Gesundheit : Allwissend ist es nicht, doch viel ist ihm bewusst

Hubertus Breuer

Spielbergs Filmepos "A.I." blühte auf in der Phantasie, einen Roboter zu erschaffen,der einem Menschenwesen nicht nur zum Verwechseln ähnelt, sondern sogar lieben kann. Im richtigen Leben allerdings sind solche Androiden pure Zukunftsmusik. Doch warum sollten wir überhaupt versuchen, unser Ebenbild aus Schrauben und Silizium herzustellen? Was den Menschen ausmacht, der vielbeschworene Geist, lässt sich in den Augen mancher Forscher viel leichter simulieren.

Seit 1984 päppelt der Computerwissenschaftler Douglas Lenat mit einem Team von 70 Ingenieuren und Forschern in Austin (Texas) das Computerprogramm "Cyc" zum ersten Rechner hoch, der, wie die Erbauer werben, über "gesunden Menschenverstand" verfügt. Um einen intelligenten Eindruck zu machen, braucht er nur schnelle Prozessoren, viel Speicherplatz, gewitzte Software - und gewaltige Berge kleiner Informationshäppchen. Nun steht das Programm kurz vor seiner Weltpremiere.

Was für einen Menschen zum alltäglichen Hintergrundwissen gehört - etwa dass volle Trinkgläser auf dem Tisch mit der Öffnung nach oben stehen, jeder Mensch eine Mutter hat oder dass es gefährlich ist, während eines Orkans ins Freie hinaus zu laufen - trichterten bienenfleißige Ingenieure, die sich selbst stolz "Cyclisten" nennen, der Maschine in 17 Jahren Satz für Satz ein.

Solch banales Wissen stellt für Software eine zuvor völlig unerreichte Leistung dar. Lenat erinnert gerne an den Satz, den der Computer HAL in Kubricks Science Fiction-Klassiker "2001 Odyssee im Weltraum" spricht, als er angeschaltet wird: "Guten Morgen Dr. Chandra, hier spricht HAL. Ich bin bereit für meine erste Lektion."

Allein für diese Frage, erklärt Lenat, muss der Computer wissen, was ein Morgen sei, was ihn gut oder schlecht mache, dass manche akademische Titel Bestandteil des Namens sind - und wir einander überhaupt grüßen. "Tonnenweise implizites Wissen steckt in diesen beiden Sätzen", erläutert Lenat. "Cyc aber weiß all das - und, anders als HAL ebenso, dass Töten schlimmer als Lügen ist."

Rund 1,5 Millionen vernetzte Aussagen bilden bisher das Herzstück der Datenbank, die demnächst Internetsuchmaschinen bei komplexen Anfragen helfen soll und zum Beispiel einem Hobbyhistoriker geduldig erklärt, dass Napoleon um den Tod des Duke of Wellington nicht trauern konnte, weil der Engländer nach ihm starb - Cyc speichert selbstverständlich auch den kompletten Inhalt mehrerer Enzyklopädien.

Tipps für Klaustrophobiker

Der Wissensberg wird uns im Alltag helfen, davon ist Lenat überzeugt. Wer in Zukunft mit einem Reiseanbieter online eine Rundreise durch Europa bucht, der wird von Cyc unterstützt. Gibt eine amerikanische Kundin beispielsweise ein, dass sie an Klaustrophobie leidet, erinnert sie das Programm daran, dass die Zugreise von Paris nach London durch den Eurotunnel führt und sich dies für sie in einen schieren Alptraum verwandeln könnte. Hat sie als Beruf "Krankenschwester" eingetippt, empfiehlt ihr das Cyc einen Besuch im Genfer Museum des Roten Kreuzes.

Eines Tages soll sich die Wundermaschine auf eigene Faust sogar eigenständig weiterbilden - durch das Studium diverser Zeitungen und Fachjournale im Netz. "Fernziel ist es, Cyc in eine autonom denkende Maschine zu entwickeln", sagt Lenat optimistisch.

Von den Balkonen der Elfenbeintürme betrachten Akademiker das gewagte Treiben allerdings mit einer gehörigen Portion Skepsis. "Das Projekt ist schon ein wenig verrückt", erklärt der Informatiker Drew McDermott von der Yale-Universität. "Computerwissenschaftler debattieren seit Jahren über Common Sense, doch haben sie nach wie vor keinen blassen Schimmer, wie er überhaupt funktioniert."

Lenat lässt sich von solchen Einwänden indessen wenig beeindrucken. Schließlich, so hebt er hervor, haben Menschen seit Jahrtausenden Brücken gebaut - aber jene statischen Modelle, die erklären, was die steinernen Bögen über den Abgrund trägt, entstanden erst in den vergangenen hundert Jahren.

Nicht ganz so ambitioniert wie Cyc, der eines Tages intelligentes Verhalten zeigen soll, aber im erstrebten Umfang ebenbürtig, gibt sich ein Internetprojekt namens GAC (ausgesprochen "Jack") - General Artificial Intelligence. Wie sein Bruder Cyc soll auch er eine Datenbank vernetzten Wissens erstellen. Dem Initiator, Chris McKinstry, steht indessen kein mit 50 Millionen Dollar gefüllter Geldtopf zur Verfügung, der Lenats Unternehmen am Laufen hielt. Der Computerwissenschaftler hofft, dass ihm Netzsurfer aller Welt zu Hilfe eilen. Dabei geht es nicht um Geld, sondern darum, dass die Helfer ihr Wissen mit der virtuellen Enzyklopädie teilen ( www.mindpixel.com ).

Dort können Internetnutzer einfache Informationen wie "Berlin ist die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland" eingeben. Im Gegenzug müssen sie pro Eigenbeitrag 20 willkürlich ausgewählte Aussagen auf ihre Stichhaltigkeit überprüfen. Bis ins Jahr 2010 will das Portal über eine Milliarde Aussagen einsammeln. Fragen beantwortet GAC, der täglich schlauer wird, indem er aus seinem Archiv die wahrscheinlichste Antwort konstruiert.

Auch die Cyclisten wollen sich nicht mehr so zugeknöpft geben wie bisher. Noch in diesem Jahr offerieren sie deshalb eine abgespeckte Version des Programms zum Herunterladen gratis im Netz ( www.opencyc.org ); für die 20 Mal umfangreichere Version müssen Anwender zahlen.

Auf dem Heimcomputer können Neugierige das virtuelle Superhirn dann auf die Probe stellen - und vor allem mit dem eigenen Wissen füttern. Wer sich dazu berufen fühlt, kann seine kostbaren Ergänzungen an Lenats Firma zurückschicken - dort will sich der Obercyclist in Zukunft mitunter damit beschäftigen, die aus aller Welt eintrudelnden Informationen auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu überprüfen - und vielleicht der Muttersoftware einzuverleiben. Aber ob dereinst aus der großen, Daten schlau verwaltenden Enzyklopädie wirklich ein echter Digitalgeist steigen wird, bleibt dahingestellt.

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