Gesundheit : Alle 17 Jahre Love Parade

In regelmäßigen Abständen erobern lärmende Zikaden den Norden der USA. Nun ist es wieder so weit

Irene Meichsner

Ende Mai kommen sie aus ihren Löchern gekrochen. Nur alle 17 Jahre tun sie es. Jetzt ist es wieder so weit. Trillionen von Zikaden werden im Nordosten der USA für ein einzigartiges Naturschauspiel sorgen. Sie werden in Bäumen hocken und auf dem Boden herumkrabbeln, um die Köpfe der Menschen schwirren und dabei mit ihren Liebesliedern einen solchen Höllenlärm veranstalten, dass man vielerorts kaum noch sein eigenes Wort verstehen kann. „Es war einfach enorm. Man muss dabei gewesen sein, um sich das Ausmaß vorstellen zu können“, erinnert sich eine Augenzeugin an die letzte Masseninvasion, die sie 1987 miterlebte: „Es war wie ein Hitchcock-Film.“

Die Insekten gehören zur „Brood X“. So heißt die mit Abstand größte von zwölf periodisch wiederkehrenden Zikadenpopulationen, die sich auf einen 17- Jahres-Zyklus eingestellt haben. Ihr gehören drei verschiedene Spezies an: „Magicicada septendecim“, „Magicicada cassini“ und „Magicicada septendecula“. Daneben gibt es noch vier Arten, die sich alle 13 Jahre blicken lassen.

Kurz vor Sonnenuntergang geht es los. Der Boden muss knapp 18 Grad Celsius warm und vom Regen etwas aufgeweicht sein. „Ich tippe auf den 21. Mai“, sagt der Biologe Gene Kritsky vom College Mount St. Joseph in Cincinnati, der sich selber ein „Zikadenbaby"“ nennt: 1953, in seinem Geburtsjahr, tauchte die große Brut das vorvorletzte Mal auf.

Wie auf ein Geheimkommando quellen die Larven aus der Erde, sie krabbeln an Wänden, Bäumen, sogar Grabsteinen hoch. Bis zu 40000 Löcher hat man um einzelne Bäume gezählt, in manchen Wäldern waren die Böden regelrecht durchsiebt. Der Panzer reißt am Rücken auf, daraus löst sich das anfangs noch milchig-weiße Insekt. Eine kleine Eiweißbombe, die in diesem Zustand besonders schmackhaft sein soll, wie Kritsky versichert: „Frisch geschlüpfte Zikaden schmecken ein bisschen wie Spargel.“

Zwei Stunden dauert die Verwandlung in ein erwachsenes Tier mit dunklem Leib, durchsichtigen Flügeln und roten Augen, dessen ganzes Sinnen und Trachten darin bestehen wird, einen Partner zu finden, mit dem es sich paaren kann.

Wie die normalen, weltweit anzutreffenden Singzikaden, die sich jedes Jahr in vergleichsweise geringen Mengen reproduzieren, verfügen auch männliche 17-Jahres-Zikaden am Hinterleib über „Trommelorgane“, mit denen sie ihre wellenförmigen Gesänge anstimmen, um Weibchen anzulocken. Sie versammeln sich auf Bäumen zu ganzen Chören. Gemeinsam bringen sie es locker auf hundert Dezibel, mehr als ein Rasenmäher und fast so viel wie ein Propellerflugzeug.

Erstaunt berichtete schon 1633 Gouverneur William Bradford vom „anhaltenden, ohrentäubenden Lärm“, den „Unmengen einer großen Art von Fliegen, von der Größe her Wespen oder Hummeln ähnlich“, bei einer Masseninvasion veranstaltet hätten. Man wähnte sich mit einer biblischen Plage konfrontiert. Es hieß, dass ihr Krankheiten folgen würden. Doch hier kann Kritsky beruhigen: Die Insekten sind für Menschen ungefährlich. Mögliche Schäden an Bäumen und Wäldern werden in diesem Jahr erstmals systematisch untersucht. Sie können aber nicht sehr gravierend sein, weil die Zikaden in der kurzen Zeit ihres oberirdischen Lebens kaum Nahrung zu sich nehmen. Über einen möglichen ökologischen Nutzen, etwa als Bodenauflockerer oder Humusspender, wird diskutiert.

Für die Zikade selber liegt der tiefere Sinn ihres massenhaften Auftretens in einer Strategie zur Arterhaltung. Potenzielle Räuber haben sich an dieser Beute bald überfressen, so dass immer genügend Zikaden überleben, um sich fortzupflanzen. „Hunde, Katzen, Vögel, Eichhörnchen, Wespen und einige Menschen werden so viele Zikaden vertilgen, dass sie dieser Nahrung buchstäblich müde werden“, so Kritsky.

Viele Fragen bleiben offen – etwa, wie die Zikaden sich auf ihren Erscheinungszyklus abstimmen. Man hat Zikaden seziert und ihr Erbgut analysiert. Aber bislang fand sich noch kein Wecker, der sie nach 17 Jahren daran erinnern könnte, dass die Zeit für den kurzen, ultimativen Ausflug ans Tageslicht gekommen ist. Wenig erfolgreich waren auch Versuche, die 17-Jahres-Zikaden mit anderen, 13-Jahres-Zikaden im Labor paaren zu lassen. Sex ohne Liebe? Die Singzikade legt darauf anscheinend allzu großen Wert. In freier Natur sieht man, welche Mühe sie in den Flirt investiert. Ein Weibchen signalisiert sein Interesse, indem es kurz mit den Flügeln schnipst. Er stimmt daraufhin ein neues Lied an, sie reagiert mit weiterem Flügelschnipsen – und schließlich paaren sie sich.

Wenige Tage später beginnt das Weibchen, mit seinem scharfen „Legesäbel“ kleine Spalten in die Äste von Jungbäumen zu ritzen, in die es seine rund 400 Eier verteilt, etwa ein Dutzend pro „Eiablageschlitz“. In der zweiten Junihälfte sterben die Zikaden. Die Larven, die den Eiern nach sechs bis acht Wochen entschlüpfen, fallen auf den Boden. Sie buddeln sich rund 30 Zentimeter tief in die Erde, wo sie sich vom Saft kleiner Baumwurzeln ernähren werden. So abrupt der Spuk beginnt, so schnell geht er vorüber. Bis zum nächsten Mal. Im Mai 2021.

Mehr dazu im Internet:

www.washingtonpost.com/wp-srv/metro/daily/graphics/cicadamania_050304.html

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