Gesundheit : Alles andere als langweilig ...

Peter Gaehtgens

Die Freie Universität hat einige Merkmale, die sie gegenüber anderen Universitäten zu allen Zeiten ausgezeichnet haben: ihre Gründungsgeschichte in der Nachkriegszeit, ihre engagierte Beteiligung an den Geschicken von Staat und Gesellschaft, ihre offene Anteilnahme an den Fragen der Zeit und der Zukunft und ihr lebhaftes, häufig auch polarisierendes internes Diskussionsklima. Das bestätigen auch immer wieder Ehemalige, die ihre frühere Universität oft mit positiven, manchmal auch mit negativen Erinnerungen assoziieren, ihr aber so gut wie nie gleichgültig gegenüberstehen. Es ist ein erstaunliches Phänomen, dass eine Institution offenbar einen so ausgeprägten "Geist", eine "Persönlichkeit" entwickeln kann, die im Fall der FU viel mit "Querdenken" zu tun hat.

Zum Thema Online Spezial: Uni-Start Querdenker im Sinne des Widerspruchs gegen staatliche Autorität waren schon die Gründungsstudenten der FU. Sie hatten die Erfahrung mit dem totalitären, menschenverachtenden Nazi-Regime, mit einem grauenvollen Weltkrieg hinter sich und widersetzten sich mit der Gründung der Freien Universität einer Zukunft in politischer Unfreiheit im damals sowjetisch besetzten Sektor Berlins.

Oft wird die Freie Universität mit den Querdenkern der 68er Jahre, für die der Name Rudi Dutschke steht, und den für die einen befreiend, die anderen beängstigend wirkenden Auseinandersetzungen in Verbindung gebracht. West-Berlin war ein Schmelztiegel heftiger intellektueller Auseinandersetzungen über die weitere Entwicklung von Staat und Gesellschaft - und die FU war ein Zentrum dieser Auseinandersetzung. Die Gräben zwischen den Fraktionen, die damals durch die Ereignissen wie deren Bewertung aufgerissen wurden, haben das interne Klima bis in die jüngere Vergangenheit hinein spürbar beeinflusst.

Wenngleich die FU durch die folgenden hochschulpolitischen Veränderungen Schaden an Renommeé und Produktivität genommen hat, so bewirkte die scharfe intellektuelle Auseinandersetzung dieser Jahre bei vielen der damaligen Studierenden einen Erkenntnis- und Reifungsprozess, der bis heute nachwirkt. Nicht viele Universitäten sind im Vorleben von Persönlichkeiten des politischen und gesellschaftlichen Lebens der Bundesrepublik - bis hin zu Mitgliedern der Bundesregierung - so prominent vertreten wie die FU.

Lange Jahre war die Freie Universität ein Vorzeigeobjekt und Versuchskaninchen reformorientierter Bildungspolitik. Durch Integration der Pädagogischen Hochschule wurde sie die größte Universität Deutschlands: Zur Zeit der Wende war sie mit rund 62000 Studenten Inbegriff der Massenuniversität. Zunächst mit den Lorbeeren der Reformer der 70er Jahre gefeiert und durch explosives Wachstum auch der Professorenzahl zu gewaltiger Größe gekommen, wurde sie später mit der Erkenntnis konfrontiert, dass die zunehmenden Erscheinungen von Vernachlässigung und Anonymität der Massenuniversität das Gegenteil von dem hervorrufen, was auch ein Ziel des Bildungsprozesses sein sollte - persönliches Engagement und individuelle Verantwortungsbereitschaft.

Nach der Wiedervereinigung schien sogar die Existenzberechtigung der FU in Frage gestellt. Die Humboldt-Universität (HU) bot mit einer über die Zeit erhaltenen Würde von Ritualen, die in der FU von 1968 schonungslos als leere Form verhöhnt im Feuer der studentischen Revolution untergingen, ein konservatives Modell für eine akademische Eliteanstalt mit der Möglichkeit des Rückgriffs auf eine von den alten Namen der Friedrich-Wilhelms- oder Linden-Universität geprägte, fast

200-jährige Tradition. Die sich nach der Wende schnell entwickelnde Zuneigung der Politik für die Tradition läutete für die FU eine schwierige Zeit ein. Die erzwungene Abgabe leistungsstarker Bereiche wie des gerade fertiggestellten modernsten Klinikums Europas an die HU hat erhebliche Wunden geschlagen. Dass die FU diese Zeit nicht nur überlebte, sondern sogar bis heute nach objektiven Leistungskriterien die erste Adresse in Berlin geblieben ist, verdankt sie ihrer massiv gesteigerten Leistungsstärke in Forschung und Lehre. Für ausländische Gastwissenschaftler ist sie eine der attraktivsten Kooperationspartner in Deutschland, und erst kürzlich wurde die FU von der ehrwürdigen Association of American Universities als "one of the 60 most relevant research universities globally" ausgezeichnet.

Querdenken zeichnet auch ihre internationalen Beziehungen aus, mit denen die FU nie den Vorgaben geopolitischer Opportunität gefolgt ist. Diese besondere bis heute stark ausgeprägte internationale Orientierung hat ihre Wurzeln in der schwierigen Gründungsphase, in der die neue Universität von amerikanischen Universitäten existenziell unterstützt wurde. Bereits Ende der 60er Jahre hat die FU einen Kooperationsvertrag mit der Universität St. Petersburg (damals Leningrad) geschlossen, als West-Berlin eine von der Sowjetunion offiziell nicht anerkannte Nichtigkeit war. Schon seit 1981 unterhält sie eine intensive Partnerschaft mit der Universität Peking. Inzwischen gehören über 90 Universitäten aus allen Erdteilen zu unseren Partneruniversitäten.

