Gesundheit : Als Ostdeutsche noch keine Ossis waren

Frank Schubert

"Atomisierte Menschen ohne Geschichtsbewusstsein und herkömmliches Wertesystem, ehrfürchtig den (DDR-) Staat anbetend" - So beschrieb die "Zeit" im März dieses Jahres die Ostdeutschen. Ihre geringere Arbeitseffizienz zeuge von großem Nachholbedarf, wie auch in anderen postkommunistischen Gesellschaften. "Gegen solche medienwirksamen Stereotypen haben es differenziertere Forschungsergebnisse von Soziologen oft schwer", meint Anna Schwarz, Soziologieprofessorin an der Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Bei einer Veranstaltung in Potsdam kritisierte die Wissenschaftlerin diese Einseitigkeit: "Derartige Verengungen verwechseln Indoktrination mit Sozialisation." Es sehe so aus, als glaubten viele Theoretiker nachträglich der realsozialistischen Macht-Inszenierung mehr als die Ostdeutschen zu DDR-Zeiten. Die Wahrnehmungsfähigkeit der Menschen in der DDR werde völlig unterschätzt.

"Aufgeblasene Selbstinszenierung"

Bei ihren Forschungen befragte die Professorin exemplarisch 70 Ostdeutsche nach ihrem Werdegang vor, während und nach der Wende. Dabei zeigte sich, dass die meisten der Befragten ihre DDR-Vergangenheit sehr intensiv reflektierten. Biografische Verdrängungen wurden so gut wie nicht beobachtet. Außerdem falle der Rückblick auf die DDR bei den meisten erstaunlich differenziert aus. So beurteilten zum Beispiel viele Ostdeutsche - auch heutige Unternehmer - die volks- und betriebswirtschaftliche Organisation in der DDR nicht pauschal negativ. Sie sähen das alte System sehr kritisch, aber auch manche Vorzüge. Dazu gehöre, dass eine aufgeblasene Selbstinszenierung im Arbeitsleben nicht nötig gewesen sei.

Oft ambivalent

An einem Beispiel zeigte Schwarz das vielschichtige und oft ambivalente Verhältnis der Ostdeutschen zum DDR-System. "Ich war kein Genosse - ich wollte mit denen auch nie was zu tun haben", sagte beispielsweise Georg Gehr (Name geändert) mit deutlicher Ablehnung der DDR-Staatspartei SED. Die politische Sphäre der DDR beschrieb er nüchtern, als etwas Fremdes, für ihn Uninteressantes. Andererseits absolvierte er eine elitäre DDR-Institution: eine Sportschule, in der er für die Jugendnationalmannschaft trainierte. Die Disziplin und Leistungsorientierung dort schilderte er rückblickend voller Anerkennung und mit Respekt vor Trainern und Lehrern. Die Erfahrungen dieser Zeit, erklärte er, hätten ihm Zeit seines Lebens die Kraft gegeben, immer wieder an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit zu gehen.

"Sollten Millionen Ostdeutsche wirklich ihre Biografien beim Eintritt in die neue Gesellschaft an der Garderobe ablegen?", fragt Schwarz. Bei der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit müsse das Zusammenspiel von politischen Bedingungen und den individuellen Lebensbedingungen stärker als bisher beachtet werden. Nur so könne man vermeiden, das Leben in der DDR pauschal abzuqualifizieren. Das sei aber Voraussetzung, um den Ostdeutschen biografische Brücken in die neue Gesellschaft zu ermöglichen. Der Reichtum der verschiedenen Lebenserfahrungen sei bisher in jeder Gesellschaft größer gewesen als die Summe der Ordnungsversuche des Systems.

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