Gesundheit : Alkohol: "Das kann ein normaler Mensch nicht verstehen"

Bas Kast

Zu Besuch im Jüdischen Krankenhaus in Berlin, auf der Station für Alkoholkranke, wenige Tage vor Weihnachten:

"Es klingt komisch", sagt Lene*. "Aber der Schmerz war angenehm." Die Augen der jungen Frau blicken nach unten. "So konkret, so wirklich." Aus der schwarzen Lederhandtasche auf dem Stuhl neben ihr gucken Röntgenbilder hervor.

Lene ist unruhig, 29, sie hat helles Haar. Zu Ostern dieses Jahres ist sie zusammengebrochen.

Manchmal, wenn sie erzählt, greift sie mit der Hand zur Stirn, so fest, als wollte sie verhindern, dass ihr der Schädel zerplatzt.

Lene hat sich gerade zwei Muttermale entfernen lassen, eine Vorsorge gegen Hautkrebs, den sie vor über zehn Jahren hatte. Sie zeigt die zwei Narben auf dem linken Bein - daher der Schmerz, der sichtbare Schmerz.

Es ist nicht der Schmerz, der Lene ins Jüdische Krankenhaus gebracht hat. Lene ist hier, weil sie Alkoholikerin ist.

Kurz vor dem Zusammenbruch: Lene verbringt die Tage im Bett, ohne Essen, dafür mit Bier. Mit viel Bier. Die Frau trinkt, bis ihr schwarz vor Augen wird.

"Das ist etwas, was ein normaler Mensch nicht verstehen kann", sagt Rolf-Rüdiger Salloch-Vogel, 62, Chefarzt am Jüdischen Krankenhaus, graues, kurzes Haar, dazu eine randlose Brille mit kräftigen Gläsern. "Ein Alkoholiker trinkt, bis er nicht mehr kann." Suchtexperten sprechen von "Kontrollverlust": ein Schluck zieht unweigerlich den nächsten nach sich, noch einen, immer wieder - bis zum Umkippen.

Zwei Millionen Betroffene

Der Kontrollverlust lässt sich nicht abschalten und nicht wegtherapieren. Ein Alkoholiker kann sich nicht mäßigen. Deshalb hat er nur eine Wahl: trocken bleiben oder am Suff zu Grunde gehen. Wie Harald Juhnke.

Salloch-Vogel sitzt Lene gegenüber, seiner Patientin. Manchmal unterbricht er sie, sagt mit ruhiger Stimme: "Ich will das nicht. Ich will, dass Sie zu Weihnachten einmal an sich denken."

Damals zu Ostern: Lenes Cousin aus München bringt sie wieder auf die Beine. Doch der Cousin, Sohn eines alkoholkranken Vaters, ist selbst Patient, leidet unter Panikattacken und einer ungreifbaren Angst. Weihnachten wollen die beiden in Berlin feiern - aber der Cousin kann nicht alleine in den Zug. Lene muss ihn abholen, einmal München und zurück, eine Belastung, die ihr der Arzt nicht zumuten möchte.

"Ich schulde ihm das", sagt Lene. "Sie können nicht", sagt der Arzt. "Er kann ja herkommen. Er kann sich ja bringen lassen. Aber ich finde es nicht gut, wenn Sie ihn holen. Sie sind krank, nehmen Sie das ernst."

Zwei bis zweieinhalb Millionen Deutsche sind Alkoholiker. Die Krankheit fordert jährlich 42 000 Tote. Jeder siebte Betroffene begeht Selbstmord. Schätzungen, sagt Salloch-Vogel, nicht mehr.

Denn schon eine genaue Definition von Alkoholismus ist schwierig. Kontrollverlust ist eines der untrüglichen Kennzeichen der Krankheit.

Das andere sind die Entzugserscheinungen, wenn der Stoff mal ausbleibt. Zittern, Schweißausbrüche, Kreislaufprobleme.

Im zweiten Stock des Krankenhauses befindet sich Salloch-Vogels Station, 60 Betten - 44 sind belegt. "Das ist die Weihnachtszeit", sagt der Chefarzt. In der Küche der Station brennen rote Kerzen, am Fenster hängt eine Lichterkette, Weihnachtsdekoration. "Wer will schon gerade dann auf Entzug, wenn alle anderen feiern und trinken?"

Mindestens einmal die Woche besucht der Chefarzt die Patienten. Führt ein Gespräch mit jedem Einzelnen.

