Gesundheit : Absolventen des Studienganges werden von der Industrie händeringend gesucht

Heiko Schwarzburger

Latein ist zwar keine Bedingung, Pflicht aber sind Anatomie, klinische Chemie und Biologie. Mit einem Medizinstudium ist das allerdings nicht annähernd vergleichbar.Heiko Schwarzburger

Laborigel sind klein wie Streichholzschachteln oder groß wie Schaltschränke, einige schnurren wie Ventilatoren oder bleiben stumm. Einer sieht aus wie ein Trafo und hat ein Glasrohr auf dem Rücken, in dem Quecksilber auf und ab schaukelt. "Dieser Laborigel könnte mal ein Antriebsmotor für Herzschrittmacher werden", erklärt Wolfgang Vollmann schmunzelnd. "Durch einen langsamen Wechselstrom in einem Magneten bringen wir das Quecksilber zum Schwingen, die Silbersäule könnte als Pumpe für Flüssigkeiten wirken. Aber wir stehen noch ganz am Anfang mit unseren Untersuchungen."

Vollmann ist Leiter des Labors für Kardiotechnik und Monitoring an der Technischen Fachhochschule (TFH) in Wedding. Der ganze Raum ist vollgestopft mit medizinischen Geräten der Marke Eigenbau. Hier entwickeln die Physiker neue Meßgeräte und Therapietechnik für die Medizin. Bis zum Produktionsstart eines Gerätes vergehen oft viele Monate oder Jahre. "Vorher braucht man etliche Prototypen, eben unsere Igel. Wir benutzen sie auch, um den Studenten die physikalischen Abläufe in den technischen Produkten der Hersteller zu erklären", sagt Vollmann.

Technik und Medizin: Dieser Spagat ist so groß, dass sich innerhalb weniger Jahre eine eigene Sparte herausgebildet hat. Die Berliner TFH bildet jährlich mehrere Handvoll junger Medizinphysiker aus, die in den Operationssälen der Krankenhäuser, auf den Intensivstationen, in den Röntgenlabors und den Forschungszentren der Hersteller von Medizintechnik nach neuen technischen Lösungen für Diagnose und Therapie suchen sollen. Ein Schwerpunkt sind bildgebende Verfahren in der Medizin. Die angehenden Medizinphysiker sind dabei nicht nur technisch versierte Tüftler. Um neue Messgeräte zu entwerfen, benötigen sie ein fundiertes Grundwissen der Physik. Vor allem Optik, Laseranwendungen und Elektronik sind gefragt. Für alle medizinischen Bereiche, die mit Nukleartechnik arbeiten, schreibt der Gesetzgeber die Anstellung von Physikern sogar vor. Gerhard Grebe, wie Wolfgang Vollmann Professor an der TFH, entwickelt zur Zeit an der Charité ein neues Verfahren zur Bestrahlung von Gehirntumoren, das die notwendige Dosisleistung der Röntgenquelle drastisch senkt und damit das gesunde Hirngewebe schont. "Ohne physikalische und medizinische Kenntnisse wäre das undenkbar", meint er. "Die Medizinphysiker müssen die schwierige Sprache der Ärzte sprechen." Latein ist zwar keine Bedingung, die notwendigen Begriffe kriegen die Studenten während des Studiums auch so mit. Aber Pflicht sind Anatomie, klinische Chemie und Biologie. Mit einem Medizinstudium sei das allerdings nicht annähernd vergleichbar.

Medizinphysiker müssen auch in den einschlägigen Rechtsvorschriften sattelfest sein, etwa in der Medizinischen Geräteverordnung oder in der Strahlenschutzverordnung. Seit zehn Jahren gibt es dieses exotische Studium an der TFH bereits. Die Absolventen sind über den Globus verstreut. Sie warten die Meßstationen der Alfred-Wegener-Gesellschaft auf Spitzbergen, forschen bei Zeiss in Jena oder basteln im brasilianischen Curitiba an Überwachungssensoren für den Schlaf von Patienten mit tropischen Krankheiten. Einer Gruppe von TFH-Studenten gelang es kürzlich, die scheibchenweise Darstellung der Blutbahnen im Gehirn aus der Nuklearmagnetresonanz-Tomografie (NMR) als Hologramm darzustellen, das einen verblüffend räumlichen Eindruck vermittelt.

Um diese Vielseitigkeit zu schulen, reihen sich die Praktika während des achtsemestrigen Studiums dicht aneinander. Die Diplomarbeiten entstehen meist in Unternehmen. "Manchmal stöhnen die Studenten über die vielen Stunden in den Labors", bekennt Hans-Joachim Schulz, der stellvertretende Dekan des Fachbereiches Physik und Mathematik, der den Studiengang zur Medizinphysik anbietet. Einmal im Semester klemmt er sich hinter das Steuer eines Kleinbusses und kutschiert mit seinen Studenten zur Exkursion durch die Unternehmen. "Aber unsere Studenten können sich schnell in die Firmen einarbeiten, die sind gut trainiert. Meistens führt die Diplomarbeit schon zur ersten Anstellung." Auf seinem Schreibtisch türmen sich die Anfragen der Krankenhäuser und der Hersteller medizinischer Geräte. Auch die großen staatlichen Prüfinstitute wie die Bundesanstalt für Materialforschung (BAM) und die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) suchen händeringend nach Physikern, die das Latein der Ärzte verstehen. "Wir können jedoch die offenen Stellen nicht bedienen, weil wir zu wenige Absolventen haben", berichtet er. Neben der Biotechnologie gilt die Medizintechnik als zweite wichtige BoomBranche der modernen Hochtechnologien.

Kamen Medizinphysiker früher vor allem im Strahlenschutz unter, arbeiten sie heute in erster Linie in der Forschung, der Entwicklung und im Vertrieb neuer Geräte. Zu den Forschungspartnern der TFH gehören die Charité in Mitte und die Augenklinik des benachbarten Virchow-Klinikums in Wedding. Auch Carl-Zeiss Jena, Brain Lab und der große Gerätehersteller Spindler & Heuer geben sich an der TFH die Klinke in die Hand. Eine Forschergruppe forscht derzeit am Lawrence-Livermore-Laboratorium der Universität von Kalifornien in San Francisco über Ultrakurze Laserimpulse. Diese erzeugen ein eigenes Licht im Körpergewebe, das messerscharfe Aufnahmen vom Zustand des Gewebes liefern soll.Weiteres zum Studiengang Medizinphysik bei Manfred Rosenzweig, Tel.: 4504-3950, Fax: 4504-3959, E-Mail:

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