Gesundheit : Aktenpflege statt Altenpflege

Diskussion bei Berliner Kongress: Wie lässt sich die Situation verbessern?

Adelheid Müller-Lissner

Markus Breitscheidel ist sozusagen der Günter Wallraff der Pflege. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler und frühere Marketingleiter verdingte sich über ein Jahr lang als Pflegehilfskraft. Über seine Erfahrungen in fünf deutschen Alten- und Pflegeheimen berichtete er in einem Buch mit dem reißerischen Titel „Abgezockt und totgepflegt“ (Econ 2005). Der Autor wurde jetzt von der Profession, die er so kritisch unter die Lupe nahm, zum Kongress „Pflege 2006“ nach Berlin eingeladen.

Breitscheidel machte dort nicht die professionellen Alten- und Krankenpflegekräfte für die Missstände verantwortlich, über die er in seinem Buch ausführlich berichtet. Deren Ausbildung bewertete er sogar als „vorzüglich“. „Für mich kommen die Missstände von den Rahmenbedingungen, ich halte die Akkordarbeit in der Pflege für unerträglich“, sagte er.

Er habe sich selbst bei der Arbeit „mehr und mehr wie ein Pflegeroboter“ gefühlt. Schuld seien Unterversorgung mit qualifiziertem Personal und übersteigerte Gewinnorientierung vieler privatwirtschaftlich organisierter Heime – Folgen der Pflegeversicherung, mit deren Einführung eigentlich Kostensenkung durch freien Wettbewerb und gute Versorgung für alle Einkommensschichten beabsichtigt war.

„Die Branche ist besser als ihr Ruf“, entgegnete Beate Gerber, Heimleiterin des Stiftsheims in Kassel. Viele der „Pflegeskandale“ sieht sie eher als „Medienskandale“. Doch sie sprach auch von Überlastung der Pflegekräfte – vor allem durch den Zwang zur akribischen Buchführung. Eine vom bayerischen Sozialministerium in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Ergebnis, dass 40 Prozent der Arbeitszeit der Pflegefachkräfte heute der Verwaltung gelten. „Oft treiben wir Aktenpflege statt Altenpflege“, meint die Heimleiterin.

Dass alles dokumentiert wird, ist angesichts der Zunahme gerichtlicher Auseinandersetzungen über „Pflegefehler“ aber wichtig. Gegen Pflegekräfte wird heute vor allem geklagt, wenn Angehörige der Meinung sind, ein Sturz oder das Wundliegen seien vermeidbar gewesen oder bei der Verabreichung von Medikamenten sei ein Fehler passiert.

In vielen Fällen haben Pflegekräfte dann auf ärztliche Anordnung hin gehandelt. Doch sie drängen jetzt darauf, die Erlaubnis zur eigenständigen Tätigkeit zu bekommen. „Pflege verlangt heute Fähigkeiten und Kenntnisse, die längst eine Neuverteilung der Aufgaben nötig machen“, sagte Marie-Luise Müller, Präsidentin des deutschen Pflegerates. Angesichts drohenden Ärztemangels brachte sie eigene „Pflegepraxen“ ins Gespräch, deren Inhaber etwa chronische Wunden, eine „Domäne“ der Pflege, selbstständig behandeln dürften. Auch die Beratung in vielen Gesundheitsfragen sollte erlaubt sein – im Unterschied zu den ambulanten Pflegediensten, die es heute schon gibt.

„Pfleger, macht den Mund auf!“, hatte Autor Breitscheidel in seinem Vortrag „unter uns Pflegekräften“ aufgefordert. 1,2 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland als Profis in der Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege. Der Jurist Heinrich Hanika empfiehlt dringend eine Organisation des Berufsstands in Pflegekammern, analog zu den Ärztekammern. „Eine Pflegekammer wäre nach innen für die Qualität und nach außen für die Sicherstellung der Versorgung zuständig.“

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