Gesundheit : Alarm im Blut

Ein Teilnehmer des missglückten Londoner Medikamententests ist an Lymphknotenkrebs erkrankt. Ist der Wirkstoff der Auslöser?

Paul Janositz

Für David Oakley nimmt der Schrecken kein Ende. Lymphknotenkrebs wurde jetzt bei dem 35-jährigen Briten festgestellt. Dabei hatte es vor kurzem noch so ausgesehen, als sei das Schlimmste überstanden. Oakley war einer der sechs Versuchspersonen, die im März nach der Einnahme des Wirkstoffs TGN412 im Londoner Northwick Park Hospital schwer erkrankt waren. Der Kopf war enorm angeschwollen, Organe versagten.

Dann verschwanden die Symptome. Oakley und seine Mitstreiter, die für umgerechnet rund 2800 Euro die riskante Studie auf sich genommen hatten, wurden entlassen. Er werde völlig gesund, versprachen die Ärzte.

Doch nun schrillten wieder die Alarmglocken. Bei einer Blutuntersuchung wurden „bestimmte Zellen festgestellt, die nicht da sein sollten“, sagte Oakley jetzt der Zeitung „Mail on Sunday“. Es handele sich um Anzeichen von Lymphknotenkrebs. Er hoffe, dass die Diagnose früh genug erfolgt sei, um die Krankheit vollständig besiegen zu können.

Die Hoffnung ist dann berechtigt, wenn es sich um Lymphknotenkrebs der schnell wachsenden Sorte handelt. „Lymphknotenkrebs kann relativ schnell entstehen, innerhalb von zwei bis drei Monaten“, sagt Gerhard Held, Oberarzt an der Abteilung für Hämatologie und Onkologie der Universität Homburg, Saar. Dann handele es sich um eine „high grade“-Version, bei der sich die Krebszellen rasend schnell teilen.

Sichtbare Symptome brauchen zunächst nicht aufzutreten. Bis dann plötzlich eine Schwellung auffällt. „Es kann sein, dass man morgens beim Rasieren einen dicken Lymphknoten am Hals entdeckt“, erklärt Held. Auch unter der Achsel und in der Leiste können die Knoten geschwollen sein. Als sonstige Symptome nennt Held Fieber, Gewichtsverlust oder starkes nächtliches Schwitzen.

Ob Oakleys Krebserkrankung auf die Einnahme des Wirkstoffs TGN412 zurückgeht, ist nach Helds Ansicht derzeit nicht zu beurteilen. Zwar greift der Antikörper in das Immunsystem ein. Er sollte ja gerade Menschen mit Blutkrebs helfen. Auch für die Therapie von Multipler Sklerose oder Rheuma war er gedacht.

Doch die Krankheit bricht täglich bei Menschen aus, die nie an Medikamententests teilgenommen haben. In Deutschland gibt es jährlich rund zehntausend Betroffene. Auch die Statistik hilft bei der Suche nach dem Verursacher nicht weiter. Schließlich ist bisher nur einer von sechs Studienteilnehmern erkrankt.

Sollten aber noch weitere Versuchspersonen Lymphknotenkrebs bekommen, würde die Wahrscheinlichkeit steigen, dass der fragliche Wirkstoff Auslöser sein könnte. Der Streit um Schadenersatz dürfte jedenfalls in eine neue Runde gehen. TeGenero hat bisher 14 400 Euro an vier Teilnehmer gezahlt, gefordert sind pro Person 7,2 Millionen Euro. Die betroffene Firma schweigt zu den möglichen Konsequenzen. „Den Gesundheitszustand der Studienteilnehmer können wir nicht kommentieren, da wir keinen Zugang zu den aktuellen medizinischen Daten haben“, sagte Thomas Hanke, bei TeGenero für Forschung zuständiges Vorstandsmitglied, dem Tagesspiegel.

Was die Heilung betrifft, so sind die Aussichten für den krebskranken Oakley nicht schlecht. Gerade weil er an der aggressiven Form leidet. „Das schnell wachsende Lymphom lässt sich sehr gut behandeln“, sagt Held. Da sich die Krebszellen dauernd teilten, seien sie sehr empfindlich gegen Chemotherapie.

Die Chancen auf Heilung beziffert der Homburger Experte „je nach Risikoprofil mit 50 bis 100 Prozent“. Bedenklicher sieht er es, wenn die Krebszellen – wie möglicherweise bei Oakley – bereits im Blut festgestellt werden. „Dann wäre es ein fortgeschrittenes Stadium mit entsprechend schlechteren Aussichten auf Heilung“, sagt Held.

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