Gesundheit : Akademikermangel: Die Nachwuchsfalle

Bärbel Schubert

Die Nachrichten über fehlende Spitzenforscher häufen sich seit einiger Zeit. Allein für die Europäische Union wird eine Lücke von 500 000 bis zum Jahr 2010 prognostiziert. Deutschland schneidet bei den internationalen Vergleichen überwiegend schlecht ab und liegt mit einem Bevölkerungsanteil von 6,7 Forschern auf 1000 Einwohner deutlich hinter den USA (8) und Japan (9), kritisierte der Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung, Wolfgang Frühwald. Beim ersten Jubiläum der Jungen Akademie am Freitag in Berlin erläuterte Frühwald, wie diese Lücke entsteht.

An Graduiertenkollegs und anderen Möglichkeiten zur Promotion sieht der Präsident der Humboldt-Stiftung in Deutschland keinen Mangel. Die "Nachwuchsfalle" setzt danach ein, in der sogenannten Post-Doc-Phase. Frühwald: "Sie führt in einen rappelvollen Raum, aus dem es nur wenige Ausgänge gibt". Wenige Stelle, unkalkulierbare und lange Wartezeiten bestimmen für viele diese Phase auf dem Weg zur Professur. Das trifft sie - oft Mitte 30 - in der Phase der Familiengründung. "Viele junge Frauen werfen in dieser Zeit das Handtuch, viele junge Männer orientieren sich um", resümiert Frühwald. Diese "auszehrenden " Wartephasen schreckten ab und seien alles andere als gottgegeben.

Ziel jeder Reform müsse die Aussicht auf Lebensplanung auch für Wissenschaftler sein. Die von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) geplante Einführung der Juniorprofessur als Alternative zur Habilitation müsse daher ergänzt werden, forderte der Humboldt-Präsident. Auch in Deutschland müsse eine Wissenschaftler-Laufbahn geschaffen werden, nach dem Beispiel des amerikanischen tenure-track. Dabei können junge Wissenschaftler grundsätzlich auf ihrer Stelle bleiben, wenn sie gute Forschungsergebnisse erzielen. In Deutschland sind Qualifikationsstellen dagegen befristet. Auch der erfolgreiche Nachwuchswissenschaftler muss nach Abschluss seiner Arbeit seine Universität verlassen - wenn keine Stelle frei ist - und sich bei einer anderen Hochschule als Professor bewerben. "Nur einen Tunnel hinzustellen, ohne Licht am Ende des Tunnels ist Unsinn", kritisierte Frühwald Bulmahns Pläne zur Dienstrechtsreform.

Dennoch sieht der Wissenschaftler "reale Chancen, dass sich die Nachwuchsfalle in Deutschland öffnet". Die Juniorprofessur gehöre dazu, wie auch die Gründung großer Forschungszentren. Frühwald berichtete auch von Erfahrungen im Ausland: In den USA habe das bekannte Massachusetts Institute of Technology gerade in der vergangenen Woche Versuche abgelehnt, tenure-track abzuschaffen. Den österreichischen Weg, die Habilitation mit der Verbeamtung zu verbinden, sieht er als gescheitert an. Für Jüngere müsse ein Zugang geradezu mit Zwang geschaffen werden.

Aus seinen aktuellen Erfahrungen als Nachwuchswissenschaftler pflichtete Giovanni Galizia von der Jungen Akademie Frühwald in der Forderung nach planbaren Wissenschaftler-Laufbahnen bei. Grundsätzlich befürwortet die Junge Akademie Bulmahns Pläne für ein neues Dienstrecht, wünscht ihr aber noch "mehr Mut" für die Einführung einer tenure-track-Laufbahn. "Es wird Auffangstellen nach der Qualifikation geben müssen, sonst geht das Erstberufungsalter durch die Wartezeiten gleich wieder hoch", forderte der Biologe.

Zur Nachwuchsförderung hat die Berlin-Brandenburgische Akademie, der die Junge Akademie angehört, ein neues Stipendium geschaffen. Das Akademiestipendium soll die selbstständige Forschung junger Wissenschaftler und ihre frühe Verbindung zur internationalen Wissenschaftsgemeinschaft unterstützen. Mit 60 000 Mark ist es in erster Linie für einen Auslandsaufenthalt gedacht. Erste Stipendiatin ist die Politologin und Ethnologin Julia Eckert (Jahrgang 1967), die seit diesem Jahr die rechtsethnologische Forschung am Max-Planck-Institut für Ethnologie in Halle koordiniert.

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