Gesundheit : Am Anfang war das Gen Individualität beginnt

im Mutterleib

Adelheid Müller-Lissner

„Bist Du’s schon oder wirst Du’s noch?“ Mit diesem Titel ging an der Berliner Charité ein von der Stiftung für das Behinderte Kind gesponsertes Symposium der Frage nach, wie menschliche Individualität entsteht.

Heute können schon Ultraschallbilder des Ungeborenen eingefangen werden, wenn es noch keine menschliche Gestalt angenommen hat. Zwischen der sechsten und der zwölften Woche ist ein „ausgeprägter Gestaltwandel“ zu erkennen, wie Martin Brauer von der Klinik für Geburtsmedizin (Virchow) erzählte.

„Am Anfang war nicht das Wort, sondern das Gen“, so variierte Herbert Jäckle vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen, die berühmten Überlegungen des Goetheschen Faust. Zum Beispiel das Gen „Pax6“, ohne das sich weder bei der Fliege noch beim Menschen Augen entwickeln können. Forschungen mit der Taufliege Drosophila verdanken wir wichtige Einsichten darüber, wie Lebewesen Gestalt annehmen, welche Gene des Embryos, aber auch welche mütterlichen Komponenten dazu beitragen, dass das werdende Lebewesen sich aus einem formlosen Zellklumpen zu einer Gestalt entwickelt. Kurz nach der Vereinigung von menschlicher Ei- und Samenzelle sind viele Erbinformationen noch nicht „lesbar“. An einen der vier DNS-„Buchstaben“, das Cytosin, sind Moleküle angelagert, die dafür sorgen, dass die Erbinformationen unter Verschluss („methyliert“) bleiben. Allmählich werden Informationen freigegeben.

Bis zum 14. Tag nach der Befruchtung können sich in seltenen Fällen aus einer befruchteten Eizelle noch Zwillinge entwickeln. Diese eineiigen, genetisch identischen Geschwister sind sich oft erstaunlich ähnlich. In einer berühmten Studie, die 1990 veröffentlicht wurde, verblüfften US-Forscher mit Beispielen von Brüdern, die es auch später in erstaunlichem Maß blieben: Die „Jim Twins“ aus der Minnesota-Studie des Psychologen Thomas Bouchard, die als Babys getrennt wurden und sich erst mit 39 Jahren wieder trafen, waren nicht nur beide auf den Namen Jim getauft worden, sie waren auch beide Hilfssheriff, Kettenraucher, Heimwerker und teilten die Angewohnheit des Nägelkauens. Beide waren zum Zeitpunkt ihres ersten Treffens zum zweiten Mal verheiratet, die ersten Frauen der beiden hießen Linda, die zweiten beide Betty. Auffallend viele der untersuchten eineiigen Zwillinge haben einen gleich hohen Intelligenzquotienten, teilen Marotten und Geschmacksvorlieben.

Ursache müssen jedoch keinesfalls immer „die Gene“ sein. Denn die Zwillinge sind ja schon im Mutterleib ersten gemeinsamen Einflüssen ausgesetzt, die sie früh programmieren. Dort kann es etwa ihr Wachstum beeinflussen, wenn die Mutter raucht oder unter Stoffwechselproblemen leidet. Was Kinder aus dieser Phase für die weitere Entwicklung mitbekommen können, ist angeboren, aber nicht unbedingt ererbt. Schon die frühesten Weichenstellungen in der Entwicklung von Individualität sind also kompliziert.

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