Gesundheit : Alkoholismus: "Die Welt ist auf einer richtigen Sauftour"

Adelheid Müller-Lissner

Mit einem Schuh, der durch ein amerikanisches Wohnzimmer flog, soll alles angefangen haben: Den Schuh warf Lois Wilson auf ihren Gatten Bill. Ihr war der Geduldsfaden gerissen, weil der Börsenmakler jeden Abend das Haus verließ, um seine Freunde zu treffen. Nicht in der Kneipe, wie zu früheren Zeiten, sondern bei den Anonymen Alkoholikern, zu deren Begründern Bill gehörte.

Lois, die zuvor jahrelang erfolglos gekämpft hatte, um ihren Mann vom Alkohol abzubringen, musste nun mit ansehen, dass er zwar nüchtern, aber nicht häufiger zu Hause blieb. Dass es die Gruppe war, die ihn stützte. Und dass Bill und seine Mitstreiter es überhaupt nicht schätzten, wenn sich ihre Angehörigen im Vorraum ihres Versammlungslokals trafen, um auf die AA-Mitglieder zu warten. Die tatkräftige Dame gründete im Jahr 1951 selbst eine Gruppe, für Angehörige und Freunde von Alkoholikern. In diesem Jahr kann Al-Anon 50-jähriges Bestehen feiern. Die weltweite Organisation bietet Hilfe, Treffen und Informationen für alle, deren Leben durch das Trinken eines anderen beeinträchtigt wird.

Durchschnittlich vier andere sind es, die direkt unter den Auswirkungen leiden, wenn ein Mensch zwanghaft trinkt, so rechnet die Organisation anlässlich ihres Jubiläums vor. Al-Anon hat zwanzig Fragen zusammengestellt, die von betroffenen Angehörigen typischerweise mit "Ja" beantwortet werden. Unter anderem können sie sich daran erkennen, dass sie das Problem vor anderen zu vertuschen versuchen und dass sie schon einmal geglaubt haben, ihr Partner liebe den Alkohol mehr als sie.

"Bereits vor der Entwicklung exzessiven Trinkens verhindert Alkohol in der Regel Takt- und Schamgefühl sowie die Achtung vor dem Partner", sagt der Berliner Internist und Alkoholismus-Experte Lothar Schmidt. Er unterscheidet mehrere Entwicklungsstufen: auf die Verleugnungsphase, in der das Problem geheim gehalten und der Schein der Intaktheit gewahrt wird, folgt oft eine Phase, in der Versprechen, Rückfälle und Vorwürfe sich abwechseln. Später resignieren viele Angehörige, es kommt zu Trennungen und Scheidungen oder aber zu der großen Herausforderung, das Zusammenleben neu zu organisieren, nachdem der Alkoholiker abstinent geworden ist.

Alkohol wird von den Al-Anon-Mitgliedern als Familienkrankheit betrachtet, die die Nahestehenden in Mitleidenschaft zieht. Deren größtes Problem besteht, wie bei Lois Wilson, häufig darin, dass sie glauben, sie könnten den Menschen, den sie lieben, von seiner Sucht abbringen - durch genug Liebe und Verständnis, aber auch durch Verstecken von Schnapsflasche und Geld.

Zum Zwölf-Punkte-Programm, das zu Beginn jeder Sitzung verlesen wird, gehört deshalb nicht nur bei den Betroffenen selbst, die sich in Gruppen der Anonymen Alkoholiker versammeln, sondern auch bei den Angehörigen das Bekenntnis: "Wir haben zugegeben, dass wir Alkohol gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern konnten."

Dass es zum Programm gehört, sich nicht auf den eigenen Willen und die eigene Kraft zu verlassen, vor allem aber auch, dass man eine "Macht, größer als wir selbst" in Anspruch nimmt, hat der Selbsthilfeorganisation immer wieder Kritik eingetragen. Erst diese niederschmetternde Erkenntnis der Schwäche des Einzelnen, davon ist man bei Al-Anon überzeugt, weist aber den Weg.

Inzwischen gibt es mehr als 30 000 Gruppen in 100 Ländern. Gründerin Lois Wilson sah übrigens vor ihrem Tod voraus, dass die Arbeit so schnell nicht ausgehen würde: "Es scheint mir, dass die Welt auf einer richtigen Sauftour ist", schrieb sie 1988.

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