Alternative Altenheime : Pflege, fast wie zu Hause

Der Vater krank, die Heime schlimm – da entschied Michaela Janke: Dann mach ich halt eine Alten-WG auf. Die Geschichte einer Frau, die sich für einen harten Beruf entschied – und eines alternativen Pflegemodells.

Candida Splett
Pflege-WGs
Ihr Prinzip: Respekt. Michaela Janke mit Bewohnern ihrer Alten-WG. -Foto: Doris Klaas

„Hätte mich früher jemand gefragt, ob ich Altenpflegerin werden will, dem hätte ich einen Vogel gezeigt. Ich dachte, da stapel ich doch lieber Müll“, sagt Michaela Janke. Früher hat sie als Assistentin der Geschäftsführung in einer Unternehmensberatung gearbeitet. Heute ist sie 33 und macht eine Umschulung zur Altenpflegerin. Freiwillig ergreift sie einen der härtesten Berufe, die es gibt. Sie weiß sehr genau, auf was sie sich einlässt: auf schwere körperliche Arbeit, auf den aufreibenden Umgang mit vergesslichen oder aggressiven alten Menschen, auf die traurigen Abschiede, wenn Patienten sterben. Seit vier Jahren schon arbeitet Michaela Janke bei „Vergissmeinnicht“, einer Berliner Pflege-WG für Menschen mit Demenz. Sie hat sie selbst gegründet, für ihren kranken Vater. Es ging nicht mehr anders.

Knapp 90.000 Berliner sind pflegebedürftig. In den vergangenen Jahren sind es immer mehr geworden: Um neun Prozent ist ihre Zahl zwischen 2001 und Ende 2005 gewachsen – stärker als im Bundestrend. Um mehr als 50 Prozent wird der Anteil der über 75-Jährigen in der Berliner Bevölkerung bis 2020 steigen, so die Prognosen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. In 524 Heimen für Alte und Behinderte leben 35.000 Menschen. Zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden aber immer noch zu Hause versorgt – wobei viele Angehörige am Anfang unterschätzen, was das bedeutet.

"Kommunikative Defizite und mangelnde Kompetenz des Leitungspersonals“

Als Michaela Janke 22 war, erkrankte ihr Vater an Alzheimer, er war 57. Bald gab es ständig Streit zu Hause. Der Vater brabbelte vor sich hin, die Mutter war schwerhörig. Er zog die Kleider falschherum an und glaubte ihr nicht, wenn sie ihn darauf hinwies. Die Mutter wurde hämisch, er aggressiv – der Alltag wurde zur Nervenprobe. Irgendwann sagte die Mutter zur Tochter: „Entweder er zieht aus oder ich. Überleg dir was.“

Sie überlegte und begann, ein Pflegeheim für den Vater zu suchen. Was sie fand, waren Heime, in denen „zu viele Alte und zu wenig Personal“ anzutreffen waren. Auf den Fluren sprachen einsame Menschen sie an und baten sie, mit ihnen zu reden. Michaela Jankes Vater war inzwischen stark pflegebedürftig. Würde er an solchen Orten gut betreut sein? Sie machte sich Sorgen – nicht ganz zu Unrecht. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen hat bei seinen Qualitätsprüfungen im Jahr 2005 einen auffälligen Mangel bei der gerontopsychiatrischen Versorgung festgestellt, vor allem bei Demenzpatienten: 66,8 Prozent der überprüften Personen wurden nicht sachgerecht versorgt. „Kommunikative Defizite und mangelnde Kompetenz des Leitungspersonals“ diagnostiziert die Berliner Dependance von Pflege in Not. Doch auch die zunehmende „Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse“ spielt eine Rolle, sagen Experten. Von Dumpinglöhnen um die 900 Euro brutto berichten sie und von „Personalschiebereien“, mit denen einige Heime die vorgeschriebenen Personalschlüssel umgehen.

Pflege-WGs sind würdevoller für alte Menschen

Von der Alzheimer-Angehörigen-Initiative erfuhr Michaela Janke schließlich von einer anderen Möglichkeit: von den Pflege-WGs. Seit 1995 gibt es diese neue Wohnform in Berlin. Und das Angebot wächst rasant. Experten gehen allein in Berlin von 400 bis 500 aus, genaue Zahlen gibt es nicht, weil die WGs als Privatwohnungen in der Pflegestatistik nicht erfasst werden. Die Idee: Mehrere Pflegebedürftige beauftragen einen Pflegedienst, der sie in einer gemeinsamen Wohnung betreut. Der Vorteil: Die Senioren können selbstbestimmter und damit würdevoller leben – auch die dementen. Und: Die 24-Stunden-Betreuung ist leichter finanzierbar, wenn mehrere sie sich teilen.

