Gesundheit : Abschied eines linken Einzelkämpfers

Elmar Altvater, profilierter Denker der 68er Revolte, verlässt die Freie Universität

Leonard Novy

Vieles hat sich verändert am politikwissenschaftlichen Institut der Freien Universität. Bunt renoviert, mit Bachelor und Masterstudiengängen im Angebot und den Schlagwörtern „Spitzenforschung“ und „Exzellenz“ hat sich das Otto-Suhr-Institut, kurz: „OSI“, dem globalen Hochschulwettbewerb angepasst. Doch seine Bekanntheit verdankt es immer noch jener ereignisreichen Zeit, die unter dem Schlagwort „1968“ längst Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat. West-Berlin war die Hauptstadt der Studentenbewegung, das OSI im gutbürgerlichen Dahlem ihre Zentrale. Und Elmar Altvater, der heute seine Abschiedsvorlesung hält, war einer ihrer profiliertesten Denker.

In den Hörsälen A und B, just jenen Räumen, die sie heute zusammenlegen, um Platz zu schaffen für Kollegen, Studierende und Freunde, nahm die Karriere Altvaters vor mehr als 30 Jahren ihren Auftakt. Als junger Lehrstuhlinhaber für Politische Ökonomie hielt er hier seine ersten Seminare – wenn das Institut nicht gerade „besetzt“ oder „bestreikt“ wurde. Die Uni war damals, für heutige Studenten kaum mehr nachvollziehbar, politischer Rückzugsort und Mittelpunkt des sozialen Lebens zugleich. „Wenn es bei einer Demonstration zu Konflikten kam, zog man sich in die Uni zurück. Dann wurden Teach-ins veranstaltet, um die Wunden zu lecken, zu reflektieren“, erzählt Altvater.

All das ist längst Geschichte. Aktuell dagegen bleibt der Gegenstand seiner Abschiedsvorlesung, die er „The proof of the pudding ... oder: Was heißt und zu welchem Ende betreiben wir Kapitalismuskritik?“ überschrieben hat. Der Untertitel ist an Friedrich Schiller Antrittsvorlesung über den Nutzen der Universalgeschichte angelehnt, „the proof of the pudding“ soll andeuten, dass die Kapitalismuskritik zu einem Zweck betrieben wird. Nämlich aus praktischen Gründen. Denn das britische Sprichwort, von dem auch Friedrich Engels Gebrauch machte, geht weiter. „The proof of the pudding is in the eating“ soll heißen, man weiß erst dann, ob der Pudding gelungen ist, wenn man ihn gegessen hat. Das, so Altvater, gelte auch für die Kapitalismuskritik, die seine Arbeit wie ein roter Faden durchzieht: „Erst wenn sie praktisch wird, weiß man, ob sie etwas taugt.“

1938 in Westfalen als Bergmannssohn geboren, studierte Altvater in München Ökonomie und Soziologie und kam nach seiner Promotion 1971 nach Berlin, wo er sich bald dem Kapitalismus und seinen Krisen zuwandte und mit der Weltfinanzordnung, der Verschuldung der „Dritten Welt“ oder den Grenzen des Wachstums frühzeitig Punkte ansprach, die in der Globalisierungsdebatte zum Gemeinplatz geworden sind.

Wie seine Weggefährten am OSI, erwähnt seien nur Johannes Agnoli, Wolf-Dieter Narr und Ekkehart Krippendorff, begnügte sich Altvater nie mit dem Formulieren elaborierter Theorien, es ging ihm immer darum, zur Veränderung der Verhältnisse beizutragen. Altvater tat das lange bei den Grünen, bis er die Partei wegen der Militäreinsätze der Bundeswehr unter der rot-grünen Regierung verließ. Inzwischen engagiert er sich bei Attac.

Kapitalismuskritik ist für Altvater heute notwendiger denn je, auch wenn das der wirtschaftswissenschaftliche Mainstream, dem Altvater eine „außerordentliche Einseitigkeit“ attestiert, nicht wahrnehmen wolle. Sein jüngstes Buch, „Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen“, war kurz nach Erscheinen bereits vergriffen. Arbeitslosigkeit, Umweltkatastrophen, Kriege – die Menschen hätten gemerkt, so Altvater, dass zwischen den Verheißungen des Kapitalismus und den inhumanen Auswirkungen eines ungehemmten Marktliberalismus eine Lücke klafft.

Altvater geht es um die Erforschung des globalen Kapitalismus als soziologisches Ganzes. Kaum eine Theorie sei dafür besser geeignet als der Marxismus. Auch heute. Gerade heute. Dass Altvater das Etikett eines linken Einzelkämpfers anhängt, wird viel mit seinem Ruf zu tun haben, „Marxist“ zu sein. Er selber will sich nicht darauf reduziert sehen, betont die Notwendigkeit, eines reflektierten Umgangs mit den Marxschen Kategorien. Richtig angewandt lasse sich mit Marx etwa der Zusammenhang zwischen Ökonomie und Ökologie studieren, der heute aktueller sei als im 19. Jahrhundert.

Altvater bestreitet nicht, dass die Globalisierung ihre „Lichtseiten“ hat. Was er kritisiert, ist das Dogma, dass Wachstum und Deregulierung gleichsam automatisch Wohl und Wohlstand der Nationen mehren würden. Mit der globalen Ausbreitung der Produktion, der Märkte und Finanzströme wüchsen eben nicht nur Demokratie und Wohlstand in der Welt, sondern auch die Unsicherheit.

Der Titel seines gemeinsam mit Birgit Mahnkopf verfassten und inzwischen in der sechsten Auflage vorliegenden Standardwerks „Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft“ zeugt von der enormen Bandbreite des streitbaren Wissenschaftlers. Von den ehemals drei Lehrstühlen für politische Ökonomie am OSI bleibt nach Altvaters Weggang in Zukunft nur noch einer übrig. Pluralismus, Streit der Ideen, wird es nicht mehr geben können. Lange war an der Wand eines Hauses in der Nachbarschaft des OSI zu lesen „Die Weltrevolution beginnt im OSI“. Daraus ist zwar nichts geworden, immerhin aber begann hier der Marsch durch die Institutionen, gingen von hier Anstöße aus, die die Wissenschaft und das Land veränderten. Elmar Altvater wird nach seiner Abschiedsvorlesung nicht verstummen. Projekte wollen vorangetrieben, Debatten, etwa zur „solidarischen Ökonomie“ initiiert werden. Dem Lehrbetrieb an der FU jedoch geht mit Elmar Altvater heute ein Stück Vielfalt verloren.

Elmar Altvaters Abschiedsvorlesung ist zu hören heute um 18 Uhr in den Hörsälen A und B, Ihnestraße 21, Berlin-Dahlem.

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