Gesundheit : Alltag statt Pflegeheim In einem Zentrum in Frohnau leben Menschen nach Schädel-Hirn-Verletzungen

oder schweren neurologischen Erkrankungen. Sie üben für die Rückkehr in ein normales Leben

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Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Ein eigenes kleines Apartment mit gemütlichem Sofa im Wohnzimmer, mit voll ausgestatteter Küche und großem Bad. Kein Zweifel: Juliane Kießling hat es schön bei sich zu Hause. Die 27-Jährige ist stolz auf ihre Wohnung, in der sie seit drei Monaten lebt. Wer verstehen will, wie berechtigt dieser Stolz wirklich ist, muss der jungen Frau ein Stück weit in die Vergangenheit folgen.

Vielleicht zuerst in die Zeit vor drei, vier Jahren. Damals arbeitete Juliane Kießling in der Verwaltung eines Autohauses, sie konnte sich schon eine kleine Wohnung leisten, hatte viele gleichaltrige Freunde und auch einen netten Lebensgefährten. Fotos aus dieser unbeschwerten Zeit kann man an den Wänden ihres heutigen Apartments bewundern. Sie zeigen eine hübsche, fröhliche, unternehmungslustig wirkende junge Frau.

Auch die Juliane Kießling, die sich heute im Rollstuhl zwischen den Gebäuden des P.A.N Zentrums der Fürst von Donnersmarck-Stiftung in Frohnau bewegt und dort vor kurzem ihre eigene Wohnung bezogen hat, ist hübsch, freundlich, unternehmungslustig. Doch was sie heute erreicht hat, war harte Arbeit. „Das Leben ist für mich jeden Tag anstrengend, eine echte Herausforderung.“

Vor zwei Jahren ist die damals 25-Jährige an einer seltenen Form von Gehirnentzündung erkrankt. Die Virusinfektion hat vor allem den Hirnstamm erfasst. Von diesem stammesgeschichtlich ältesten Teil des Gehirns aus werden vor allem Bewegungen, aber auch das Sprechen gesteuert. „Frau Kießling hatte sozusagen noch Glück im Unglück, denn ihr Großhirn und damit das Denken war kaum betroffen“, erklärt ihr Arzt, der Neurologieprofessor Stephan Bamborschke. Er leitet das P.A.N. Zentrum für Post-Akute Neurorehabilitation im Fürst Donnersmarck-Haus, wo die junge Frau seit eineinhalb Jahren lebt – und dabei das Leben mit seinen wichtigsten Alltagsanforderungen mit therapeutischer und neuropädagogischer Unterstützung neu trainiert. Langzeitreha ist sozusagen die Reha nach der „normalen“ intensiven neurologischen Reha. Diese Intensivreha hat bei Juliane Kießling fünf Monate gedauert, und sie hatte begonnen, als die junge Frau nach sechs langen Wochen aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte. Außer Lebensgefahr. Aber auch außerstande, sich selbst zu bewegen, eine Tasse zum Mund zu führen, verständlich zu sprechen.

Nach und nach, nach vielen Stunden Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie hat sie vieles davon wieder gelernt. In Monaten, die ohne eine begleitende Psychotherapie seelisch kaum durchzustehen wären, weil zum Neustart auch die nüchterne Einschätzung dessen gehört, was man alles nicht mehr kann. „Selfawareness“ nennen es die Fachleute – erkennen, wo man selber steht. Juliane Kießling weiß, dass vieles bei ihr langsamer geht, dass sie noch auf den Rollstuhl angewiesen ist.

Neuer Lebensmut wird da immer wieder von Phasen der Mutlosigkeit abgelöst. Fernziele wie die Rückkehr in den Beruf oder auch nur der selbstständige Einkauf im Supermarkt sind wichtig, doch die Ziele dürfen nicht ganz unrealistisch sein. Möglicherweise werden sie im Lauf der Monate auch bescheidener. Je mehr Zeit seit dem akuten Ereignis vergangen ist, desto kleiner sind meist die Fortschritte.

„Unser Ziel ist, dass unsere Patienten nicht in einem Pflegeheim landen, sondern dass sie wieder selbstständig wohnen oder vielleicht sogar wieder in den Arbeitsmarkt integriert werden können“, sagt Stephan Bamborschke. Am P.A.N. Zentrum spricht man gern vom Konzept des „Ambulantisierens“.

Viele, die hier zeitweilig leben, haben einen schweren Unfall gehabt, in dessen Folge der Schädel und das Gehirn verletzt wurden. Andere haben einen schweren Schlaganfall überstanden. „Patienten“ möchte Bamborschke sie dennoch höchstens dann nennen, wenn sie mit einem konkreten Anliegen zu ihm in die Sprechstunde kommen. Doch „Patient“ – das sollte man nicht zwei Jahre lang bleiben. Auf Menschen wie Juliane Kießling, die sich in ihrer Wohnung selbst Essen machen und die Wäsche waschen, passt der Begriff besonders schlecht. Bamborschke bezeichnet sie lieber als „Bewohnerin“.

Juliane Kießling bewohnt eines der neun „Trainingsapartments“, die zusammen mit einer Wohngemeinschaft Ende Juli feierlich eröffnet wurden. Im nächsten Bauabschnitt sollen noch 100 Einzelzimmer mit Bad und Balkon entstehen. Ein Musterpavillon zeigt eines von ihnen in Originalgröße. Die Innenarchitekten möchten Anregungen für die praktische und wohnliche Ausstattung sammeln, die von echten Experten kommen: Bewohnern und Mitarbeitern des Zentrums. Auch der gesamte Therapiebereich soll bis 2014 erneuert werden.

Der Gründer der Stiftung, zu der die Apartments gehören, war Guido Graf Henckel Fürst von Donnersmarck. Er hatte im Jahr 1916 eine „größere Kur- und Heilanstalt“ für Verletzte des Ersten Weltkriegs im Sinn. Viel später wurden in dem Haus in Berlin-Frohnau, das seinen Namen trägt, Kinder mit Behinderungen behandelt. Seit den 80er Jahren entwickelte es sich dann zu einer Einrichtung, die sich ganz auf die Langzeitreha von jüngeren Erwachsenen mit erworbenen Hirnschädigungen spezialisiert. Zu einer Institution also, von der die Bewohner eines Tages wieder Abschied nehmen – gerade, weil sie ihnen besonders gut getan hat.

„70 Prozent unserer Bewohner schaffen es nach eineinhalb Jahren, wieder selbstständig zu wohnen“, berichtet Bamborschke. Juliane Kießling lebt nun schon seit eineinhalb Jahren im P.A.N. Zentrum. Sie hofft ganz stark, im nächsten Sommer ausziehen zu können. Auch ihren Umzug wird ihr persönlicher Betreuer begleiten. Mit den Blicken und den Vergleichen, die angesichts ihres langsameren Tempos, ihrer oft noch unsicheren Bewegungen auf sie zukommen, muss sie trotzdem fertig werden.

„Ich wünsche mir mehr Selbstverständlichkeit im Umgang zwischen Behinderten und Nichtbehinderten“, sagt sie zum Abschied. Dann muss sie Teewasser aufsetzen, gleich kommt die Nachbarin.

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