Gesundheit : Aids hat sich vom medizinischen zum politischen Problem gewandelt

Alexander S. Kekulé

Die Geschichte der Geheimdienste, auch bisher nicht gerade langweilig, hat kürzlich ihr wohl ungewöhnlichstes Kapitel aufgeschlagen. In branchenüblicher Diskretion befasste sich der National Intelligence Council, das Beratungsgremium von CIA-Direktor George Tenet, mit einem gefährlichen Staatsfeind, neben dem Gaddhafi und Hussein wie Lausbuben dastehen: dem Aids-Erreger HIV, verantwortlich für weltweit 13 Millionen Todesopfer. Als Reaktion auf den Geheimdienst-Bericht haben die USA vergangene Woche zum ersten Mal eine Krankheit zur "Bedrohung für die nationale Sicherheit" erklärt. Das Aids-Virus könnte, so das Szenario, Regierungen stürzen, Kriege auslösen und mühevoll errungene Erfolge bei der Demokratisierung von Entwicklungsländern zunichte machen.

Der im US-Wahlkampf-Getöse geschickt platzierte Paukenschlag ist nicht von humanitären, sondern von knallharten wirtschaftlichen Motiven bestimmt - und hat gerade deshalb gute Chancen, die entscheidende Mobilmachung gegen die Seuche einzuläuten. Seit geraumer Zeit gibt es Medikamente, die das Leben HIV-Infizierter um Jahrzehnte verlängern und die Ansteckungsgefahr verringern können. Für die Entwicklungsländer, in denen 95 Prozent der 35 Millionen Infizierten leben, ist Aids jedoch kein medizinisches, sondern ein finanzielles Problem: gegen Tuberkulose, Lungen- und Gehirnentzündung, Begleiterscheinungen der Aids-Infektion, gibt es meist nicht mehr als eine Aspirintablette. Auch Prävention durch Aufklärung, Kondome und Kontrolle der Prostitution führen zu einem deutlichen Rückgang der Infektionen, wie Programme in Uganda, Senegal und Thailand bewiesen.

Doch für Prävention fehlen in den Entwicklungsländern nach UN-Schätzungen jährlich mindestens zwei bis drei Milliarden Dollar. Was Wissenschaftler und Ärzte seit langem in düsteren Prognosen vorgerechnet haben, ist nun offenbar auch in den Köpfen der Politiker angekommen: Aids ist kein tragisches Schicksal von Individuen mehr, sondern eine globale Katastrophe. In einigen Staaten Afrikas ist bereits ein Viertel der Erwachsenen infiziert, so dass in wenigen Jahren Ärzte, Lehrer, Verwaltungskräfte und Polizisten fehlen werden. Millionen verwaister Kinder ohne Einkommen bilden weiteren sozialen Sprengstoff. In geheimdienstlicher Akribie haben die CIA-Berater 75 Faktoren verglichen, die in der Vergangenheit zur Destabilisierung politischer Systeme geführt haben. Ergebnis: Aids ist derzeit auf dem Globus der größte Risikofaktor für "Revolutionen, ethnische Kriege und Völkermorde".

Nach Afrika, so die Vorhersage, wird die Seuche zur wirtschaftlichen und politischen Destabilisierung in Südasien und der früheren Sowjetunion führen. Das dürfte bei den CIA-Beratern altbekannte Ängste wieder erweckt haben. Die US-Regierung hat zur Abwendung der "Bedrohung der nationalen Sicherheit" die Aids-Hilfe für die Entwicklungsländer auf 254 Millionen Dollar verdoppelt. Auch die Weltbank will Mittel zur Verfügung stellen. Al Gore hält es sogar für denkbar, den betroffenen Ländern die Nachahmung von Aids-Medikamenten amerikanischer Pharmafirmen ohne Zahlung von Lizenzgebühren zu erlauben. Bisher haben derartige Verstöße gegen das Patentgesetz, durch die Medikamente bis zu fünfzig Mal billiger verkauft werden können, zu drakonischen Sanktionen geführt.

Ob die afrikanische Katastrophe damit zu verhindern ist, ist allerdings zweifelhaft. Die Rüstungsetats der betroffenen Länder übersteigen die Gesundheitsausgaben nach wie vor um ein Vielfaches. Einige Regierungen verleugnen sogar auf groteske Weise das Problem: Südafrikas Präsident Mbeki reagierte auf Vorwürfe, schwangeren Frauen das Medikament AZT vorzuenthalten und fast die Hälfte seines 17 Millionen Dollar Aids-Budgets nicht zweckgemäß verwendet zu haben, mit der absurden Behauptung, Aids werde gar nicht durch HIV verursacht. Mbeki beschimpft seine Kritiker als "geistige Terroristen". In Südafrika werden in den nächsten zehn Jahren 3,5 Millionen Menschen an Aids sterben.Der Autor ist Direktor des Institutes für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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