Gesundheit : Alles für die Alten

Forscher schlägt Umbau des Gesundheitswesens vor

Rosemarie Stein

Wegen wachsender Behandlungsmöglichkeiten und unserer Langlebigkeit können wir uns die jetzige medizinische Versorgung nicht mehr länger leisten. Die Ressourcen dürfen nur noch für nützliche Behandlungen aufgewendet werden. Das Geld gilt es vor allem dort einzusetzen, wo es künftig am dringendsten gebraucht wird: für die Pflege und Leidenslinderung im Alter. Geschieht das nicht, droht die Euthanasie.

Dies ist das Fazit des Tübinger Gesundheitssystemforschers Michael Arnold in seinem Positionspapier für den „Gesundheitsrat Südwest“. (Erschienen als Heft 56 der „Berliner Medizinethischen Schriften“, Humanitas Verlag).

Verglichen mit dem radikalen Votum des Wissenschaftlers erscheinen die derzeitigen Vorschläge zur Gesundheitsreform (ob Bürgerversicherung, ob pauschale Gesundheitsprämie) als Flickwerk. Der erfahrene Politikberater Arnold, der lange im Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen aktiv war, rechnet denn auch mit Widerstand. Er hat beobachtet, dass das Ausmaß der künftigen Versorgungsprobleme „weder der Bevölkerung, noch der Politik, noch den Kostenträgern, noch der Ärzteschaft bewusst ist“.

So weist er darauf hin, dass unsere im 19. Jahrhundert geschaffene Krankenversicherung das Risiko akuter Krankheiten finanziell absichern sollte und durch die heute vorherrschenden chronischen Leiden überfordert ist. Die Bedürfnisse der Patienten bezeichnet er als grenzenlos (ein objektiver Bedarf lässt sich nicht definieren), ebenso die Angebote der Medizin. Die Ärzte wollen für jeden Patienten alles tun, was medizinisch möglich ist. Aber mit teuren Methoden „fahren sie das System gegen die Wand“, sagt Arnold, wenn die Mediziner nicht auch das Wohl der Gesamtheit im Auge haben und ihre Leistungen begrenzen.

Die Rationierung der medizinischen Leistungen hält der Gesundheitssystemforscher deshalb für unausweichlich. Er plädiert dafür, den Patienten nicht zu schaden. Zuerst soll konsequent auf unwirksame Verfahren verzichtet werden. Auch das Kosten-Nutzen-Verhältnis sollte man berücksichtigen. Wenn der Nutzen einer Untersuchung oder Behandlung nur gering oder unsicher ist, sollten die Kassen nicht zahlen. Durch Verzicht auf die vielen Verfahren, die nichts oder fast nichts bringen, würden erhebliche Mittel für die Umschichtung frei.

Sie sollten nach Arnold verwendet werden, um den Versorgungsnotstand im Alter zu verhindern. Findet die Schwerpunktverlagerung nicht statt, und wollen wir in 25 Jahren auch nicht 56 Prozent unseres Einkommens für Beiträge zur Sozialversicherung ausgeben, dann, so Arnold, „wird das Thema Euthanasie eine unerwartet hohe Aktualität gewinnen“ – eine Schreckensvision.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben