfach.Trotzdem ist die Koreanistik an der HU ein Auslaufmodell.Eine Professur für Geschichte und Gesellschaft ist seit Monaten vakant, die Professorin für Sprache und Literatur wird Ende 1999 in den Ruhestand gehen.Wie Pressesprecherin Susann Morgner mitteilte, sollen auf Beschluß des Akademischen Senats dann beide Stellen nicht mehr neu besetzt werden - unter dem Vorbehalt, daß die Freie Universität die Koreanistik als Hauptfach anbietet.Am Ostasiatischen Seminar der FU gibt es bereits seit längerem sprach- und landeskundliche Seminare und eine gut ausgestattete Bibliothek mit 10 000 Bänden über Korea.Ihr Schwerpunkt liegt auf sozialwissenschaftlichen Aspekten.Mit Drittmitteln, die einerseits vom südkoreanischen Autokonzern KIA, andererseits von einer koreanischen Stiftung kommen, sollen um die Jahrtausendwende zwei Professuren eingerichtet werden.Doch die wirtschaftlichen Turbulenzen in Asien führten dazu, daß das Vorhaben aus finanziellen Gründen ins Stocken geriet.Während Außenamts-Leiter Wedigo de Vivanco glaubt, daß die Stellen "frühestens im Sommersemester 1999" besetzt werden, äußerten Mitarbeiter beider Universitäten Zweifel an dieser Planung.Die Humboldtianer befürchten zudem, daß ein Umzug nach Dahlem Verzögerungen nach sich zieht, da das Fach dort mit neuem Personal und einer neuen Studienordnung erst einmal aufgebaut werden müßte."Das wäre schlimm für die Studenten", prophezeit Rüdiger Frank.Wer an der HU begonnen hat, darf dort allerdings gemäß Vertrauensschutz bis zum Examen bleiben.Zu DDR-Zeiten war die 1954 gegründete Koreanistik stark an Nordkorea orientiert.Für das Elitefach wurden nur wenige, nach politischen Maßstäben streng ausgesuchte Studenten zugelassen.Jetzt immatrikulierten sich allein im letzten Wintersemester 23 Neulinge.Trotz des Zulaufs ist die Atmosphäre am Institut nach wie vor studentenfreundlich, lobt Wlad Pljuschenko: kleine Kurse, intensiver Sprachunterricht, reger Austausch."Das ist hier fast ein Familienbetrieb." Wlad Pljuschenko kam 1990 mit einem DAAD-Stipendium aus der Sowjetunion nach Berlin, um Germanistik zu studieren.Koreanistik wählte er zusätzlich."Rußland hat jetzt gute Beziehungen zu Südkorea", sagt er."Es gibt bestimmt Möglichkeiten, später einmal für längere Zeit dorthin zu fahren." Nach dem Examen will Wlad Pljuschenko vielleicht als Lehrer arbeiten.Im Fernen Osten Rußlands leben schon seit Generationen koreanische Umsiedler, deren Kinder er in ihrer Muttersprache unterrichten möchte.Angesichts der expandierenden Beziehungen hiesiger Firmen zu asiatischen Unternehmen winken anderen Absolventen interessante Jobs in der freien Wirtschaft oder bei Austauschorganisationen.Die Mühsal des Sprachenlernens lohnt sich in jedem Fall, finden David Hauser und Wlad Pljuschenko.Schließlich bekommt man so "Einblicke in eine fremde Kultur".Im Gegensatz zu früher wird in den Seminaren heute vor allem über den südlichen Teil des Landes gesprochen, sagt Rüdiger Frank.Informationen über den abgeschotteten Norden holt man sich aus internationalen Handelsbilanzen, aus der westlichen Presse, aus Berichten von Wissenschaftlern und Geschäftsleuten, die das Land bereist haben, und aus anderen, möglichst unabhängigen Quellen.Der Sprachunterricht wird von zwei Südkoreanern gestaltet.Obwohl sich die Zeiten geändert haben, spielt die Gewichtung von Nord und Süd bei den Diskussionen zwischen Ost und West nach wie vor eine Rolle.Die Sprache, die in den HU-Kursen gelehrt wird, ist nach wie vor zu stark am nordkoreanischen Standard orientiert, kritisiert Hans-Jürgen Zaborowski vom Ostasiatischen Seminar der FU seine Kollegen."Bei uns steht dagegen der südkoreanische Standard im Vordergrund - Nordkoreanisch ist ein Zusatzangebot." Gleichzeitig bedauert Zaborowski, daß die Kontakte zur HU-Koreanistik, die sich nach 1990 offen entfaltet hätten, in den letzten Jahren wieder zurückgegangen wären."Es ist schade, daß wir in einer Stadt wie Berlin nicht an einem Strang ziehen."Hintergrund dieses Sprachenstreits, der an deutsch-deutsche Konflikte nach der Einheit erinnert, ist die Tatsache, daß es in Korea nach dem Ende der Kolonialzeit kein ausgeprägtes Sprachbewußtsein gab.Während man nach der Teilung 1945 im Norden eine aktive Sprachpolitik betrieb und sich bemühte, chinesische Lehnwörter durch Neologismen zu ersetzen, ging man in Südkorea einen anderen Weg.Zu den chinesischen Lehnwörtern, die bis zu 70 Prozent eines Zeitungstextes füllen können, kommen Anglizismen und teilweise andere orthographische Regeln als im Norden, der seinerseits noch einen ideologischen Sonderwortschatz pflegt.Und so kann, wie Zaborowski berichtet, der nordkoreanische Wortschatz bei südkoreanischen Geschäftsleuten Irritationen auslösen.In den FU-Kursen würden etliche interessierte HU-Studenten sitzen.Doch auch Unter den Linden wird "fast ausschließlich südkoreanischer Standard unterrichtet", hält Rüdiger Frank dagegen.Außer in Berlin wird Koreanistik nur noch an wenigen westdeutschen Unis angeboten - unter anderem in Tübingen.Daß sich die Stadt das Orchideenfach nicht zwei Mal leisten wird, ist nach der jetzigen Planung so gut wie sicher.Es bleibt zu hoffen, daß bei der Neugründung an der FU die deutsch-deutschen Nord-Süd-Konflikte zum Wohl der Studenten beigelegt werden.Bis dato bot die HU Koreanistik mit den Studienrichtungen Sprache und Literatur sowie Geschichte und Gesellschaft an.Die Sprachausbildung Koreanisch umfaßt für das Hauptfach allein 22 Semesterwochenstunden im Grundstudium.Neuimmatrikulationen sind nicht mehr möglich. Information über Seminare an der FU: 838 35 99.

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