Ärztliche Hausbesuche : Ein Lächeln als Lohn

In Deutschland wird zu wenig medizinischer Nachwuchs ausgebildet. Gerade Ärzte, die Hausbesuche machen, spüren das. „Wenn ich wollte, könnte ich 24 Stunden am Tag arbeiten“, klagt einer von ihnen. Eine Reportage aus Neukölln und Mahlsdorf

von
Zeit und Zuwendung: Michael Janßen besucht die 100-jährige bettlägerige Anna Mittelstedt in Neukölln. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Zeit und Zuwendung: Michael Janßen besucht die 100-jährige bettlägerige Anna Mittelstedt in Neukölln. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Früher ist Detlef Widera viel gereist. In seinem Wohnzimmerschrank stehen Fotos, die ihn als Mann in den besten Jahren und mit glücklichem Lächeln vor tropischer Kulisse zeigen. Und an der Wand hängt ein Schaukasten mit großen schwarzen Käfern, die Widera selbst in Südostasien gefangen und dann präpariert hat. Das ist lange her. So lange, dass der 68-Jährige sich kaum mehr daran erinnern kann. Heute reist der Schwerbeschädigte nicht mehr. Aufgrund massiver Gedächtnisstörungen und anderer körperlicher Beschwerden kann der frühere Handwerker selbst seine Wohnung schon lange nicht mehr allein verlassen.

Alles, was Widera jetzt noch von der Welt sieht, sind die Bilder in seinem großen Fernseher, die Hauspflegerinnen, die regelmäßig kommen und Michael Janßen. Der 51-Jährige ist Wideras Hausarzt. Alle sechs Wochen besucht der Allgemeinmediziner den alleinstehenden Patienten, um dessen Blutdruck, Gewicht und Allgemeinzustand zu kontrollieren. Aber auch, um Widera etwas zu geben, was für diesen wie für Janßens andere Hauspatienten fast noch wichtiger ist als die medizinische Versorgung: Zeit. Zuwendung. Aufmerksamkeit.

Etwa 40 Hauspatienten betreut Janßen derzeit, dazu behandelt er in seiner Praxis rund 600 weitere Patienten und zusätzlich 55 Fälle im Bereich der suchtmedizinischen Grundversorgung. „Wenn ich wollte, könnte ich 24 Stunden am Tag arbeiten“, sagt Janßen lapidar. Nur hätte er dann nicht mehr genug Zeit für jeden Patienten. Zu wenig Ärzte, nicht nur im Bereich der Allgemein-, sondern vor allem der Lungen-, Herz-, Haut- und Röntgenmedizin, kämen auf die rund 300 000 Einwohner des Bezirks Neukölln, so der Arzt. Damit bekommt Janßen eines der großen Probleme, vor dem Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) vor kurzem auf dem Deutschen Ärztetag in Dresden warnte, schon heute täglich selbst zu spüren: Den vor allem durch zu wenig medizinischen Nachwuchs hervorgerufenen drohenden Ärztemangel in Deutschland.

Seine rund zehn Hausbesuche pro Woche absolviert der passionierte Sportler Janßen, der auch Marathon läuft, von seiner Praxis gegenüber der Neuköllner Oper am liebsten mit dem Fahrrad. Die Schicksale und Krankheitsbilder, auf die der Hausarzt trifft, sind unterschiedlich. Doch ein Problem haben seine meist älteren und alleinstehenden Hauspatienten gemeinsam: Sie können ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Deshalb kommt Janßen zu ihnen. Mit seinem Arztkoffer, in dem sich neben Stethoskop und Blutdruckmanschette auch sein Laptop befindet, denn Janßen bevorzugt die zeitsparende papierlose Praxisführung. Er kommt mit offenem Lächeln und flotten Sprüchen, die umso rauer klingen, je herzlicher sie gemeint sind. Diese frotzelnde Direktheit schätzen seine Patienten. „Als ich 2002 die Chance bekam, in Neukölln recht günstig eine Praxis zu eröffnen, war ich froh. Ich kann es besser mit den einfachen Leuten als mit solchen, die sich mit mir bloß über ihre internetgestützte Selbstdiagnose streiten“, sagt Janßen.

