Gesundheit : Abnehmen ist besser als Heilen

Diabetes-Kongress: Experten fordern bessere Vorsorge und Therapie der Zuckerkrankheit

Christian Guht

Es ist eine Epidemie ohne viel Aufsehen. Sie grassiert lautlos und in Zeitlupe. Sie tut nicht weh und braucht Jahrzehnte, um zuzuschlagen, dann aber umso unerbittlicher. Sechs Millionen Deutsche leiden an der Zuckerkrankheit. Im Jahr 2010 werden es zehn Millionen sein. Schuld an der düsteren Prognose ist vor allem das pralle Leben in der Wohlstandsgesellschaft. Denn Übergewicht, falsche Ernährung und Bewegungsmangel führen zu der häufigsten Variante der Krankheit: dem Typ-II-Diabetes.

So drängten die Experten auf der 40. Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft in Berlin vor allem auf eins: per „Lifestyle-Strategie“ medizinischem Handlungsbedarf möglichst zuvorzukommen. „30 Minuten Bewegung am Tag und fettarmes, ballaststoffreiches Essen sind eine gute Vorbeugung“, sagte Andreas Pfeiffer, Diabetes-Spezialist von der Charité. Wer unnötigen Bauchspeck reduziert, kann maßgeblich das Risiko senken, an Diabetes zu erkranken.

„Eine 100 Kilo schwere, 1,70 Meter große Person ist 40-mal stärker gefährdet als ein gleichgroßer Normalgewichtiger mit etwa 70 Kilo“, machte der Mediziner deutlich. Abnehmen ist in solchen Fällen die Sofortmaßnahme. Bereits ein Zünglein an der Waage tut seine Wirkung: „Fünf Prozent Gewichtsreduktion senken das Diabetes-Risiko des Übergewichtigen schon nachweisbar“, sagte Pfeiffer.

In die schleichende Entgleisung des Stoffwechsels frühzeitig einzugreifen, hat gute Gründe. Ist der Diabetes nämlich erst mal da, geht er kaum noch weg. Zwar kennt die Medizin gute Möglichkeiten, den Blutzucker einzustellen, doch kommt der Betroffene ohne diese Hilfe meist nicht mehr aus. Wenn der Körper es nicht mehr schafft, den Blutzuckerspiegel ausreichend zu senken, droht die lebensbedrohliche Überzuckerung. Doch auch nur mäßig erhöhte Zuckerspiegel zerstören langfristig die Gesundheit: Nierenversagen, Gefäß- und Nervenschäden sowie Erblindung sind typische Folgen.

Um dies möglichst abzuwenden, müssen Ernährungsplan und Medikamente fortan minutiös eingetaktet werden. Orale Antidiabetika sind Mittel, die den angeschlagenen Zuckerstoffwechsel unterstützen. Oft bleibt als Lösung nur noch die Gabe von Insulin. Das Hormon ist der natürliche Zuckersenker des Körpers. Jedoch muss es gespritzt werden. In jedem Einzelfall bleibt die Behandlung eine schwierige Aufgabe. Durch die künstliche Einstellung des Zuckerspiegels droht neben der Über- auch die Unterzuckerung. Sie ist besonders gefährlich, da sie schnell tödlich sein kann.

„Die Wissenschaft hat einen wirklichen Durchbruch in der Therapie noch nicht geschafft“, sagt Matthias Blüher, Diabetes-Forscher aus Köln. Schon 30 Jahre alt ist die Idee einer künstlichen Bauchspeicheldrüse, die kontinuierlich im Körper den Zucker misst und nach errechnetem Bedarf Insulin abgibt. Doch zum Großeinsatz haben es derartige Geräte noch nicht geschafft. Die Autonomie der Maschine ist den Experten noch zu heikel. Ebenfalls noch in den Kinderschuhen steckt der Ansatz, mit Stammzellen neue insulinproduzierende Zellen im Körper des Patienten aufzubauen. Gegenwärtig aber beschränke sich die Stammzelltherapie noch auf Labormäuse, und da auch nicht immer erfolgreich.

Neben der Vorsorge müsste daher auch die Struktur der Diabetes-Heilkunde verbessert werden, um optimal zu nutzen, was es schon gibt, glaubt der Mediziner Blüher. Zum Beispiel mit dem Ausbau von Spezialzentren wie in Skandinavien oder den Niederlanden. An Diabetes-Zentren sind Spezialisten mehrerer Fachrichtungen tätig. Sie können der breiten Palette an Komplikationen und Folgeschäden besser begegnen. Auch besteht dort eher die Möglichkeit, die Therapie nach den Erkenntnissen moderner Studien auszurichten. Die zeigen nämlich, dass es Unterschiede im Heilerfolg gibt, abhängig davon, wie die Behandlung gestaltet wird.

Doch auch in der Vorgabe solcher Studien besteht oft ein Dilemma. Winfried Häuser vom Klinikum Saarbrücken verglich die Teilnehmer klinischer Studien mit seinen Patienten und stellte wenig Hilfreiches fest: Die Studienteilnehmer waren überwiegend nach Idealkriterien ausgesucht, die der typische Diabetiker in der Regel nicht besitzt, schrieb Häuser in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“. Denn hohes Alter oder auch kaputte Nieren sind bei den Betroffenen keine Seltenheit. „Bei mehr als zwei Dritteln unserer Patienten waren die Studien-Empfehlungen nicht ohne weiteres anwendbar“, beklagte Häuser und ergänzte: „Die Pharmaindustrie sollte bei Untersuchungen mehr auf die realen Bedingungen achten und weniger darauf, ihre Präparate in ideales Licht zu setzen.“

Auch Andreas Pfeiffer bemängelt, dass die akademischen Ansätze häufig kaum alltagstauglich sind: „Diabetes ist eine Volkskrankheit, wir brauchen praktische Lösungen.“ Nahe liegend sei es daher, der Krankheit zuvorzukommen. Ein individuelles Risikoprofil lasse sich mit wenigen Fragen leicht erstellen: Wie viel wiegt der Patient? Hatten die Eltern Diabetes? Wie viel bewegt sich der Patient am Tag? Der so erkannte Risikoträger sollte dann seine Lebensgewohnheiten ändern und sich regelmäßigen Check-ups unterziehen. „Ohne Praxisgebühr“, sagte Pfeiffer. Denn Studien hätten gezeigt, dass sich durch Prävention 60 Prozent der Diabetesfälle vermeiden ließen. Milliarden könne man so einsparen.

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