Gesundheit : Akademietagung: Paladine, Traditionshüter und Reformer

Uwe Schlicht

Tagungen haben ihre Eigengesetzlichkeit. Alles kann ganz anders kommen als am grünen Tisch geplant. Zunächst sah es so aus, als ob die Union der sieben Akademien der Wissenschaften in Deutschland ihre Tagung in München nutzen würde, um zu einem großen Schlag gegen ihre Kritiker auszuholen. Frei nach dem Motto: Eine deutsche Akademie wäre als Instrument der Politikberatung abhängig von den jeweils aktuellen Fragen, und das wünschten die Wissenschaftler nicht. Die Länderakademien dagegen seien der eigentliche Hort einer in langen Zeiträumen denkenden Grundlagenforschung. Denn die Geistes- und Kulturwissenschaften stünden an den Universitäten im Schatten der Naturwissenschaften.

Ohne Zweifel: Akademien pflegen die Langzeitvorhaben - 168 an der Zahl - und bewahren damit zugleich das europäische Kulturerbe, wenn sie sich um ein altägyptisches Wörterbuch, um lateinische Inschriften kümmern, die deutsche Literatur des Mittelalters erschließen, die Monumenta der deutschen Geschichte sammeln, die uralten Reichstagsakten bearbeiten, Wörterbücher herausgeben oder die großen Editionen anpacken - ob über Leibniz, Marx und Engels, Schleiermacher oder Jean Paul.

Aber es gibt berechtigte Einwände gegen die traditionelle Akademiearbeit, und einer der pointiertesten Kritiker, der Präsident derBerlin-Brandenburgischen Akademie, Dieter Simon, war gar nicht erst zu der Tagung nach München gereist. Auf Nachfragen sagte ein führender Repräsentant der Bayerischen Akademie, natürlich hätte Simon kommen können - "die Tagung ist für jeden offen", aber Wolfgang Frühwald als "sein Paladin" halte ja einen Vortrag. Bereits die Wortwahl Paladin für Wolfgang Frühwald lässt aufhorchen: Frühwald ist selbst Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und genießt als ehemaliger Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie als derzeitiger Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung einen internationalen Ruf. Er ist kein Paladin.

Frühwald ist zum Kritiker der Akademien geworden. In München sagte er: "Die Akademien sind in eine Legitimationskrise geraten und sie haben es noch gar nicht erkannt. Das ist tödlich." Immerhin haben sie eine jährliche Summe von 200 Millionen Mark zur Verfügung. Was machen sie mit dem Geld? Wolfgang Frühwald ließ es sich nicht nehmen, bei aller Wertschätzung für die Kulturleistung der Langzeitvorhaben, deren unbegrenzte Dauer von über 100 Jahren anzuprangern. Frühwald sprach von einer "Sklerose". Die Bearbeiter einiger Langzeitvorhaben versuchten in den Jahresberichten den Status quo zu bewahren, und die Akademien segneten im Stil zeitlich überforderter Aufsichtsräte einmal im Jahr die meisten Berichte ab. "Nach einer Wissenschaftlergeneration müsse jedes Projekt auf den Prüfstand. 30 Jahre reichen für ein Langzeitprojekt aus." Dann müsse eine Akademie in der Lage sein, zu entscheiden, ob das Langzeitvorhaben fortgeführt werde oder wann es zum Abschluss zu bringen sei.

Winfried Schulze, Historiker und ehemaliger Vorsitzender des Wissenschaftsrats, hieb in dieselbe Kerbe: "Meine Generation, die Mitte der 60er Jahre in die Wissenschaft kam, hatte keine Chance, Langzeitvorhaben zu begründen." Junge Wissenschatler hätten sich heute von Anfang an auf die Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft einzurichten: nämlich in Perioden von vier bis maximal zehn Jahren ein Projekt zu Ende zu führen. Auch der sächsische Wissenschaftsminister Hans-Joachim Meyer appellierte an die Akademien, die Langzeitvorhaben nicht als die "wesentliche Legitimation" an die Spitze zu stellen.

Langzeitprojekte als Aschenputtel

Diese geballte Kritik rief die geschlossene Front der Repräsentanten der Akademien zur Verteidigung der Langzeitvorhaben auf den Plan. Gottfried Seebaß, der ehemalige Präsident der Heidelberger Akademie, räumte immerhin ein, dass die "reine Vollständigkeit" eines Langzeitvorhabens "kein sinnvolles Ziel" sein könne. Dennoch verteidigte Seebaß die Akademiearbeit mit der bekannten Begründung: "In den Langzeitvorhaben wird kulturwissenschaftliche Grundlagenforschung betrieben". Für die Geisteswissenschaftler seien Langzeitprojekte nicht erst dann von Bedeutung, "wenn sie abgeschlossen sind, sondern bereits während ihrer Erarbeitung". So werde mit den mittelalterlichen Quellen ständig gearbeitet, obwohl die Edition noch nicht beendet sei. Würden die Akademien nur auf Gegenwartsfragen ausgerichtet, "wäre das die beleidigende Enseitigkeit des Gegenwärtigen".

