Gesundheit : Alles, was man lernen muss

Ein Kanon der Allgemeinbildung scheint altmodisch und überflüssig zu sein. Doch ist er für die heutige Schule wirklich entbehrlich?

Heinz-Elmar Tenorth

Können große Ideen heute den Unterricht anregender machen als das stupides Lernen von Fakten, Formeln und Vokabeln? Es gibt Themen des Unterrichts, die ihre eigene Dynamik haben: „Evolution“ zum Beispiel ist zuerst das Thema des Biologieunterrichts. Darwin wird gelesen. Man versucht zu verstehen, was Evolution bedeutet. Das Thema wird aber auch eine Stunde später, im Geschichtsunterricht, diskutiert. Der „Sozialdarwinismus“ führt dann zu den Wurzeln der verbrecherischen Ideologie der Nazis. Handelt es sich nur um einen Missbrauch der Naturwissenschaften? Die Verwendungsweise von Ideen wie „Evolution“ muss man deshalb an der Alltagssprache im Deutschunterricht prüfen sowie Begründungsmuster in der Philosophie aufspüren. Was bedeutet „Evolution“ genau? Welches Fach ist dafür zuständig – Biologie oder Geschichte, Sprachkritik oder Philosophie? Lässt sich gar mathematisch prüfen, was hier gemeint ist?

Was soll man lernen in Schulen? „Big ideas“, große Ideen, und zentrale Begriffe sollen den Unterricht bestimmen, nicht mehr die alten Lehrpläne und ihre Traditionen. „Kompetenz“, mit den Ideen umzugehen, ist das Ziel – so lautet heute eine Antwort der Experten. Ist damit die Idee der „allgemeinen Bildung“ tot, ist der Eigenwert der Schulfächer gestorben, wird alles fachübergreifend und interdisziplinär gelernt, hat der „Kanon“ des Wissens ausgedient zu Gunsten solcher „big ideas“, die heute in der öffentlichen Diskussion eine bedeutende Rolle spielen, wie Evolution, System oder Energie?

Was Schule beitragen soll

Die Debatte über die Schule hat offenbar eine eigentümliche Leerstelle: Von einem Kanon der Allgemeinbildung kann oder darf man anscheinend nicht mehr sprechen. Heute werden Kompetenzen gefordert oder Schlüsselqualifikationen.

Kann man aber wissen, was man lernen muss? Kann man auch sagen, was die Schule dazu beitragen soll? Ist es „Wissen“ oder „Können“, gibt es einen „Kanon“, oder sind es doch nur „Kompetenzen“, die man bestimmen kann? Ein moderner Kanon der Allgemeinbildung ist nicht nur möglich, sondern auch unentbehrlich. Das lässt sich am ehesten zeigen, wenn man sich noch einmal vergewissert, was eigentlich mit der Forderung „allgemeiner Bildung“ gemeint war. Diese Forderung ist ja noch nicht sehr alt. Es war im Jahr 1809, als Wilhelm von Humboldt, als Chef der Sektion für Unterricht und Cultus damals so etwas wie ein preußischer Kultusminister, die entscheidenden Stichworte lieferte. Sie finden sich in seinen Schulplänen für Königsberg und Litauen. Die Grundidee ist so aktuell, dass man gelegentlich Humboldt als Urheber gar nicht mehr vermutet.

Er spricht von „allgemeiner“ Bildung, weil er an die für alle Heranwachsenden in gleicher Weise notwendige Bildung denkt. Für die Arbeit der Schule formuliert er knapp: „Der Zweck des Schulunterrichts ist die Uebung der Fähigkeiten und die Erwerbung der Kenntnisse, ohne welche wissenschaftliche Einsicht und Kunstfertigkeit unmöglich ist.“ Nur als Hinweis schon hier: „Fähigkeiten“ und „Kenntnisse“ bilden also eine Einheit! Ein Gegensatz von „Kompetenzen“ und „Wissen“ verfehlt das Thema von Beginn an.

Wie sieht der Anspruch an die Schule dann aus: „Der junge Mensch soll in Stand gesetzt werden, den Stoff, an welchen sich alles eigene Schaffen immer anschliessen muß, theils schon jetzt wirklich zu sammeln, theils künftig nach Gefallen sammeln zu können, und die intellectuell-mechanischen Kräfte auszubilden. Er ist also auf doppelte Weise, einmal mit dem Lernen selbst, dann mit dem Lernen des Lernens beschäftigt.“ Das ist die ganze Pointe der Didaktik allgemeiner Bildung: die Gleichzeitigkeit von „Lernen“ und „Lernen des Lernens“. Humboldt beschreibt die Arbeit am „Stoff“, also das Lernen hier und jetzt, in einer Weise, dass „Fähigkeiten“ für die Zukunft erworben werden können. Das macht den Sinn allgemeiner Bildung aus. Wenn man beides kann, dann kann man die Schule verlassen – studieren, einen Beruf ergreifen, heiraten etc.

