Gesundheit : Am falschen Fleck gespart

Ohne künstliche Hüfte wären viele Menschen völlig immobil – Schmerzbehandlung und Pflege kämen sehr teuer

Paul Janositz

Über 80 Jahre alt war die Nachbarin. Die Arthrose hatte das Hüftgelenk zerfressen. Sie konnte sich nur noch mühsam bewegen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht humpelte sie die vier Stockwerke herunter zum Müll, zum Supermarkt an der Ecke schaffte sie es nicht mehr. „Ich bekomme ein neues Hüftgelenk“, erzählte sie eines Tages. Ihre Stimme klang skeptisch. Wie würde sie die Operation überstehen? Würde sie in der Wohnung bleiben können?

Drei Monate später, ist die Nachbarin wie verwandelt. Man sieht sie auf der Straße, sie kann wieder Einkaufen gehen. Die Wohnung hat sie allerdings gewechselt. Sie ist in den zweiten Stock gezogen. Hohes Alter schützt vor künstlichem Hüftgelenk nicht, könnte man angesichts dieses Beispiels spotten. Doch Spott ist bei der derzeitigen Diskussion um die Versorgung alter Menschen mit Hüftgelenken nicht angebracht.

Soll es zur Sanierung des Gesundheitssystems eine Altersgrenze geben, wie sie beispielsweise Philipp Mißfelder, Vorsitzender der Jungen Union, im Tagesspiegel gefordert hat? Die Ersparnis wäre nicht groß, meint Ulrich Stöckle, Oberarzt an der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie der Charité. Denn man müsse die Aufwendungen für Operation und Nachsorge mit den Kosten vergleichen, die für Behandlung von Schmerzen etwa oder für Pflege anfallen, wenn Betroffene stark in der Bewegung eingeschränkt und vielleicht völlig immobil werden. Dann könnte der Verzicht auf ein künstliches Hüftgelenk teuer zu stehen kommen.

„Unabhängig vom Alter ist es medizinisch sinnvoll, die Beweglichkeit zu erhalten“, sagt der Spezialist für Hüftoperationen. Dann sei der Pflegebedarf deutlich geringer. Das Kriterium, ob eine Hüftprothese eingebaut werden solle, kann für Stöckle nicht das Geburtsdatum sein. „Ich orientiere mich am biologischen Alter“, erklärt er. Einen ansonsten gesunden 80-Jährigen mit einem neuen Hüftgelenk zu versehen, könne sinnvoller sein, als bei manch jüngerem Patienten. Beispielweise wenn ein 60-Jähriger an einer schweren Krankheit leide, die wenig Überlebenszeit erwarten lasse.

Ein wichtiger Aspekt bei der Entscheidung für oder gegen ein künstliches Hüftgelenk ist die „Standzeit“, das ist der Zeitraum zwischen Einbau und Lockerung der Prothese. Die „Endoprothesen“, so der Fachbegriff für ins Körperinnere eingepflanzte künstliche Gelenke, müssen große Belastungen aushalten. Denn die Hüfte ist als Verbindung von Rumpf und Beinen beim Gehen, Drehen oder sich Beugen stark gefordert.

Hier hat die Technik Fortschritte gemacht. Während in den Pionierzeiten um die Mitte des vorigen Jahrhunderts noch zehn Jahre als Maximum galten, hat sich dieser Wert heute verdoppelt.

Die Haltbarkeit hängt vom Material der Prothesenteile sowie von der Art des Einbaus ab. Sind Schaft, Kopf und Pfanne aus Metall, Keramik oder Kunststoff? Wird die Prothese ohne oder mit „Zement“ befestigt? Letzteres, die Verwendung eines schnell härtenden Kunststoffs, empfiehlt sich eher bei den älteren Patienten, meint Stöckle. Das garantiere lange Haltbarkeit. Zudem geht die Heilung schneller als bei zementfreiem Einbau. Bei Unterstützung durch Gehhilfen kann die Hüfte bereits wenige Tage nach der Operation wieder belastet werden. Wird das Implantat nicht einzementiert, sind längere Ruhephasen erforderlich, da der Knochen erst anwachsen muss. Ob mit oder ohne Zement, in jedem Fall ist nach der Operation intensive Gymnastik angesagt.

Vorteilhaft für die Gesundheitskasse ist die Variante mit Zement. Die Versorgung mit einer einzementierten Stahl-Prothese, kostet Stöckle zufolge nur etwa ein Drittel bis die Hälfte der Summe, die der Einbau eines zementfreien künstlichen, aus einer Titanlegierung bestehenden Hüftgelenks erfordert. Den genauen Preis kann der Charité-Spezialist nicht nennen, dies hänge von Operationsdauer und Heilungszeit, den erforderlichen Rehabilitationsmaßnahmen sowie nicht zuletzt vom eingesetzten Material der Prothese ab.

Aus speziellem Material bestehen jedenfalls die Kugelköpfe, die auf dem Schaft sitzen sowie die Pfannen, die die Köpfe aufnehmen. Die Bandbreite reicht vom teuren Metall oder Keramik bis zum eher preisgünstigen Polyethylen. Allerdings gibt es auch teure Spezialkunststoffe, die sehr haltbar sind. Denn für die Standzeit der Prothese ist der Abrieb entscheidend. Schließlich dreht sich der Kugelkopf über Jahre hinweg einige Millionen Mal in der Pfanne. Abrieb mikroskopisch feiner Teilchen ist da unvermeidlich, jedoch von Material zu Material unterschiedlich groß.

Gegen die abgeriebenen Teilchen wird das Immunsystem aktiv. Die Attacke der Körperabwehr kann zu Entzündungen und Allergien führen und die Knochensubstanz zerstören. Durch Knochenabbau verliert das Hüftgelenk seine Stabilität, eine Wechseloperation kann notwendig werden.

„ Standardmäßig“ sind laut Stöckle derzeit etwa zehn Jahre Haltbarkeit. In etwa neun von zehn Fällen wird dieser Wert erreicht. Aber einige der in Deutschland jährlich etwa 130 000 eingebauten künstlichen Hüftgelenke müssen auch schon nach fünf Jahren gewechselt werden. Teilweise können die Prothesen aber auch bis zu zwanzig Jahre im Körper bleiben.

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