Gotthart Lerchner, der Präsident der Sächsischen Akademie, beschwor sogar Grimms Märchen herauf, um zu verdeutlichen, dass die Langzeitvorhaben zwar heute noch die Existenz eines Aschenputtels beim anscheinend sinnlosen Linsenzählen führten, aber auf die Entdeckung durch den Prinzen harrten, um danach allgemein anerkannt zu werden. Für ihn wie auch für den Sprecher der Union der sieben deutschen Akademien, Clemens Zintzen, ist die Arbeit an den großen Wörterbüchern ein Beitrag zur Bewahrung des kulturellen Gedächtnisses. Nur müsse diese Leistung der Öffentlichkeit besser als bisher vermittelt werden.

Clemens Zintzen ließ sich bei soviel Rückenwind die Gelegenheit nicht entgehen, die chronische Unterfinanzierung der Akademien zu beklagen. Wenn man die Langzeitprojekte kontrolliert weiterführen oder deren ständige Verlängerung beenden wolle, müssten die Akademien entsprechend ausgestattet werden: nur 1,4 Prozent Etaterhöhung durch Bund und Länder seien zu wenig. Er hoffe, dass der versprochene Zuwachs um vier Prozent im Jahr 2002 auch für die weitere Zukunft gelten werde.

Was bleibt den Akademien außer der Arbeit an den Langzeitvorhaben und der Sorge für genügend wissenschaftlichen Nachwuchs? In der Politikberatung spielen sie in Deutschland ganz im Gegensatz zum Ausland so gut wie keine Rolle - von einigen Tagungen zu aktuellen Fragen abgesehen. Winfried Schulze forderte die Akademien auf, gerade weil sie erfahrene ältere Wissenschaftler aus einer Vielzahl von Disziplinen vereinen, bereits heute eine begleitende Wissenschaftskritik zu leisten und den Versuch zu wagen, wichtige Themen, die in zehn oder 15 Jahren aktuell werden können, rechtzeitig zu erkennen.

Politikberatung auf neuer Grundlage

Für die Politikberatung wies Winfried Schulze zusammen mit Wolfgang Frühwald einen ganz anderen Weg: Abschied zu nehmen von dem Gedanken einer nationalen deutschen Akademie und stattdessen einen Forschungsrat nach amerikanischem Vorbild ins Leben zu rufen. Der "National Research Council" in den USA fasst die Aktivitäten der drei großen amerikanischen Akademien zusammen und berät die Regierung kontinuierlich seit dem Ersten Weltkrieg. Etwa 400 Gutachten werden innerhalb eines Jahres erbarbeitet - das entspricht dem aktuellen Beratungsbedarf von Politikern.

Sollte ein ähnlicher Rat in Deutschland gegründet werden, könnten seine Ergebnisse nur dann politisch wirksam werden, wenn der Rat möglichst hoch angesiedelt wird - ob beim Bundeskanzler oder beim Bundespräsidenten, ließ Frühwald offen.

Wie soll der Forschungsrat arbeiten? Klaus Pinkau, Kernforscher und vor 17 Jahren Planungsbeauftragter für eine Reformakademie im damaligen West- Berlin, stellte vier Forderungen: 1. Der Rat müsse Arbeitsgruppen einsetzen und frei besetzen können. 2. Diesen Arbeitsgruppen seien Ziel und Zeit vorzugeben. Der Rat müsse jederzeit kontrollierend eingreifen dürfen. 3. Vor der Veröffentlichung der Gutachten habe der Forschungsrat intern den Arbeitsbericht zu bewerten und einer Kritik zu unterziehen. 4. Nach der Veröffentlichung der Gutachten sollte der Forschungsrat auch einen Streit mit der Politik aushalten.

Horst Fuhrmann, der ehemalige Präsident der bayerischen Akademie, ergänzte unter dem Beifall der versammelten Wissenschaftler: Ein nationaler Forschungsrat müsse auch die Bearbeitung eines Themas ablehnen können. Andere forderten, dass sich ein Forschungsrat auch ungefragt in die aktuelle Dikussion einmischen sollte.

Der sächsische Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer unterstützt den Vorstoß von Winfried Schulze und Wolfgang Frühwald. In einem nationalen Forschungsrat sieht er dann eine sinnvolle Institution, wenn die besten Wissenschaftler aus den Universitäten, den Forschungsinstituten, den Wissenschaftsorganisationen und den Akademien für eine Beratung zur Verfügung stehen. Sollten Bund und Länder gemeinsam den Rat wünschen und ihn finanzieren, werde das nicht in einer Anmaßung von Kompetenzen durch den Bund enden.

Offensichtlich drängt die Zeit. Dass die Politiker angesichts von BSE-Krise und den Folgen der Genomforschung auf Rat angewiesen sind, liegt auf der Hand. Wie man hört, hat sich bereits Bundeskanzler Schröder eine Expertise über Aufgaben und Einrichtung eines nationalen Forschungsrates bestellt. Einwände, dass ein nationaler Rat nicht mehr zeitgemäß wäre, weil man gleich europäisch denken sollte, wies Winfried Schulze zurück. In den nächsten zehn bis 15 Jahren müsse noch mit nationalen Wissenschaftssystemen gerechnet werden.

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