Gesundheit : Als ich ein Mann wurde

Katja, Hannes Finkenstein und das Spucki – eine preisgekrönte Geschichte von Richard Kropf

-

ERZÄHL MIR WAS – DER WETTBEWERB IM TAGESSPIEGEL

Es war ja alles nicht so einfach, jedenfalls nicht in diesem Sommer.

In diesem Sommer war ich dreizehn Jahre alt und sah aus wie elf, und Hannes Finkenstein war auch dreizehn und sah aus wie fünfzehn. Oder wie sechzehn, an seinen guten Tagen. Hannes Finkenstein hatte auch schon einige Bartstoppeln, die Katja beeindruckten. Ich hatte keine Bartstoppeln. Ich hatte ein paar Haare unter den Achseln, keine auf der Brust, keine auf dem Bauch, und über meine Scham möchte ich nicht sprechen.

Es war das erste Jahr auf dem Gymnasium und wir machten ein so genanntes Probehalbjahr durch. Die Probe bestand darin, unseren Eltern und den Lehrern zu beweisen, dass wir nicht zu dumm für diese Schule waren. Manchmal wünschte ich mir, ich wäre zu dumm und würde zurückgestuft werden, dann sähe ich genauso aus wie die anderen aus meiner Klasse. Hannes wäre dann nicht da gewesen, aber auch nicht Katja, und das machte alles so schwierig.

Hannes Finkenstein war mein Freund. Vielleicht war er auch ein bisschen deswegen mein Freund, weil er ein „guter Kumpel“ von Katja war, und ich konnte mit ins „Spucki“, in unser Freibad, gehen, wenn Katja da war und sich sonnte. Sie sonnte sich immer nur und badete nie, obwohl ich es gern gesehen hätte, wenn sie aus dem Wasser gekommen wäre und ihre nasse Haut in der Sonne glitzerte und sie sich die Haare hochsteckte. So wie die Schauspielerin in dem einen JamesBond-Film mit Sean Connery, so ähnlich sähe Katja dann aus.

Hannes Finkenstein und ich standen beide auf Katja; gesprochen haben wir darüber nie, und zugegeben hätten wir es schon gar nicht. Es war so etwas wie ein offenes Geheimnis, und Katja schien unerreichbar.

Ohne dass ich ihn gefragt hätte, teilte mir Hannes Finkenstein am Kakao-Automaten der Schule mit, dass man mit einem Nassrasierer den Bartwuchs beschleunigen könnte. Besser noch als mit einem Trockenrasierer.

Am Nachmittag besaß ich einen „Gillette Excelsior“, Irischer Frühling-Rasierschaum, Irischer Frühling-Aftershave und einen Rasierpinsel aus echtem Rosshaar. Ich schäumte mir das Gesicht vom Kehlkopf bis zu den Wangenknochen ein. Ich rasierte mich sehr gründlich und gut und konnte es sogar vermeiden, mich zu verletzen. Ich schüttete mir etwas Aftershave auf die Handflächen und rieb es mir ins Gesicht. Es brannte fürchterlich.

Hannes Finkenstein sagte mir am Tag darauf: „Du riechst wie schwuler Pekinese von hinten.“ Ich hatte das noch nie gehört, und ich wusste auch nicht, wie ein schwuler Pekinese von hinten riecht, wusste aber sehr wohl, dass ich nicht so riechen wollte.

Ich beschloss, mich vorerst nicht mehr zu rasieren. Ich beschloss außerdem, nicht mehr ins Spucki zu gehen, und überließ Hannes Finkenstein das Feld. Vorerst.

Die folgende Zeit war furchtbar. Ich sah Hannes und Katja in der Schule, und sie redeten über das Spucki und was sie alles erlebt hatten und fragten mich, warum ich denn nicht mehr käme. Ich sagte, ich hätte eine Chlor-Allergie. Das ließen sie gelten und sagten: „Schade.“ Ich bin mir sicher, dass es Hannes Finkenstein nicht so meinte und dass er sich in Wirklichkeit freute, mich los zu sein, um Katja ganz für sich allein zu haben. Was Katja betraf, so glaubte ich ihr jeden einzelnen Buchstaben dieses Wortes.

Es war Hochsommer und wir hatten schließlich Ferien, und ich ging nicht ins Spucki, sondern saß zu Hause und spielte auf meinem alten Atari dumme Computer-Spiele. Bis sich eines Tages alles änderte. Dachte ich.

Ich stand gerade vor dem Spiegel und betrachtete mein Gesicht, da entdeckte ich etwas sehr Merkwürdiges. Aus der Mitte meines Kinns ragte ein Haar. Ich wollte es wegwischen, weil ich dachte, es klebte da nur zufällig fest, aber ich konnte es nicht wegwischen. Es war festgewachsen. Aus der Mitte meines Kinns spross ein einziges, blondes, zwei Zentimeter langes Barthaar. Es war so fein, dass es mir wochenlang nicht aufgefallen war. Aber es war ein Barthaar. Ich überlegte, wie lange es wohl dauern würde, bis ich ungefähr fünfhundert oder eintausend dieser Haare im Gesicht hatte, und kam zu dem Schluss, dass ich so lange nicht mehr Atari spielen wollte.

