Gesundheit : Am Anfang war die "Ray-Ban" - Potsdamer Ausstellung über den modischen Augenschutz im Wandel der Zeiten

Tilmann Warnecke

Ob am Mittelmeerstrand oder abends in der Disco, im Winter bei Regen und Schnee oder der ersten Frühlingssonne: Manche Menschen haben ihre Sonnenbrille immer auf der Nase. Wie Alex aus dem RTL2-Big Brother-Container zum Beispiel - der setzte sie selbst im Bett nicht ab. Die Sonnenbrillen-Süchtigen befinden sich in guter Gesellschaft. Der für seine Extravaganzen bekannte römische Kaiser Nero hielt sich schon vor knapp 2000 Jahren einen grünen Smaragden vor die Augen, um Gladiatorenkämpfe besser beobachten zu können - die erste überlieferte Sonnenbrille der Weltgeschichte. Eskimos dagegen schneiden Schlitze in Seehundsrippen, um sich vor dem Blenden des Schnees zu schützen.

Selbst dem Papst verleihen die dunklen Gläser ein größeres Charisma und verstärken seine Autorität. Das jedenfalls fanden kürzlich italienische Forscher heraus. "Die Sonnenbrille ist ein Phänomen. In allen seinen Facetten hat das aber noch keiner analysiert. Das wollen wir jetzt nachholen", meint Valeska Kölbl. In achtmonatiger Recherche hat die 23-Jährige zusammen mit sieben Kommilitionen der Fachhochschule Potsdam dem Kultobjekt Sonnenbrille hinterhergespürt. Herausgekommen ist, so Kölbl, "eine Kulturgeschichte der Sonnenbrille", die der Öffentlichkeit jetzt in einer Ausstellung präsentiert wird.

Beim virtuellen Optiker

Im Mittelpunkt steht eine "Weltneuheit", wie Mitorganisator Axel Lischke stolz betont: Ein virtueller Optiker, bei dem jeder Besucher binnen weniger Sekunden am Computerbildschirm feststellen kann, welcher Sonnenbrillentyp am besten zur eigenen Persönlichkeit passt. Mit einer Videokamera wird das Bild des Besuchers für den Computer festgehalten, und schon kann das virtuelle Gestelle-Testen losgehen. Ist es eher die draufgängerische Blues-Brothers-Brille? Oder das kreisrunde Hippie-Modell à la John Lennon? Eine weibliche Schmetterlingsform, von Audrey Hepburn in "Frühstück bei Tiffanys" weltberühmt gemacht? Soll die Glasfarbe blau, grün oder doch lieber verspiegelt sein?

Das Spiel mit der eigenen Persönlichkeit ist für die Ausstellungsmacher, die in Potsdam Kulturarbeit studieren, das zentrale Thema, wenn es um die Sonnenbrille geht. Denn nur als Schutz vor schädlichen UV-Strahlen setzt ihrer Meinung nach heutzutage kaum einer eine Sonnenbrille auf. Ästhetische und psychologische Gründe stehen im Vordergrund, was Lischke mit einer Szene aus dem Sonnenbrillen-Film par excellence, den Blues Brothers, illustriert: "Da will John Belushi einer Frau klar machen, warum er nicht zu einer Hochzeit kommen konnte, und als er die Sonnenbrille abnimmt und so sein Innerstes preisgibt, muss sie ihm einfach glauben." Ausschnitte wie diese sind ein weiterer Teil der Ausstellung, denn im Film wird die Zuordnung von Sonnenbrillen zu Typen besonders deutlich. Ein anderes Beispiel sind Science-Fiction-Filme: "Dort nehmen Sonnenbrillen oft technologische Wunschvorstellungen vorweg."

Erst Ende des 15. Jahrhunderts wurden Brillengestelle mit getönten Gläsern eingeführt. Für den Besucher ist die Produktgeschichte als ein begehbares Quiz nachzuvollziehen. Die Chinesen waren den Europäern in punkto Sonnenbrille als Schmuck- und Standesobjekt übrigens weit voraus: Schon am Anfang des Jahrtausends war das Tragen von dunklen Gläsern für die dortigen Mandarine ein besonderes Privileg. Lessing, sonst eher durch seine Dramen bekannt, wird als früher Sonnenbrillen-Experte enttarnt, der sich mit einem Zeitgenossen einen heftigen Schlagabtausch um die Frage lieferte, welche Farbe Neros Smaragd wohl hatte.

1905 schließlich entwickelte Josef Rodenstock die ersten Sonnenschutzgläser, die auch die UV-Strahlung abhielten - zu der Zeit waren gerade blaue Gläser modern, die für die Augen besonders schädlich waren. Die Anfänge der Ray-Ban, Urmutter der modernen Sonnenbrille, liegen übrigens bei der US Air Force: Deren Pilot John MacCready wollte Charles Lindberghs Atlantikflug nacheifern und bat dafür um die Entwicklung spezieller Brillengläser, um beim Blick in die Sonne nicht vom Kurs abzukommen. Mit der Ray-Ban nahm die Entwicklung der Sonnenbrille zum Kultobjekt seinen Lauf. "Spätestens in den Fünfzigern" schätzt Kölbl, sei auch in Deutschland die Sonnenbrille vom Nutz- zum Modeobjekt geworden. Ein Boom, den die Ausstellungsmacher nur bedingt mitmachen. So besitzt Kölbl keine einzige Sonnenbrille ("Ich will meinem Gegenüber in die Augen schauen können, aber gerade wegen meiner Abneigung finde ich das Thema so interessant"), Lischke dafür immerhin drei ("Mit zwölf habe ich die erste bekommen, mit der Pubertät fängt man ja an, was verbergen zu wollen"). Ein Ende des Kults ist nach Meinung der beiden nicht abzusehen: "Solange die Sonne glüht, kommt die Sonnenbrille nicht aus der Mode."Die Ausstellung wird heute eröffnet und ist bis Sonntag zu sehen. Ort: Pappelallee 8-9 in Potsdam, Haus 3, Raum 001/002. Der Eintritt ist frei.

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