Gesundheit : „Alle haben sich mehr angestrengt“

Und es geht doch: Wie Sachsen-Anhalt im Pisa-Vergleich zum Aufsteiger der Nation wurde

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SachsenAnhalt ist der Aufsteiger der Nation. Im Pisa-Ländervergleich 2003 ist Sachsen-Anhalt vom 12. Platz unter den deutschen Ländern auf den fünften Platz aufgestiegen. Es hat damit den Anschluss an die führenden Länder Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen gefunden. Wie ist das zu erklären?

Es sind gewiss nicht unmittelbare Effekte aus gestaltender Politik. Aber es gibt einen Zusammenhang mit Impulsen, die die Politik ausgelöst hat. Sie erstrecken sich insbesondere auf das Lernklima, auf die Anstrengungsbereitschaft der 15-Jährigen und auf einen Trend, wieder aufgeschlossener mit Leistung umzugehen.

Meinen Sie, dass die Schüler und die Lehrer die richtigen Konsequenzen aus dem schlechten Abschneiden beim Pisa-Test 2000 gezogen haben?

Wir haben gute Gründe, weiterhin bescheiden zu sein. Aber im Trend ist dieser Schluss richtig: Sowohl die Schüler und Schülerinnen als auch die Lehrer wollten dieses schlechte Abschneiden nicht ein weiteres Mal auf sich sitzen lassen und haben sich angestrengt.

Sachsen-Anhalt hat so gut wie keine Ausländer, aber eine hohe Arbeitslosigkeit. Eine labile Sozialstruktur geht normalerweise einher mit einem schwierigen Lernmilieu. Ist das in Sachsen-Anhalt anders?

Es gibt keinen zwingenden Zusammenhang zwischen Lernen und Sozialmilieu. In der Entwicklung vieler europäischer Länder kann man im 19. und 20. Jahrhundert beobachten, wie gerade unter schwierigen sozialen Bedingungen enorme kreative Kräfte in der Bevölkerung freigesetzt worden sind. Das in Deutschland verbreitete Bild, wonach dort, wo die Sozialstruktur nicht zufrieden stellend ist, zwangsläufig auch das Lernmilieu schlechter sein müsse, ist zu überprüfen. Es gibt zwar gewisse Zusammenhänge, aber sie sind nicht so, dass man von dem einen Tatbestand zwangsläufig den anderen ableiten kann.

Der Familien- und Jugendforscher Hans Bertram hat eine Karte der Intelligenz angelegt. Da schneidet Sachsen-Anhalt mit einem sehr niedrigen Intelligenzquotienten schlecht ab – gemessen an einer bundesweiten Untersuchung von 250000 Wehrpflichtigen. Wie passt der Pisa-Erfolg dazu?

Zunächst sollte man fragen, wie Bertram zu seinen Ergebnissen gekommen ist. Auch in der Wissenschaft sind Intelligenztests umstritten. Ich teile Bertrams Sorge, soweit sie die Abwanderung aus den neuen Ländern betrifft, nicht aber seinen Schluss auf entsprechende Folgen in der Intelligenzverteilung.

Hans Bertram hat die Wanderungsbewegungen untersucht und festgestellt: Wenn vor allem die aktiven jungen Frauen und Männer aus dem Osten in den Westen zu den besseren Arbeitsplätzen abwandern, hat das langfristige Folgen für das Bildungsniveau in den verlassenen Regionen.

Sicher ist da etwas dran. Es gibt tatsächlich in den dünner besiedelten ländlichen Gegenden den Trend, dass die gut ausgebildeten, flexiblen und dynamischen jungen Leute den Arbeitsplätzen hinterher ziehen und die Region verlassen. Dagegen bleiben die weniger flexiblen und schlechter ausgebildeten, manchmal auch in ihrer Beziehungsfähigkeit eingeschränkten jungen Leute – das sind oft junge Männer – eher in der Region und geraten in Einsamkeit. Dadurch kann sich über mehrere Jahre eine problematische Konstellation herausbilden.

Sie müssen mit einem Geburteneinbruch ohnegleichen zurechtkommen. Zahlreiche Schulstandorte sind gefährdet. Warum bauen Sie bei den Gymnasien so viel weniger Standorte ab als bei den Sekundarschulen?

In der Relation stimmt das nicht. Wenn wir die Übertrittsquote von den Grundschulen zu den weiterführenden Schulen unseren Entscheidungen zugrunde legen, bauen wir in allen Schulen gleichmäßig ab. Sie haben Recht – die Schülerzahlen haben sich seit 1990 halbiert. Das ist eine enorme Erschütterung des Bildungssystems. Das verlangt uns Rationalität und Entscheidungsfähigkeit ab, weil wir den Status quo der vielen Schulstandorte nicht durchhalten können, wenn Qualitätsstandards und ein hinreichend breites Fächerspektrum in den Schulen gehalten werden sollen. Kritische Schulgrößen dürfen wegen des Geburtenrückgangs nicht unterschritten werden. Sachsen-Anhalt hat ohnehin schon im Ländervergleich mit die kleinsten Schulen.

Man macht sich mit solchen Entscheidungen, die die Kultur ganzer Dörfer in Mitleidenschaft ziehen, nicht gerade populär.

Je schneller und entschlossener wir diese Umstellung bei den Schulstandorten vornehmen, umso früher kommt man wieder zu einem verlässlichen Netz von Schulen. Wenn man diese Entscheidungen aussitzt oder ihnen politisch ausweicht, wird es immer mehr fragile Schulen geben. Keine Schule aber kann sich gut entwickeln, wenn ihre Zukunft unsicher ist: Sie wird sich kein Profil geben und keine eigene Schulkultur entwickeln. Als Schulminister muss ich allen Beteiligten hier einiges abverlangen.

Wenn erst die seit dem Pisa-Debakel eingeführten Reformen wirklich greifen – genannt seien die Vergleichsaufgaben für alle Schulen, Bildungsstandards und die Einstufung des Gelernten nach Kompetenzstufen – welchen Erfolg sehen Sie dann für Sachsen-Anhalt voraus?

Wenn wir es schaffen, den gegenwärtigen Trend zu konsolidieren und auszubauen, dann hat Sachsen-Anhalt eine realistische Aussicht, sich in künftigen Pisa-Vergleichen über dem Durchschnitt der OECD zu bewegen. Die Voraussetzungen dafür sind in Sachsen-Anhalt wesentlich besser als in manchem anderen europäischen Vergleichsland. Vieles hängt auch damit zusammen, wie ein öffentlicher Diskurs über Bildung, Leistung und Ausbildung geführt wird. Hier sind wir vorangekommen. Die jungen Leute haben wieder mehr Zutrauen zu sich selber. Es entwickelt sich ein gewisser Stolz, so ein negatives Ergebnis wie beim ersten Pisa-Test 2000 nicht erneut hinzunehmen. Wenn ich 15 wäre, hätte ich mir auch kein weiteres Mal sagen lassen, wir in Sachsen-Anhalt seien nicht ganz zurechnungsfähig in unserem intellektuellen Vermögen.

Das Interview führte Uwe Schlicht.

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