Wo bleibt da die Rolle des Kanons, gibt es einen „Stoff“, gar „big ideas“, die man braucht, wenn man diese Fähigkeiten ausbilden will? Dafür kann man auch von Humboldt lernen; denn bei ihm wird das Problem des Kanons klar und einfach gelöst, mit vier Bereichen, in denen „Kenntnisse“, das heißt die Einheit von „Stoff“ und „Fähigkeiten“, zu erwerben sind. Für ihn gibt es dabei nur „historische“, „mathematische“, „linguistische“ und „ästhetische“ Kenntnisse. Auch andere Theoretiker seiner Zeit, zum Beispiel Herder, haben sehr klare Vorstellungen vom Lehrplan und seinem notwendigen Umfang. Für die heutige Kultusministerkonferenz teile ich auch das rasch mit, damit über den Kanon kein Streit mehr besteht: „1. Muttersprach . . . vernünftig sprechen und schreiben lernen . . . 2. Geschichte und Geographie, denn . . . die Welt verändert sich . . . sowie die . . . Grundsätze der Völkerregierungen . . . 3. die . . . nützlichen Wissenschaften und Künste . . . vor allem . . . Mathematik . . . 4. wahrhafte Religion.. Humboldt wie Herder konnten so klar strukturieren, weil sie nicht an „Stoff“ dachten, gar an eine Stundentafel, sondern an „Bildung“, also an Formen der Aneignung von Welt.

Sie kennen dann je vier Modi der Erschließung von Welt, die mit der Schule verbindlich gemacht und allgemein, also für alle Lernenden ermöglicht werden sollen: den Modus des „Historischen“, damit wir fähig werden, unsere Welt im Blick auf die Geschichtlichkeit und Gegenwart der menschlichen Praxis verstehen und verändern zu können; den Modus des „Mathematischen“, damit wir auch die Möglichkeiten der Modellierung von Welt in Zahl und Symbol und ihre Gestaltung und Beherrschung mit den Möglichkeiten der exakten Naturwissenschaften erwerben. Den Modus des „Linguistischen“, damit wir unsere eigenen und fremde Welten durch Kommunikation erfahren und gestalten, und schließlich den Modus des „Ästhetischen“, als Form der freien Artikulation des Subjekts in Kunst und Bewegung.

Die Kühnheit dieser schlanken Konstruktion fasziniert, und der Mut zur Kanonisierung beeindruckt. Vor allem aber, die klassische Konstruktion bewährt sich, wenn man nicht nach Schulfächern schaut oder nur „Wissen“ sortiert, sondern nach „Lernbereichen“ und „Prinzipien“, in denen sich der Lehrplan moderner Gesellschaften organisiert. Hier haben auch die „big ideas“ ihren systematischen Ort: um zu verstehen, ob „Freiheit“ und „Demokratie“ oder „Klassenkampf“ und „Ausbeutung“ den historischen Prozess bestimmen.

Die Lehrpläne verstehen

Linguistisch geht es um „Sprache“ und „Kultur“. „Beweis“ und Gestaltung von Natur sind der Ort für Mathematik und Naturwissenschaften. Die „Identität“ und das „Selbst“ sowie das „Schöne“ werden ästhetisch zum Thema. Ohne alle Mühe kann man in diesen Dimensionen des klassischen Kanons auch kulturübergreifend, ja weltweit die modernen Lehrpläne in ihren Grundlagen verstehen. Es gibt zwar interne Untergliederungen: „historisch“ und „sozial“, „mathematisch“ und „naturwissenschaftlich“, „mutter-“ und „fremdsprachlich“ – aber das Prinzip der Kanonisierung von grundlegenden Dimensionen der Welterschließung bleibt gleich: Erweiterungen über die von Humboldt genannten Dimensionen hinaus sind äußerst selten. „Polytechnik“ und „Arbeitslehre“ waren solche Versuche – sie kehren in den Kreis des Historisch-Sozialen zurück. Der Kanon lebt, auch wenn er für manche Theoretiker nicht einfach zu begründen ist.

Aber ist er auch zur Innovation fähig, oder sperrt er uns in schulische Fachtraditionen ein? Innovativ ist der Kanon, weil er nicht den Stoff normiert, sondern den Prozess und offen ist für neue Themen, Begriffe und Erfahrungen. Konstant bleibt seine Leistung, nicht primär Wissen zu vermitteln, sondern in der Vermittlung – wie Herder sagte – „Ordnung in meinen Kopf“ zu bringen. Insofern gehört überfachliches Lernen notwendig zum Kanon, denn es eröffnet neue Horizonte, indem es die Fachlichkeit in ihrem Zusammenhang und in ihren Grenzen erfahrbar macht: Evolution ist nicht allein ein Konzept der Biologie, Mathematisierbarkeit gilt auch für das Soziale, Normprobleme werfen auch die Naturwissenschaften auf, nicht nur die kulturellen Traditionen. Fremdheit ist im Alltag normal. Der Kanon kann solche Erfahrungen bieten. Gesellschaftlich verbindlich, zwingt er uns, uns mit der Welt auseinander zu setzen. Er ist nichts anderes als die lehr- und lernbar gemachte Form der Welt. Wer auf Kanonisierung meint verzichten zu können, verzichtet auf pädagogische Arbeit.

Der Autor ist Professor für historische Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität sowie Vizepräsident der HU. Für die Kultusministerkonferenz der Länder arbeitet er als Gutachter für Kerncurricula in der Oberstufe und als Koautor für den ersten nationalen Bildungsbericht.

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