Gesundheit : Agora-Projekt: Verstrickungen schon beim Frühstück

Anja Kühne

Wenn Elizabeth Dunn morgens vor ihr Seminar tritt, blickt sie in einigermaßen unbedarfte Gesichter: Die Mehrheit der Studenten an der Universität Colorado ist weiß, entstammt der Mittelschicht und war noch nie im Ausland. "Wie kann ich denen klar machen, wie verstrickt wir alle sind?" fragte sich die wissenschaftliche Assistentin am Department für Internationale Beziehungen und entschied sich für ein "geographisches Frühstück": Die Studenten sollten herausfinden, woher ihr Müsli und die Banane darauf stammen. "Sie waren geschockt zu erfahren, dass die Bananen aus Honduras kommen und wie Lateinamerika von uns dominiert wird," erzählte Dunn, die zwei Jahre am Berliner Wissenschaftskolleg im Rahmen des "Agora"-Projekts zur Zukunft von "Arbeit - Wissen - Bindung" geforscht hat.

Über Dunns Grundkurs in Sachen "Verstrickungen" mussten viele Zuhörer, die am Sonnabend zum Abschlusscolloquium des Projekts in den Martin-Gropius-Bau gekommen waren, lächeln: Der von den 13 jungen Forschern der Agora-Gruppe in die Wissenschaft eingeführte Begriff "entanglement" (deutsch: Verstrickung, Verwicklung) zielt sicher auf kompliziertere Vorgänge als den simplen Import einer Banane, die von einem amerikanischen Mitteklasse-Studenten gegessen wird.

Dennoch gehört die Import-Banane zu dem Phänomen, an dem die Forschungen der Fellows am Wissenschaftskolleg in den letzten zwei Jahren nicht vorbei kamen, nämlich dem der Globalisierung. Denn Ziel des interdisziplinären Projekts zu "Arbeit - Wissen - Bindung" war es etwa zu erforschen, wie sich die Umbrüche in der Arbeitswelt auf den sozialen Zusammenhalt und das Berufs- und Freizeitleben des Menschen auswirken, wie die neuen Technologien die Aneignung und Verbreitung von Wissen verändern und welche Bindungen in den nächsten Jahrzehnten die althergebrachten wie die an den Nationalstaat ersetzen könnten.

Gedanken zu diesen Fragen hatten die Fellows in den vergangenen Jahren bereits auf verschiedenen Tagungen diskutiert. Auf der Abschlussveranstaltung ging es ihnen nun darum, die in so unterschiedlichen Forschungsgebieten wie Medizin, Ökonomie oder Literaturwissenschaft gewonnenen Einsichten zusammenzubinden - eben mit dem Begriff entangled histories, der miteinander verstrickten oder verwobenen Geschichten.

Denn schon vor der jetzigen Globalisierung bewegten sich Arbeitssuchende, Missionare oder Flüchtlinge um die Welt und hinterließen die unterschiedlichsten Spuren, seien es nun Medizinkenntnisse, Technologien oder Kunst. Was wäre vor dem Hintergrund der Kolonialisierung etwa genuin englische Literatur, fragten die Fellows im Gropius-Bau und stimmten der Kollegiatin Yi Zheng zu: "Es gibt nichts wirklich Authentisches in irgendeiner Kultur" - weil es niemals Einflüsse über Einbahnstraßen gegeben hat.

Selbst die scheinbar überlegenen Kolonialherren nahmen von den Afrikanern oder Indern manches mit nach Hause oder wurden indirekt von ihnen modernisiert: "Die Gesundheitsprobleme in den Kolonien veränderten die medizinische Forschung in London, Paris und Berlin", wie der Mediziner Vinh-Kim Nguyen sagte. Die Moderne ist demnach kein Produkt der Nordeuropäer gewesen, sondern das Ergebnis von Prozessen, in die die Mutterländer und die Kolonien gemeinsam dermaßen verknäuelt waren und sind, dass simple Austauschbeziehungen zwischen A und B nicht mehr nachgewiesen werden können.

Ist die Idee vom entanglement also vor allem eine freundliche, politisch korrekte Geste gegenüber den Fellows der Agora-Gruppe aus Asien und Afrika? Diesen Gedanken wiesen die Kollegiaten weit von sich. Es geht ihnen nicht in erster Linie um Wiedergutmachung, sondern um Wissenschaftskritik: Die eurozentrische Geschichtsforschung muss zurechtgerückt werden, um aus den viel komplizierteren Wechselbeziehungen der Vergangenheit Erkenntnisse für die undurchsichtige Gegenwart zu sammeln. Bücher über "die Geschichte Deutschlands" sind also überholt: "Wir müssen weg vom Innen und Außen", sagte der Berliner Historiker Sebastian Conrad. Die Forschung habe statt dessen die zeitlichen oder lokalen Schwerpunkte von Verwicklungen - und auch Phasen der "Ent-wirrung" - zu untersuchen.

Dass "alles irgendwie mit allem zusammenhängen" soll, hielten dagegen manche im Publikum für eine allzu beliebige Vorstellung. "Es hat sehr wohl immer voneinander weitgehend unabhängige politische, soziale oder kulturelle Einheiten gegeben", verteidigte ein Zuhörer die nationale Geschichtsschreibung. Mit dem Konzept der "Verstrickungen" könnten scharfe Unterschiede verloren gehen. Für die Fellows sind solche (konstruierten) Unterschiede aber gerade ein Ergebnis der gegenseitigen Verstrickungen: Aus der Geschichte lässt sich lernen, dass Menschen als Gegengewicht zu Verwicklungen, Mobilität und Umbrüchen noch immer soziale Bindungen gesucht haben - etwa in der Zugehörigkeit zu einer Ethnie oder einem Nationalstaat. Auch bei der jetzigen Globalisierung sei ein Ende des Nationalstaats also noch lange nicht in Sicht, beruhigten die Fellows die Skeptiker.

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