Diese vielfältigen Beziehungen haben zu einem ungewöhnlich reichhaltigen Programm von internationalen Austauschmöglichkeiten geführt. Die FU hat für "die Besten der Besten" ein weitgehend von Mäzenen finanziertes Stipendienprogramm aufgelegt, das

FU-Studenten einen einjährigen Aufenthalt an einer unserer Partneruniversitäten ermöglicht. Anlässlich der Ehrenpromotion des UN-Generalsekretärs Kofi Annan wurde ein weiteres, ebenfalls durch Spenden unterstütztes Stipendienprogramm für qualifizierte Studierende aus dem Ausland, die für ein Jahr an die FU kommen wollen, initiiert. Die Unterstützung internationaler Erfahrung der Studierenden ist uns ein besonderes Anliegen, da sie das Querdenken fördert - zur Öffnung neuer Horizonte und Entwicklung neuer Ideen eine unablässige Voraussetzung.

Mit ihrer Geschichte spiegelt die Freie Universität gut 50 Jahre deutscher Geschichte in einer Weise, wie das wenige Institutionen von sich sagen können. Dieses "Alleinstellungsmerkmal" prägt die FU und verleiht ihr einen Teil ihrer Mission: ihre besondere Aufgeschlossenheit für die Fragen der Zeit. Es ist daher kein Zufall, dass die FU sehr ungewöhnliche Einrichtungen wie die drei Regionalwissenschaftlichen Zentralinstitute für Osteuropa, Lateinamerika und das John F. Kennedy-Institut für Nordamerikastudien betreibt, gegen alle Kritik verteidigt und nun durch ein Zentrum für Ost-Asien-Wissenschaften ergänzen will. Diese ob ihrer fächerübergreifenden Strukturen gegen alle Traditionsregeln der Gliederung von Universitäten nach Disziplinen verstoßenden Regionalinstitute stellen neben dem Reichtum an so genannten "kleinen Fächern" ein besonderes Profilmerkmal der FU dar. Dieses Engagement findet seine Legitimation nicht zuletzt in der Tatsache, dass wir uns in einer europäischen Hauptstadt befinden und den akademischen Elfenbeinturm in sich gekehrter Wissenschaft durch bewusste Wahrnehmung des Bildungsauftrags auch nach außen verlassen wollen.

Wir wollen nicht behaupten, dass an der Freien Universität alles perfekt ist. Bauliche und technische Mängel, teilweise unterausgestattete Bibliotheken, zu wenig Lehrpersonal, vereinzelte Erscheinungen von Desinteresse von Dozenten und eine veränderungsbedürftige Organisation des Studienbetriebes gibt es auch an der FU. Die überlangen Studienzeiten sind kein Ruhmesblatt. Als Folge des unter dem Druck massiver Einsparauflagen stattfindenden, bundesweit einmaligen Strukturabbaus wie auch der durch die Altersstruktur der Professorenschaft bedingten umfangreichen Erneuerung befindet sich die Freie Universität heute in einer gewaltigen Umbruchphase. Diese betrifft auch die Lehre. Durch die Einführung neuer Bachelor- und Masterstudiengänge müssen alte Traditionen und Ansprüche überwunden werden - nicht zuletzt, um den beklagenswerten Begleitumständen einer großen Universität entgegenzutreten.

Dieser Umbruch wird uns noch für mehrere Jahre begleiten, aber dass er gleichzeitig ein Aufbruch ist, weist die Leistungsstatistik der letzten Jahre nach, die in allen Bereichen insbesondere der Forschung eine positive Bilanz belegt: eine kontinuierliche Steigerung der Einwerbung von Drittmitteln für die Forschung, eine Zunahme der Anstrengungen für die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses in Gestalt von Promotionen und Habilitationen, eine respektable Anzahl von Sonderforschungsbereichen, Forschergruppen und Graduiertenkollegs der Deutschen Forschungsgemeinschaft. In dieser Leistungsbilanz zeigt sich, dass die Abwesenheit von Langeweile sich nicht nur auf ein politisches Engagement auswirkt, sondern auch das Klima wissenschaftlichen Arbeitens charakterisiert, in dem solche Spitzenleistungen erst möglich werden.

Es ist wichtig, dass sich das innere Klima der Freien Universität durch eine Atmosphäre auszeichnet, die fachliche Leistungen verlangt, die Neugier herausfordert und zum Nachdenken, vielleicht auch zum Widerspruch anregt. Vor allem soll sie dazu beitragen, dass das Studium zu einem prägenden Lebensabschnitt wird. Die Erfüllung dieses Teils des Bildungsauftrages stellt nach wie vor unsere wichtigste Aufgabe dar, auch wenn er zur Bewertung der Leistungen einer Universität nicht in Zahlen zu messen ist. Berlin ist ein faszinierender Studienort, der Reichtum an Möglichkeiten und Anregungen ist riesig und der Raum für eigenes Engagement der Studierenden unbegrenzt: Eine Vielfalt, die auf Studienanfänger eher irritierend als zielführend wirken mag. Diese Situation als Herausforderung zu begreifen, deren Bewältigung Selbstbewusstsein, Eigenverantwortlichkeit und die Fähigkeit fördert, seinen eigenen Weg zu finden, ist in Verbindung mit der zu erwerbenden Fachkompetenz ein Ziel universitärer Ausbildung.

An wenigen Universitäten werden Studierende hierfür ein so anregendes, lebendiges, aber auch forderndes Klima finden, wie es an der Freien Universität schon immer existierte. Wie gesagt - alles andere als langweilig.

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