Gesundheit : Alkoholismus: "Wir treffen uns jeden Tag, auch zu Weihnachten"

Adelheid Müller-Lissner

Alita? Nein, in diesem Fall ist weder die japanische Comic-Heldin "Battle Angel Alita" noch die praktische Einrichtung des Dresdner Anruflinientaxis Alita gemeint. Die Attribute "heldenhaft" und "praxisnah" könnte jedoch auch auf die ambulante Langzeit-Intensivtherapie für Alkoholkranke zutreffen, ein Versuch, der von der Klinik für Psychiatrie der Universität Göttingen begonnen wurde und seit 1994 von Krankenkassen und Sozialämtern finanziert wird.

Alita verlangt von den Alkoholkranken, aber auch von ihren Behandlern Engagement und Durchhaltevermögen. Das vierstufige Programm setzt nach der Entgiftung des schwer Alkoholkranken an, die im Krankenhaus stattfindet und zwei bis drei Wochen dauert. In Phase eins, mit der es gleich nach der Entlassung losgeht und die die ersten drei Monate umfasst, werden täglich 15 Minuten für ein Gespräch mit dem Therapeuten angesetzt, das die Entwöhnungswilligen primär unterstützen und ihnen den Rücken stärken soll.

"Wir treffen uns jeden Tag mit dem Patienten, auch zu Weihnachten, an Geburtstagen und am Vatertag, wenn es für ihn gefährlich wird", sagt die Projektleiterin Hannelore Ehrenreich. Bewusst wechseln sich die Mitglieder des Teams dabei ab, denn der Patient soll nicht auf einen Betreuer fixiert sein, der im Notfall vielleicht gerade in Urlaub ist. Parallel dazu laufen Gespräche mit Angehörigen, Maßnahmen zur sozialen Unterstützung, aber auch tägliche Untersuchungen auf Alkohol und andere Suchtstoffe und die Behandlung mit Medikamenten.

In der zweiten Phase wird der Gesprächskontakt auf drei Mal die Woche reduziert, die Urinkontrolle und die Einnahme der Medikamente gehen weiter. Im dritten Abschnitt geht es darum, die "Einjahresmarke" des neuen, nüchternen Lebens zu erreichen. Nun geht es verstärkt um die berufliche und soziale (Wieder-)Eingliederung. Ist ein suchtfreies Jahr erreicht, so beginnt die Phase der Nachsorge, in der die Einzelgespräche durch Gruppensitzungen ersetzt werden.

Bisher wurden mit Alita 150 Alkoholkranke behandelt. Sie alle hatten schon mehrere gescheiterte stationäre Entgiftungen, teilweise auch Langzeittherapien, hinter sich, etwa ein Drittel der im Schnitt 44 Jahre alten und zum überwiegenden Teil männlichen Studienteilnehmer litt unter schweren körperlichen Folgeschäden des langjährigen Trinkens. "Es schreckt uns keiner, auch wenn er noch so krank ist", sagt die Psychiaterin Ehrenreich.

Die Erfolge sind beeindruckend: Über die Hälfte der Patienten war nach Beendigung der zweijährigen Therapie vollkommen abstinent. Unterscheidet man zwischen einmaligen "Ausrutschern", nach denen die Behandlung sofort wieder aufgenommen wurde, und echten Therapieabbrüchen, so ist die Rückfallquote noch niedriger. Echte Vergleichszahlen fehlen zwar, doch Schätzungen zufolge bleiben nach herkömmlichen ambulanten Therapien nur 20 bis 30 Prozent der Teilnehmer "trocken".

Dabei nehmen sich die Göttinger gezielt der schweren Fälle an. Offensichtlich sorgt nicht zuletzt das schnelle Eingreifen in Krisensituationen dafür, dass bei diesem Programm die Teilnehmer bei der Stange bleiben. "Viele unserer Teilnehmer hätten anderswo längst abgebrochen", vermutet Ehrenreich. Die meisten könne man aufrütteln, wenn es zu Ausrutschern gekommen ist.

Vom Erstkontakt in der Notaufnahme bis zur Nachsorge wird in möglichst lückenloser Form alles unternommen, was dem Alkoholiker helfen könnte, langfristig von seiner Sucht wegzukommen: Kurzgespräche, die wenig anstrengen, aber eine enge Anbindung bewirken, 24-Stunden-Erreichbarkeit des Teams, Hilfe bei Problemen mit Angehörigen, Wohnung, Ämtern und Arbeitsstellen bis hin zur Schuldentilgung und juristischen Beratung.

Man arbeitet mit strenger Kontrolle, aber auch mit Medikamenten, die einem den Alkohol vergällen. Sie hemmen das Enzym Acetaldehydhydrogenase, das Alkohol abbaut. Die Patienten nehmen die Pille vor den Augen der Therapeuten ein, die Folgen eines Drinks danach zeigen sich in Übelkeit, Erbrechen und Herzrasen.

Neu sind weniger die einzelnen Elemente von Alita, neu ist die kombinierte, "biopsychosoziale" Vorgehensweise, aber auch das, was Hannelore Ehrenreich die "aggressive Nachsorge" nennt: Einem drohenden Therapieabbruch wird so schnell wie möglich begegnet, und das auch, indem man einen Teilnehmer, der nicht zum Gespräch erscheint, zu Hause besucht.

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