In einem der Räume liegen vier Frauen, eine sitzt auf ihrem Bett und liest ein Konsalik-Buch.

Eine andere liegt zitternd unter der Bettdecke, verkrampft. Salloch-Vogel setzt sich neben sie, die Frau entschuldigt sich, stammelnd, mit gerötetem Gesicht, dass sie sich nicht aufrichten kann. Der Arzt versucht sie zu beruhigen. "Wir geben Ihnen ein Medikament", sagt er, "damit der Entzug nicht so schlimm ist."

Dann, später auf dem Flur, erzählt Salloch-Vogel, wie die Frau am Abend zuvor ins Krankenhaus gekommen ist. Als man sie pusten ließ, zeigte das Gerät 4,4 Promille - ab 5 Promille kann Alkohol tödlich werden. "Sie wirkte nicht einmal besonders betrunken", sagt der Arzt, "so sehr hat sich ihr Körper schon an den Stoff gewöhnt."

Wie kommt es zu Entzugserscheinungen, zu dem Zittern? Alkohol ist ein Beruhigungsmittel: Es schläfert das Hirn ein. Das Hirn aber wehrt sich gegen die einlullende Wirkung, versucht sie zu kompensieren, indem es sich selbst aufpeppt. Bleibt der dumpf machende Alkohol plötzlich aus, kommt es zum "Bumerangeffekt", zu einer Übererregung, zum Zittern, einer inneren Unruhe, die oft mit Angst einhergeht. Der schnellste Ausweg aus diesem Zustand: Stoff.

Alle, die sich auf der Station befinden, sind gekommen, um einen anderen Ausweg zu finden.

Was hilft, sind nicht nur gezielte Therapien, sondern auch Selbsthilfegruppen. So treffen sich die Patienten am Nachmittag, um zwei Uhr, für ein gemeinsames Gespräch, betreut von einem Suchttherapeuten. Heute gibt es einen Film: When a man loves a woman mit Meg Ryan, die eine Alkoholikerin spielt. Im Anschluss wird diskutiert.

Angst vorm Rückfall

Auch Lene hatte von einer Selbsthilfegruppe im Jüdischen Krankenhaus gehört. Jeden Samstag um 19 Uhr 30 treffen sich dort ehemalige Süchtige, um anderen zu helfen. Bis zu 150 Menschen kommen so zusammen, verteilt auf verschiedene Räume, reden, tauschen Erfahrungen aus.

Lene tauchte damals in der Gruppe auf, in der Salloch-Vogel als diensthabender Arzt saß. "Die ersten 85 Minuten sprach sie kein Wort", erinnert er sich. "Und dann sagte sie plötzlich, dass sie seit zwei Tagen trocken sei. Und dass sie Hilfe brauche." Seitdem ist Lene bei ihm in Behandlung.

Ein Mann, 37 Jahre alt. Er bittet, noch ein paar Tage auf der Station bleiben zu dürfen: aus Angst vor einem Rückfall. "Wann waren Sie denn das letzte Mal an Heiligabend nüchtern?", fragt Salloch-Vogel, der neben ihm Platz genommen hat. Der Mann weiß es nicht mehr. "Mit 16 vielleicht." "Haben Sie eine Freundin?" Der Mann schüttelt den Kopf. Keine Freundin, kein Kontakt zur Familie. "Wie kommt das?" Der Mann zuckt die Schultern. "Der Alkohol, denk ich."

Irgendwann am späten Nachmittag klingelt das Handy. "Das war Lene", sagt Salloch-Vogel, nachdem er aufgelegt hat. "Sie hat mit ihrem Cousin gesprochen. Er kommt nach Berlin. Sie muss ihn nicht abholen", sagt der Arzt.
Er lächelt.

* Name von der Redaktion geändert.

Anlaufstellen:

Anonyme Alkoholiker. Fehrmarner Straße 24 (Laden), 13353 Berlin-Wedding; Telefonnummer: 030 / 453 71 33. Deutscher Guttempler Orden. Wildenbruchstraße 80, 12045 Berlin-Neukölln. Telefon: 030 / 68 23 76 20. Blaues Kreuz. Riemannstraße 12, 10961 Berlin-Kreuzberg; Telefon: 030 / 692 74 30. Kreuzbund. Marthastraße 10, 13156 Berlin-Hohenschönhausen; Telefon: 030 / 476 28 28.

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