Gesundheit : Ärzteausbildung: Eine Reform ist überfällig

Rosemarie Stein

Autoreifen mit massiven Herstellungsfehlern gibt man der Firma unter Protest zurück - als Risiko für Leib und Leben. Falsch ausgebildete Mediziner sind mindestens genauso gefährlich und verschwenden außerdem knappe Ressourcen. Aber trotz der vielen Reklamationen, die seit Jahrzehnten in Politik und Öffentlichkeit laut werden, zieht man die Medizinischen Fakultäten für ihre Mängel behafteten "Produkte" nicht zur Verantwortung. Verwunderung darüber äußerten Ausbildungsexperten auf der - heute in Berlin zu Ende gehenden - Jahrestagung der "Association for Medical Education in Europe (AMEE)".

Diese wissenschaftliche Gesellschaft zur Erforschung und Verbesserung des Medizinstudiums besteht seit drei Jahrzehnten; sie tagt aber erst zum zweiten Male in Deutschland und erstmals in Berlin, sinnvoller Weise in der Charité mit ihrem im In- und Ausland Aufsehen erregenden Reformstudiengang. Denn trotz vieler Reformansätze anderer deutscher Universitäten scheint einzig dieser Berliner Modellversuch auf der Höhe des internationalen Diskurses zur überfälligen Modernisierung des Medizinstudiums zu sein. Didaktisch wie inhaltlich erfüllt er die meisten der auf dem Kongress formulierten Forderungen: Das Schwergewicht liegt auf der Grundversorgung und auf den heute vorherrschenden chronischen Krankheiten, der Unterricht ist fächerübergreifend und themenbezogen, seelische und soziale Aspekte werden stärker beachtet und Kommunikationsfähigkeit ist ein wichtiges Lernziel. Statt in vierzig isolierten Kursen Anatomie, Physiologie, Psychologie und so weiter zu büffeln, erwerben die Studenten Kenntnisse in all diesen Fächern an einem konkreten Beispiel, etwa dem herzkranken Menschen.

Wie nun kann man das Niveau des Medizinstudiums und damit der ärztlichen Berufsausbildung überall erhöhen? Wären grenzüberschreitende Standards oder Leitlinien ein geeignetes Instrument? Die Frage ist von großer praktischer Bedeutung: Denn als die Europapolitiker die Kriterien für die Gleichwertigkeit der Ausbildung als Bedingung für die Freizügigkeit der Ärzte festlegten, beschränkten sie sich aufs Quantitative - Studiendauer und Stundenzahl - und kümmerten sich überhaupt nicht um die Qualität der Ausbildung.

Die sei international sehr unterschiedlich, sagte Jordan J. Cohen (Washington), Präsident der einflussreichen Association of American Medical Colleges, vergleichbar dem deutschen Medizinischen Fakultätentag (nur nicht so konservativ). Deshalb befürwortet er gemeinsame wissenschaftliche, professionelle und ethische Standards auf der ganzen Welt - schließlich erwarteten alle Menschen von ihrem Arzt, dass er ihnen zuhöre und sie als Individuum respektiere, also kommunikationsfähig sei, und die Erwartungen an die Medizin würden sich im Zuge der Globalisierung weiter angleichen, trotz aller kulturellen und sozialen Unterschiede.

Charles Boelen, Ausbildungsexperte bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), betonte dagegen eben diese Unterschiede: Die Gesundheitssysteme der einzelnen Länder sollen, so der Standpunkt der WHO, ihre soziale Verantwortung wahrnehmen und sich an den Notwendigkeiten in der jeweiligen Bevölkerung orientieren. Von den akademischen Institutionen verlangt die WHO, die Ärzte so auszubilden, dass sie ihren Aufgaben gegenüber den Individuen und der Gemeinschaft in ihrer Region gerecht werden können. Das heißt, sie dürfen sich öffnen, flexibler werden und enge Beziehungen zur praktizierten Medizin, zur Gesundheitspolitik und zu ihrer Stadt oder Region knüpfen. Boelen hält es für möglich, bis 2020 ein weltweites Projekt zur Akkreditierung und Weiterentwicklung medizinischer Ausbildungsstätten zu verwirklichen - was in der Diskussion angezweifelt wurde.

Im Zentrum anderer Vorträge standen nicht die Inhalte der Ärzteausbildung, sondern die Methoden ihrer Vermittlung. Und die sind oft so unwirksam wie viele alte, nie ordnungsgemäß geprüfte Arzneimittel. Die traditionelle Lehrveranstaltung, die passive Hörer mit dem Stoff des jeweiligen Fachs berieselt, hat ausgedient, wie Ronald Harden, Direktor des Zentrums für medizinische Ausbildung der schottischen Universität Dundee, mit einem Cartoon illustrierte: EinSteppke sagt zu seiner Spielgefährtin, erhabe seinen Hund das Pfeifen gelehrt. "Er pfeift doch aber gar nicht", stellt die Kleine enttäuscht fest. "Ich habe nicht gesagt: Er hat es gelernt, ich habe nur gesagt: Ich habe es ihn gelehrt." Mehr Erfolg versprechen problemorientierte Lehrmethoden, wie sie etwa im Reformstudiengang der Charité praktiziert werden: Eine kleine Gruppe Studierender sucht sich zur Lösung einer konkreten Aufgabe - ein Kind hat Bauchschmerzen und verweigert jede Nahrungsaufnahme - das nötige Wissen selbstständig zusammen, unter zurückhaltender Moderation eines Dozenten.

Vor allem in Deutschland haben Medizinprofessoren, sonst ganz Wissenschaftler, nur selten die Wirksamkeit ihrer Lehrmethoden untersucht. In der Ausbildungsforschung ist die deutsche Medizin international im Rückstand, wie auch dieser Kongress wieder zeigt. Renommierte Fachzeitschriften zu diesem Thema werden hier kaum gelesen, internationale Kongresse fanden bisher fast ohne deutsche Beteiligung statt. Vielleicht bedeutet die Berliner AMEE-Tagung einen Umschwung. Unter den 700 Teilnehmern - ihre Zahl musste begrenzt werden - sind auch über achtzig Deutsche, und 44 beteiligen sich mit Beiträgen. Von den 36 Medizinischen Fakultäten schickten immerhin 15 ihre Abgesandten - was schon viel ist.

Sie alle dürften auf dieser Tagung gesehen haben, wie lang und schwierig der Weg vom Lehren zum Lernen ist. Die alte Vorlesung jedenfalls ist durch nachhaltig wirkende Lernmethoden zu ersetzen, die den Studierenden ins Zentrum stellen und sich am Ergebnis orientieren: dem guten Arzt, der fähig ist, lebenslang weiterzulernen.

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