Das will von den vier Hauspatienten an diesem Vormittag niemand. Weder der fröhlich schwatzende Widera noch die 74-jährige Gerda Klare, die nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist und mit ihrem 13-jährigen Kater Willi in einer kleinen Erdgeschosswohnung lebt. Auch nicht Klaus Heintze (Name geändert), der aufgrund von Angststörungen seine Wohnung nicht verlassen kann, gern von seiner früheren Arbeit als Streifenpolizist erzählt und jedem Besucher als Ritual stets eine Schokowaffel mit auf den Weg gibt. Erst recht nicht zu medizinischen Diskussionen aufgelegt ist Anna Mittelstedt. Vor drei Jahren hat die heute 100-Jährige einen Beckenbruch erlitten und ist seitdem bettlägerig. Auch sie hat bis auf einen Neffen in Schwerin keine Familie, zweimal am Tag kommt eine Pflegerin zu ihr und auch Janßen schaut öfter bei ihr vorbei. Zu Mittelstedts hundertstem Geburtstag hat der Arzt sogar seine Frau mitgebracht. „Kommen Sie herein, hier ist es wärmer als draußen“, begrüßt Mittelstedt ihre Gäste gern. Als Janßen ihre kleine Hand lange in der seinen hält, leuchten ihre Augen klar in dem zarten Gesicht.

Alte Menschen gibt es heute viel mehr als noch vor zwanzig Jahren, in manchen Berliner Bezirken steigt der Altersdurchschnitt jährlich gar um ein Jahr an. Doch die aktuelle Bedarfsplanung für Ärzte berücksichtigt dies nicht. „Unsinnigerweise wird sie auf Grundlage von Zahlen aus dem Jahr 1992 ermittelt“, sagt Uwe Kraffel von der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin. Ein 65-jähriger brauche aber viel mehr medizinische Versorgung als ein 45-Jähriger. Da Berlin seit 2003 ein Planungsbezirk ist, kann sich jeder Arzt den Bezirk frei wählen, in dem er arbeiten möchte. Zwar darf sich zurzeit niemand neu niederlassen, weil die Stadt mit fast 8500 Ärzten und Psychotherapeuten als ausreichend versorgt gilt. Doch es gibt keine Vorschrift, die Umzüge innerhalb Berlins reguliert. Das könnte, so befürchten viele, dauerhaft zu starken Ungleichgewichten in den Bezirken führen, und sie fordern die Rückkehr zu einer kleinteiligeren Bezirksaufteilung.

Ulrich Pohrt, der seit 2003 in Mahlsdorf eine urologische Praxis betreibt, teilt die Besorgnis. „Ich kenne zwei aktuelle Fälle aus den östlichen Randbezirken, wo Hausärzte hier eine Praxis übernommen, sie dann geschlossen und in gut situierten West-Bezirken wieder eröffnet haben“, erzählt der 46-Jährige in seinem Sprechzimmer während der Mittagspause. Er wisse von einem 70-jährigen Patienten aus Schöneweide, der nun mit Bus und Bahn zwei Stunden zu seinem neuen Hausarzt in Prenzlauer Berg unterwegs sei.

Pohrt betreut bei einer Wochenarbeitszeit von 60 Stunden rund 1200 Patienten und sechs Altersheime im Quartal. Geld bekommt er allerdings nur für 700 Patienten. „Aber ich kann den Rest ja nicht unversorgt lassen“, sagt der Urologe. Die Praxis regelmäßig zwei Wochen vor Quartalsende schließen, wie das manche Kollegen täten, wolle er nicht. „Ständig denken sich Politiker und die Kassenärztliche Vereinigung etwas aus, um die Mittel für die Gesundheitsversorgung umzuverteilen. Damit wächst aber bloß die Bürokratie, nicht die vorhandene Gesamtsumme“, so Pohrt. Und die ist viel zu niedrig: Mit zehn bis elf Milliarden Euro Defizit im Gesundheitssektor muss Minister Rösler 2011 nach Ansicht von Experten rechnen. Das von Rösler auf den Weg gebrachte Arzneimittel-Sparpaket soll im kommenden Jahr zwei Milliarden sparen helfen.

Pohrt macht auch Hausbesuche, rund 50 die Woche. Und da Mahlsdorf zusammen mit Kauls- und Biesdorf das größte zusammenhängende Einfamilienhausgebiet Berlins bildet, ist er dafür sehr viel mit dem Auto unterwegs, sogar bis nach Schildow, Schöneweide und Lichtenberg. „Rein ökonomisch sind die Hausbesuche ein totales Minusgeschäft“, sagt Pohrt, der für die Praxiseröffnung 250 000 Euro Schulden gemacht hat und Vater einer neunjährigen Tochter ist. Aber schließlich sei er Arzt geworden, um kranken Menschen zu helfen. „Warum auch sonst?“, fragt er.

Viele weitere medizinische Themen, Beratung und Information finden Sie auch in unserem Gesundheitsportal: www.gesundheitsberater-berlin.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben