Gesundheit : Akademiker Mangelware

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Von Bärbel Schubert

Die Bayern sind traditionell stolz auf ihre Schulen und pochen besonders auf die Qualität des Abiturs. Das erreicht dort nur jeder fünfte Jugendliche. In den Großstädten schafft das bundesweit fast jeder zweite. Das bayerische Gymnasium dagegen ist klein, aber fein geblieben. Entsprechend nehmen wenige junge Leute ein Studium auf. Doch die Kehrseite der Medaille: Auch in Bayern steigt der Bedarf an Akademikern auf dem Arbeitsmarkt. Deshalb muss das Land jährlich 4400 Nachwuchs-Akademiker aus anderen Bundesländern oder dem Ausland „importieren“, um den Fachkräftebedarf der eigenen Wirtschaft zu decken. Dies errechnete jetzt der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm für eine aktuelle Untersuchung. Ursache für diesen Mangel sei eindeutig die viel geringere Ausbildungsleistung.

Das Beispiel Bayern zeigt anschaulich, dass sich das Ausbildungsangebot in Deutschland in den vergangenen Jahren von Bundesland zu Bundesland höchst unterschiedlich entwickelt hat. Doch nicht Bayern allein profitiert von der Ausbildung in anderen Ländern: Auch die ostdeutschen Hochschulen entlassen zu wenig Absolventen gemessen am aktuellen Eigenbedarf der neuen Bundesländer.

Bei der Ausbildung der Akademiker engagiert sich vor allem Nordrhein-Westfalen, das derzeit von der Kritik an seinen Plänen für Langzeit-Studiengebühren gebeutelt ist. Fast jede vierte Hochschul-Abschlussprüfung wird in diesem Bundesland angelegt (23,19 Prozent). Gleichzeitig beschäftigt das bevölkerungsreichste Bundesland aber weniger Akademiker im eigenen Land.

Eine ganze Uni fehlt

Niedersachsen geht ebenfalls mit einem Plus aus dieser Ausbildungsbilanz hervor, wie die Studie zeigt und auch Rheinland-Pfalz und Bremen bilden Studenten erheblich über den eigenen Fachkräftebedarf hinaus aus. Der Forscher: „Wenn Bayern seinen Akademikerbedarf selbst decken wollte, müsste es eine Universität von der Ausbildungsleistung der Münchner Ludwig- Maximilian-Universität zusätzlich betreiben“. Die Kosten dafür betrügen jährlich etwa zweihundert Millionen Euro.

Der Wissenschaftler hat für die Untersuchung aktuelle Zahlen der Hochschulprüfungen sowie Bevölkerungs- und Arbeitsmarktstatistiken über Beschäftigungsstruktur und Fachkräftebedarf in den einzelnen Bundesländern ausgewertet. Nach Auffassung von Klemm werden sich die heute bereits auf dem bundesdeutschen Arbeitsmarkt zu beobachtenen Mangelerscheinungen bei Ingenieuren, Computerfachleiten, Ärzten und neuerdings auch bei Lehrern weiter verschärfen. Neben dem Trend zu immer höherer Qualifikation in vielen Berufen komme hinzu, dass in den nächsten Jahren besonders „starke“ Akademikerjahrgänge aus Altersgründen in Pension gingen.

Bayern bildet bei der Bildungsbeteiligung das Schlusslicht in Deutschland. Pro Altersjahrgang erwerben dort 29 Prozent das Abitur oder die Fachhochschulreife. Bundesweit sind dies 36 Prozent. Die internationale Durchschnittsquote der Industriestaaten liegt dagegen bereits bei 57 Prozent. Bei der Studie ist berücksichtigt, dass Bayern eine große Zahl von Abiturienten aus anderen Bundesländern an seinen Hochschulen ausbildet. Wenn Bayern seine Hochschulen nicht mit diesem „Abiturienten-Import“ aus anderen Bundesländern auffüllen würde, stünden noch weniger Akademiker für die Wirtschaft des Landes zur Verfügung.

Ost-Länder mit West-Importen

Alle neuen Bundesländer „importieren“ der Untersuchung zufolge insgesamt jährlich 2 200 Akademiker aus dem Westen, obwohl dort der Akademiker-Arbeitsmarkt eigentlich nicht boomt.

Die sich hinter dieser Zahl verbergende „Ausbildungsschwäche“ der Ost-Hochschulen ist nach Aussage von Klemm nicht Folge einer zu geringen Absolventenquote der dortigen Schulen. Ursache sei vielmehr die im Osten im Vergleich zum Westen immer noch geringere Studierneigung der Abiturienten, die sich allerdings jetzt leicht verbessert hat. Sowohl die Ministerpräsidenten als auch die Arbeitsämter hatten entsprechende Werbekampagnen gestartet. Nach Aussage Klemms wird sich voraussichtlich die geringe Studierneigung gleichwohl „perspektivisch als Problem erweisen, wenn in Folge des Einrückens geburtenschwacher Jahrgänge in die Hochschulen der neuen Länder dort nicht auf Vorratsproduktion früherer Jahrgänge und auch nicht auf Akademikerimporte aus dem Westen gesetzt werden kann“, weil auch dort Akademiker fehlen werden.

Allerdings haben alle ostdeutschen Bundesländer ihre ursprünglichen Ausbaupläne für die Hochschulen aus finanziellen Gründen in den letzten Jahren bereits nach unten korrigiert und streben nun weniger Studienplätze an.

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