Gesundheit : Allende und der Antisemitismus

Chiles früherer Präsident soll judenfeindlich gewesen sein

Tilmann Warnecke

War Salvador Allende ein Antisemit? Der frühere Präsident Chiles soll in den 30er-Jahren Juden als „genetisch vorbestimmt zum Rauben, Fälschen und Wuchern“ bezeichnet haben – und sich zudem für die Zwangssterilisation von psychisch Kranken eingesetzt haben. Das schreibt der Philosoph und Historiker Víctor Farías in seinem Buch „Salvador Allende. Antisemitismo y Eutanasia“, das jetzt auf Spanisch erscheint. „Das bisherige Bild, dass Allende als Student ein marxistischer Revolutionär war, stimmt nicht“, sagt Farías, der an der Freien Universität lehrt.

Farías, der in Deutschland durch sein Buch „Heidegger und der Nationalsozialismus“ bekannt wurde, stützt sich auf die jahrelang verschwundene Doktorarbeit Allendes, die er in den Archiven der Universität Santiago de Chile aufspürte. „Psycho-Hygiene und Verbrechen“ betitelte Allende 1933 seine Dissertation, die er in dem Jahr als 25-Jähriger abschloss. Darin vertrete er die These, dass die Juden durch eine „allgemeine verbrecherische Anlage“ charakterisiert seien, sagt Farías. Das gelte auch für „Zigeuner“ und „Landstreicher“. Jede Rasse sei für bestimmte Verbrechensformen determiniert.

Als Allende seine Dissertation veröffentlicht, arbeitet er noch als Arzt – engagiert sich aber bereits politisch. Im gleichen Jahr wird er Sekretär der Sozialistischen Partei in Valparaíso. Die Thesen seien „keine Jugendsünde“, sagt Farías. Farías verweist auf Allendes Zeit als Gesundheitsminister der linken chilenischen Regierung zwischen 1939 und 1941. Er habe seine Ideen mithilfe deutscher Eugeniker umsetzen wollen, die bereits einen Gesetzesentwurf zur Zwangssterilisation von Geisteskranken vorgelegt hätten. Starke Proteste chilenischer Ärzte hätten das verhindert.

Zu ihrem Staatspräsidenten wählten die Chilenen Allende erst 1970. Distanzierte sich der Sozialist bis dahin von seinen frühen Thesen? Nein, sagt Farías, selbst als Allende während seiner Präsidentschaft den Antisemitismus wiederholt aufs Schärfste verurteilte, seien das nur „Lippenbekenntnisse“ gewesen. Ebenso unehrlich habe sich Allende verhalten, als er 1968 – damals war Allende Senatspräsident – die überlebenden Guerilleros von Che Guevara unter seinen persönlichen Schutz stellte oder während seiner Präsidentschaft Fidel Castro empfing. In seiner Doktorarbeit definiere Allende Revolutionäre als psychisch krank, die nach außen normal wirkten, aber de facto gefährliche „Psychopathen“ seien.

Der Chilene Farías, der selber mit Allendes Bündnis „Unidad Popular“ sympathisierte und seine Heimat 1974 nach dem Putsch Pinochets verließ, stellt die Legende Allende seit Jahren in Frage. Nach seinem gewaltsamen Sturz und seinem Selbstmord stilisierte die westeuropäische Linke Allende zum Idealbild des demokratischen Sozialisten. Schließlich war er der erste frei gewählte Präsident einer Demokratie, der sich zu marxistischem Gedankengut bekannte. Im Jahr 2000 erregte Farías Aufsehen in seiner Heimat, als er im Rahmen seiner Studie „Die Nazis in Chile“ einen Briefwechsel Allendes mit Simon Wiesenthal von 1972 veröffentlichte. Allende lehnte das Ansinnen Wiesenthals ab, den als Kriegsverbrecher gesuchten Walter Rauff auszuliefern, der im Zweiten Weltkrieg fahrbare Gaskammern entwickelte. In dem Briefwechsel sieht Farías ein weiteres Indiz für seine These, dass Allende für antisemitisches Gedankengut empfänglich blieb.

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