Alterssuizid : Das vergessene Drama

Überproportional viele Menschen über 65 begehen Selbstmord. Alterssuizid ist eine Tragödie, die wenig Aufmerksamkeit findet. Dabei wissen Ältere häufig nicht, dass es Unterstützung für sie gibt. Gerade in Berlin ist das Hilfsnetz gut ausgebaut.

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Mühsam. Manche Älteren wollen den Lebensweg nicht mehr weiter gehen.
Mühsam. Manche Älteren wollen den Lebensweg nicht mehr weiter gehen.Foto: ddp

Die Frau ist Ende 70. Sie hat ihren Mann bis zu seinem Tod gepflegt, jetzt ist sie alleine. Ihre einzige Tochter lebt in den USA, das Verhältnis ist schlecht. Die Tochter ruft so gut wie nie an und lässt die Mutter spüren, dass sie sie nicht braucht. Die fast 80-Jährige fühlt sich vollkommen überflüssig. „Ich will ja keinem zur Last fallen“, sagt sie. Und dann, erzählt Heidrun Wiese, kam vom anderen Ende der Leitung der entscheidende Satz: „Am besten, es gibt mich nicht mehr.“ Da schrillen bei jedem Telefonseelsorger die Alarmglocken.

Selbstmord im Alter ist eine weithin unbeachtete Tragödie. Im Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit stehen die Suizide jüngerer Menschen, zum Beispiel von Robert Enke. Bei Älteren fehlt häufig das Interesse. „Herzlose Toleranz“ nennt das Heidrun Wiese. Man denkt: „Der hat sein Leben doch gehabt.“ Wiese, Diplom-Psychologin, arbeitet bei der Telefonseelsorge Berlin e.V. und registriert eine steigende Zahl von Anrufen alter Menschen, die nicht mehr weiter wissen. Um Lösungswege zu diskutieren, hat die Telefonseelsorge kürzlich zu einem Podiumsgespräch über Alterssuizid in die Räume des Tagesspiegels geladen.

2009 haben sich in Deutschland 9571 Menschen umgebracht, darunter waren 2398 Männer und 961 Frauen über 65 Jahren. Damit liegt der Anteil der über 65-Jährigen bei 35 Prozent, obwohl ihr Anteil an der Bevölkerung nur 21 Prozent beträgt. Wenn Ältere Selbstmord begehen, liegt dem ein komplexes Bündel an Ursachen zugrunde, das Norbert Erlemeier, emeritierter Professor für Psychologie in Münster und Teilnehmer der Podiumsdiskussion, grob in drei Bereiche einteilt: An erster Stelle die körperlichen Erkrankungen und chronischen Schmerzen ohne Aussicht auf Besserung. Zweitens psychische Erkrankungen, Depressionen oder Anpassungsstörungen. Ältere Menschen verlieren an körperlicher Attraktivität, Potenz und an Einfluss, den sie möglicherweise jahrzehntelang ausgeübt haben. Drittens gibt es das weite Feld der Beziehungsprobleme. Ältere können sich von den engsten Verwandten zurückgestoßen fühlen, Vereinsamung, Hilflosigkeit und die Furcht vor Pflegebedürftigkeit sind die Folge.

Es verwundert dabei nicht, dass sich wesentlich mehr Männer als Frauen umbringen. Frauen suchen früher Hilfe und gehen ihr ganzes Leben lang auch häufiger zum Arzt, während Männer dazu tendieren, Probleme mit sich selbst auszumachen. „Frauen neigen eher zu Suizidversuchen“, sagt Erlemeier, „während Männer wirklich ernst machen“. Hoffnungsfroh stimmt indes, dass die Suizidraten insgesamt in allen Altersgruppen zurückgehen. Allerdings sind Ältere immer noch überproportional beteiligt. In Berlin sieht das Bild besser aus. Hier liegt die durchschnittliche Suizidrate bei 7,7 pro 100 000 Einwohner, während sie bundesweit 11,7 beträgt. Das verwundert zunächst. Erlemeier erklärt es mit dem breiten und gut ausgebauten Angebot an Hilfseinrichtungen – zum Beispiel der Volkssolidarität Berlin, die ebenfalls auf dem Podium vertreten war. Die größte ihrer sieben Sozialstationen hat 80 Vollzeit-Pflegekräfte, die ältere Menschen bis zu fünf Mal am Tag besuchen. Auch die Telefonseelsorge ist Teil dieses differenzierten Angebots. Sie wurde 1956 als erste in Deutschland gegründet und hat 150 ehrenamtliche Mitarbeiter.

Suizidprävention ist geschichtlich eine relativ junge Disziplin. Denn jahrhundertelang wurde der Suizid moralisch verurteilt – als Verbrechen gegen Gott. Dem Verstorbenen wurde ein ordentliches Begräbnis verweigert, den Nachkommen der Besitz weggenommen. Erst seit den 50er Jahren werden Selbstmorde als Ausdruck persönlicher Krisen oder seelischer Erkrankungen aufgefasst. Trotzdem wissen heute ältere Menschen oft nicht, dass ihnen geholfen werden kann – vor allem, wenn sie noch im Krieg aufgewachsen sind. Wiese und Erlemeier sind sich einig, dass es eine der vordringlichsten Aufgaben von Prävention ist, Ältere aufzuklären über das existierende psychosoziale Versorgungssystem, über Krisendienste, die Möglichkeiten von Palliativmedizin und Hospize. Aber wichtig ist auch, sagt Erlemeier, dass sich Jüngere über einige grundsätzliche Dinge klar werden: Dass es nicht ewig weitergeht mit der Fitness, dass das Alter irgendwann seinen Tribut fordert. „Wir brauchen wieder eine realistische Einstellung zum Alter.“ Die Gesundheitspolitik müsse, so Wiese, für ein altersfreundliches Umfeld sorgen, das möglichst barrierefrei ist. „Und wir alle müssen lernen, latente Suizidalität zu erkennen, indem wir unsere älteren Mitmenschen wahrnehmen, sie wertschätzen und würdig unterbringen und sie nicht nur, wie es auch manche Medien gerne tun, als Kostenfaktor sehen.“

Die Mitarbeiter der Telefonseelsorge werden in Seminaren geschult, wie sie mit angekündigtem Selbstmord umgehen sollen. „Sie sollen direkt darüber sprechen“, erklärt Heidrun Wiese. Es sei nicht so, dass damit der fatale Gedanke überhaupt erst ausgelöst würde. Vielmehr gehe es darum, einen Draht herzustellen, die Tür, die der andere von Innen zumachen will, offenzuhalten und herauszufinden, was es noch an Licht im Leben gibt. Bei der Frau, die damals angerufen hat, hat es funktioniert: Am Ende des Telefonats war von Suizid keine Rede mehr. Telefonseelsorge Berlin, Tel. 613 50 23

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