Ich ging wieder ins Spucki. Als ich am Becken vorbeikam, sah ich, dass Hannes Finkenstein mit ein paar Jungs „Übers Eck“ spielte. Er sah mich nicht. Ich würde mich zu Katja legen, ich würde zum ersten Mal mit ihr alleine sprechen, ich würde ihr meinen Bart zeigen.

Katja lag mit zwei Freundinnen auf der Wiese und sonnte sich und sah besser aus denn je. Ihre blonden Locken waren von der Sonne gebleicht und sie hatte vom Badeanzug zwei helle Streifen am Rücken, und um diese hellen Streifen auch noch zu bräunen, hatte sie sich auf den Bauch gelegt und die Träger von den Armen gestreift. Ich sagte „Hallo“. Sie richtete den Oberkörper etwas auf, so dass ich den Ansatz ihrer Brüste sehen konnte und nicht wusste, wo ich hinschauen sollte. Dann fragte sie nach meiner Chlor-Allergie, die ich längst vergessen hatte, ich antwortete: „Alles wieder in Ordnung“, sie nickte lächelnd und sonnte sich wieder. Ich zog mein T-Shirt aus und legte mich ihr gegenüber.

Mir fiel auf, dass mein Körper wesentlich blässer war als Katjas. Katja schlief, ich tat auch, als ob ich schlafen würde, und heimlich hoffte ich, dass ich braun werden würde, bevor sie aufwachte. Nach einer halben Stunde wurde mir brennend heiß. Wäre Katja nicht gewesen, wäre ich ins Wasser gegangen. Ich stützte mein Kinn in die Hände, wartete auf Wolken und beobachtete, wie sich Katjas Rücken beim Atmen auf und ab bewegte. Mein Herz raste.

Nach einer Ewigkeit richtete sie sich auf, wieder gerade so weit, dass ich den Ansatz ihrer Brüste sehen konnte – ich wette, das machte sie absichtlich – und schaute mich an. Eine sehr lange Weile. Und ich schaute zurück. Wir schauten einander direkt in die Augen. Ich fühlte, wie sich Schweiß auf meiner Stirn bildete. Dann sagte Katja: „Du hast da was.“

Zuerst dachte ich, sie meinte den Schweiß, aber dann wusste ich, sie meinte mein Barthaar. Mein langes blondes einziges Barthaar.

Bevor ich etwas erwidern konnte, fasste sie mit ihrer Hand an mein Kinn, betastete es und zog dann langsam das Haar aus der Haut. Sie pustete es wie eine Wimper weg und sagte: „Barthaare stören beim Küssen.“

Wenn ich nicht schon gelegen hätte, wäre ich umgefallen. Katja schaute mich nur an und lächelte. Ich versuchte auch zu lächeln, cool und smart, aber mein Körper war wie gelähmt. Ich spürte lediglich, wie sich mein Herzschlag noch einmal verdreifachte, und als ich gerade in Gedanken abwog, ob mein erster Kuss ein Zungenkuss sein sollte oder musste oder nicht, kam Hannes Finkenstein zurück. Er rief irgendetwas Unverständliches, schüttelte seine nassen Haare auf Katjas Rücken aus und küsste sie auf den Mund. Mit Zunge. Dann sah er mich an.

Irgendwie hatte ich plötzlich das Gefühl, etwas zu verlieren. Ich wusste in diesem Moment nicht genau was, aber so stellte ich es mir immer vor, wie es wäre, aus einem Flugzeug zu fallen. Alles rauschte an mir vorbei. Katja lächelte wieder, gerade so, als sei nichts geschehen, während ich auf dem Boden aufschlug. Und dann ging sie zum ersten Mal ins Wasser.

Ich habe nicht mehr gesehen, wie ihre Haut in der Sonne glitzerte und auch nicht, ob sie aussah wie das Bondgirl. Ich bin nach Hause gegangen und habe mein Rasierzeug in den Müll geworfen. Es war eben alles nicht so einfach in diesem Sommer.

Richard Kropfs Geschichte ist zusammen mit 20 anderen Erzählungen im Buch zum Wettbewerb erschienen (zu bestellen über das Katrin Rohnstock Medienbüro, Telefon 42 85 22 55, oder ab 1. Oktober erhältlich in der Tagesspiegel-Geschäftsstelle, für 9.90 Euro). Kropf studiert Germanistik und Betriebswirtschaftslehre in Berlin.

0 Kommentare

Neuester Kommentar