Gesundheit : Alles fließt

Mit der nasskalten Witterung breiten sich die Schnupfen-Erreger wieder aus – was Ärzte empfehlen

Paul Janositz

Der Hals kratzt, die Nase läuft – in der kühlen Jahreszeit scheinen Husten, Schnupfen und Heiserkeit unumgänglich. Lässt sich dagegen nichts tun? „Jeglichen menschlichen Kontakt vermeiden“, empfiehlt Ron Eccles im Internet. Außer einer Karriere als Einsiedler sieht der Leiter des Zentrums für Erkältungskrankheiten in Cardiff keine Möglichkeiten, einer Ansteckung zu entgehen.

Es gibt einfach zu viele Viren, die die typischen Symptome hervorrufen können. „Das geht in die Hunderte“, sagt Hartmut Hengel, Leiter des Fachgebiets „Virale Infektionen" am Berliner Robert Koch Institut (RKI). Die meisten Erreger stammen aus der Familie der Rhinoviren. Andere sind den Adenoviren zuzuordnen, wieder andere zählen zu den wegen Sars berüchtigten Coronaviren.

Diese Erreger sind von den Influenzaviren zu unterscheiden, die eine echte Grippe auslösen. Vielzahl und Verschiedenheit der Erreger sei auch der Grund, warum man gegen Erkältung nicht immun werden könne und warum Impfen im Gegensatz zur echten Grippe nichts helfe, sagt Hengel.

So müssen sich die Menschen in der kalten Jahreszeit stets aufs Neue von den Schnupfenerregern überrumpeln lassen. Meist beginnt es – etwa zwei Tage nach der Attacke auf die Schleimhäute der oberen Atemwege – mit Husten und Kratzen im Hals. Dann fängt die Nase an zu fließen, sie wird rot vom Schneuzen, bis sie schließlich verstopft. Die Augen tränen, der Kopf schmerzt. Nicht selten kommt Fieber hinzu, sagt Peter Mitznegg, der am Universitätsklinikum Benjamin Franklin Allgemeinmedizin lehrt. In diesem Zustand sollte man zu Hause bleiben, auch um andere nicht anzustecken.

In dicht bevölkerten Räumen hat das Virus beste Ausbreitungschancen. Beim Niesen fliegen Schleimtröpfchen in die Umgebung. Die Kleinsten schweben noch lange in der Luft. Wer sich in der Nähe befindet, hat große Chancen, den infektiösen Nebel einzuatmen. So ist es nicht erstaunlich, dass Erkältungen zu den häufigsten Erkrankungen zählen. Durchschnittlich zwei bis drei Mal pro Jahr trifft es die Menschen in den industrialisierten Ländern, sagt der Virologe Hengel.

Noch häufiger sind Kinder betroffen. „Sie sind das Hauptreservoir der Erkältungsviren“, sagt Eccles. Schulen, Kindergärten sowie die Familie seien die Orte, an denen die meisten Infektionen vorkommen. Wenn Erwachsene befallen werden, gehe das meist auf Kontakt mit Kindern zurück.

Küssen erlaubt?

„Es sind weniger die eingeatmeten Erreger, die krank machen“, sagt Eccles. Selbst Küsse seien in dieser Hinsicht kaum ansteckend. Dies liege daran, dass sich die Erreger ausschließlich in den Schleimhäuten der Nase und des oberen Atemtrakts vermehrten, erklärt RKI-Professor Hengel. Im Mund halten sie sich normalerweise nicht auf. Allerdings nähern sich beim Kuss zwangsläufig auch die Nasen und dabei kann mit Erregern belasteter Schleim übergehen.

Bei engem Kontakt ist es also kaum zu verhindern, dass infektiöse Tröpfchen und Schleim von Mitmenschen aufgenommen werden. Wer sich dann an die Nase fasst oder das Auge reibt, macht es den Erregern leicht, sich in den Schleimhäuten einzunisten. Auch beim Anfassen von Türklinken oder beim Händeschütteln sind solche „Schmierinfektionen“ möglich.

„Besonders ansteckend“ seien die Erkältungsviren aber nicht, meint Eccles. So pauschal will RKI-Professor Hengel dies nicht bestätigen. „Das hängt ganz vom Typ ab“, sagt er. Manche Erreger seien relativ gefährlich, andere dagegen, „Influenza C-Viren“ etwa rufen nur milde Infektionen hervor.

Virusblocker noch nicht ausgereift

Dennoch können sie großen Schaden anrichten. Babys oder alte Menschen drohen Eccles zufolge schlimmstenfalls tödliche Lungeninfektionen. Als gefährdet bezeichnet Hengel auch Menschen, die immununterdrückende Medikamente einnehmen müssen, sowie Patienten, die schwere Vorerkrankungen wie Asthma oder Lungenleiden haben.

Da wäre es nützlich, wenn man wirksame Mittel hätte, um die Erreger schachmatt setzen zu können. Doch bisher fehlen Erfolgsmeldungen. Zwar gibt es neuerdings „Virusblocker“, die in den ersten 48 Stunden nach der Infektion genommen, das weitere Eindringen der Erregers verhindern sollen. „Ich würde nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass das hilft“, sagt Mitznegg.

Die Forschung nach neuen Mitteln läuft noch auf Schmalspur. Dabei wäre es aus wirtschaftlichen Gründen durchaus sinnvoll, Medikamente zu haben, die die Krankheit frühzeitig stoppen könnten. Denn die Ausfälle am Arbeitsplatz sowie die medizinischen Kosten summieren sich immens. Experten gehen von einem Eurobetrag in zweistelliger Milliardenhöhe allein in Deutschland aus.

Wegen der Vielzahl der Erreger und ihrer Verschiedenheit seien Erfolge nicht leicht, meint RKI-Virologe Hengel. Ein wirksames Mittel muss Angriffspunkte finden, die möglichst viele Typen außer Gefecht setzen. Derzeit befindet man sich noch im Stadium der Grundlagenforschung. „Man kennt einen Rezeptor auf der Zelloberfläche, das reicht aber noch nicht für eine Arznei", sagt Hengel.

So geht es für die Betroffenen darum, die Symptome zu lindern. Nasentropfen lassen die Schleimhäute abschwellen, Hustenblocker helfen beim Durchschlafen, Lutschtabletten glätten den Hals, Fieber senkende Mittel kühlen den Kopf. Allerdings sollte man dem Fieber gegebenenfalls nur die Spitze nehmen, meint Mitznegg, denn erhöhte Temperatur zeige an, dass der Körper gegen die Infektion kämpfe.

Kompliziert wird es, wenn „Superinfektionen“ auftreten. Dazu kann es kommen, wenn Bakterien ein geschwächtes Immunsystem und aufgerissene Schleimhäute als Einfallstor nutzen. Als „klassischen Hinweis“ auf Bakterien bezeichnet Mitznegg den auftretenden gelb-grünen Schleim und Auswurf. Dann könnten Antibiotika notwendig werden. Ansonsten kommen Erkältungsgeplagte ohne solche schweren Geschütze aus. Wichtig sei es, dass der Arzt auf die Bedürfnisse der Patienten eingehe, meint der Praktiker. „Manche wollen Chemie, andere bestehen auf Naturheilmittel.“ Und gerade bei Erkältungen zeigen die guten, alten Hausmittel große Erfolge.

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