Michaela Janke findet eine Wohngemeinschaft in Pankow. Aber es funktioniert von Anfang an nicht gut. Am ersten Tag weint der Vater nur. Dann will er sich nicht mehr waschen lassen. Einige Pflegerinnen haben Angst vor ihm, denn er ist groß und kräftig. Die Chefin bittet die Tochter, ihn „besser einstellen zu lassen“. Mit Medikamenten. Michaela Janke möchte das nicht, aber die Chefin weiß sich durchzusetzen: Als Hans-Joachim Janke eines Tages schwere Blumentöpfe umherträgt, lässt sie ihn in die Psychiatrie einweisen, „weil er die anderen Bewohner gefährdet“. Als Michaela Janke in die Klinik kommt, findet sie ihren Vater, wie er irre kichernd mit einem Luftballon spielt. Da sagt sie sich: „Ich glaube, ich kann das besser.“

Alternative Angebote sollen stärker unterstützt werden

Im Februar 2002 beantragt Michaela Janke bei der Arbeitsgemeinschaft der Pflegekassenverbände in Berlin die Gründung eines ambulanten Pflegedienstes als Voraussetzung für die Eröffnung einer Pflege-WG. Im Juli schon ziehen die ersten Bewohner bei „Vergissmeinnicht“ in Berlin-Mitte ein. Sie lebt nun mit fünf alten Menschen und neun Pflegern zusammen. Zwei Betreuer pro Patient – ein Verhältnis, von dem Altenheime nur träumen können. Sie verdient sogar an ihrer WG – „wenn man Lust auf die Arbeit hat und sich auch als Chef selber mit reinhängt, ginge das sicher auch vielen anderen Betreibern so, die als Erstes an der Versorgung der alten Menschen sparen“, sagt sie. Die Pflegekasse zahlt pro Pflegestufe-2-Patient 921 Euro, für Stufe-3-Patienten 1432 Euro; hinzu kommt ein Eigenanteil der Bewohner, der so um die 1000 Euro liegt - Michaela Janke hat allerdings Sonderkonditionen. Normalerweilse liegt der Eigenanteil in ähnlichen Pflege-WGs zwischen 1900 und 2400 Euro. Reicht die Rente nicht, springt das Sozialamt ein, sagt Janke.

Von der gerade gekippten großen Pflegereform ist zumindest das Versprechen geblieben, solche alternativen Angebote stärker zu unterstützen.

Keine staatliche Kontrolle

Michaela Jankes wichtigstes Prinzip ist es, die Bewohner wie Erwachsene zu behandeln: keine Babysprache, keine Sabberlätzchen, die Pfleger kommen den Bedürfnissen und Launen der Bewohner entgegen und akzeptieren sie als Persönlichkeiten mit eigener Biografie. Und Beruhigungsmittel gibt es so gut wie nie.

Doch da ist auch ein Problem bei dieser persönlicheren Form der Unterbringung: Weil die Pflegegemeinschaften nicht unter das Heimgesetz fallen, entziehen sie sich der staatlichen Kontrolle.

Der Berliner Verein für Selbstbestimmtes Wohnen im Alter (SWA e.V.) fordert daher, die Zahlung der Tagespauschale, die im Jahr 2005 für die Betreuung Dementer in Wohngemeinschaften eingeführt wurde, an Qualitätskriterien zu koppeln. Thomas Birk, stellvertretender Vorsitzender des SWA-Vereins, Grünen-Abgeordneter in Berlin und Sohn einer „Vergissmeinnicht“-Bewohnerin, bemängelt, „dass jeder Pflegedienst diese bekommt – egal, ob er nun mit einer Pflegekraft zehn Bewohner pflegt oder mit zwei Pflegekräften sechs Bewohner“.

"Die WG, das ist jetzt wie meine Familie."

Die Qualitätskontrolle liegt so überwiegend in den Händen der Angehörigen und gesetzlichen Betreuer. Es gibt ambulante Pflegedienste wie Vergissmeinnicht, die sich freiwillig zur Einhaltung der von der SWA entwickelten Qualitätskriterien verpflichtet haben. Allerdings werden in Berlin nur 49 WGs von Pflegediensten mit dieser Selbstverpflichtung betreut. Für viele Demenzpatienten bleibt es vorerst Glückssache, ob sie an Menschen wie Michaela Janke oder an die „schwarzen Schafe“ unter den Pflegediensten geraten.

Michaela Jankes Vater ist vor kurzem gestorben. Trotzdem macht sie weiter; sie holt nun sogar die pflegerische Ausbildung nach. Jetzt habe sie die Zeit dafür, sagt sie. Vorher war es wichtiger, Tochter zu sein. „Ich könnte nicht im Heim arbeiten, wo alles schnellschnell geht“, sagt sie. „Aber die WG, das ist jetzt wie meine Familie. Das nimmt dem Job die Härte.“

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