Gesundheit : Adolf von Harnack: Der Vertraute des Kaisers

Kurt-Victor Selge

Am 7. Mai jährt sich zum 150. Mal der Geburtstag von Adolf von Harnack. Der Theologe, den Kaiser Wilhelm II. kurz nach der Thronbesteigung im Jahr 1888 von Marburg nach Berlin berief und den er 1914 adelte, war ein führender Wissenschaftler seiner Zeit. Vor Harnack erlangte nur der Theologe und Philosoph Friedrich Schleiermacher, der zusammen mit Wilhelm von Humboldt als geistiger Vater der Berliner Universität gilt, eine vergleichbare Bedeutung weit über sein Fach hinaus.

Der 1851 geborene Harnack war Kirchenhistoriker. Sein Aufstieg begann mit einem geistigen Reformprogramm für das kirchliche Christentum seiner Zeit, das die Kirche spaltete, und setzte sich nach 1900 fort mit einem Erneuerungsprogramm für die Organisation der deutschen Wissenschaft insgesamt. Vor allem ging es um die naturwissenschaftliche Forschung, der ihre Weltgeltung in der Konkurrenz der Großstaaten gesichert werden sollte. Hieraus enstand 1911 die "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft" mit ihren Instituten der Großforschung. Vom Kriegsende bis zu seinem Tod im Jahr 1930 stand ihr Adolf von Harnack als Präsident vor.

Die beiden Seiten seines Lebens als Wissenschaftler scheinen nicht zueinander zu passen und hängen doch eng zusammen. Das Christentum verbindet sich hier mit der deutschen Kultur im neu gegründeten Reich und der modernen Entwicklung der Naturwissenschaften überhaupt in der gesamten westlichen Welt.Das Problem, das Harnack stellt, ist nach wie vor ungelöst. Der Streit zum Beispiel um die Gentechnologie zeigt, dass auch die für Harnack grundlegende Frage nach der Gegenwart der Religion überhaupt und der christlichen Religion - die für Harnack wie für Schleiermacher die "Religion schlechthin" darstellte - nicht erledigt ist.

Der Kaiser sah den Mann, der sich ab 1890 im "Evangelisch-sozialen Kongress" engagierte und der zur 200-Jahr-Feier der Königlichen Akademie der Wissenschaften im Jahr 1900 deren Geschichte vorlegte, fortan als Ratgeber in Fragen der Wissenschaftspolitik an. Symbol dieser Schätzung war die Verleihung des Ordens "Pour le Mérite" im Jahr 1902. Später wurde Harnack Kanzler der Friedensklasse dieses Ordens. Auch das Direktorat der Königlichen Bibliothek, das er von 1905 bis 1921 innehatte, hängt mit dieser Vertrauensstellung beim Kaiser zusammen.

Im Wintersemester 1899/1900 hielt Harnack vor 600 Hörern aller Fakultäten in der Aula eine einstündige Vorlesung über "Das Wesen des Christentums". Sie wurde 1900 nach dem Stenogramm veröffentlicht, alsbald in alle Kultursprachen übersetzt und erlebte viele Auflagen. 1999 wurde sie von Trutz Rendtorff neu herausgegeben. Sie bietet den besten Zugang zum Denken dieses Mannes, der als Historiker das bleibende und überzeitliche Wesen des Evangeliums Jesu vom Vatergott und Bruderbund der Menschheit dem dogmatischen Kirchenglauben entgegen stellte, um das Christentum als gegenwärtige Religion zu erweisen. Mit Harnacks Tod ging "eine Ära der Theologie zu Ende, die seinen Namen tragen wird", schrieb 1930 Karl Müller in Tübingen, ein anderer großer Kirchenhistoriker. Dass sie in neuer Gestalt wiedergekehrt ist, zeigen die Auseinandersetzungen um die Gegenwart des Christentums wie um die Zukunft der Wissenschaft seit etwa dreißig Jahren.

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