Gesundheit : Am seidenen Faden fliegen

Herbstzeit ist Spinnenzeit: Was es mit dem Altweibersommer auf sich hat

Margit Mertens

Der Altweiber- oder Witwensommer ist eine Mitte bis Ende September häufig auftretende stabile Hochdruckwetterlage über Mitteleuropa, in der trocken-warme Winde aus Süd-Ost vorherrschen. Jetzt beginnt die Reisesaison der Spinnen. Winzige Jungspinnen machen sich auf und fliegen getragen vom Wind an ihrem feinen, silbrig schimmernden Faden durch die Luft. Diese Flugfäden in der Luft, die oft unvermutet über unser Gesicht streifen, glitzern im Sonnenlicht wie lange, silbergraue Haare.

Viele alte Sagen rankten sich um diese hauchdünnen, seidigen Haare, die scheinbar ohne Anfang und Ende, wie von Geisterhand bewegt, durch die Luft schweben. So sollten sie von den Nornen gewebt sein, den Schicksalsgöttinnen der germanischen Mythologie, die die Lebensfäden der Menschen spinnen. Von ihnen berührt zu werden, sollte Glück bringen. Andere Legenden erzählen, es seien Haare, die Waldfeen beim Kämmen ihres silbernen Schopfes verloren haben. Tatsächlich verdankt der Altweibersommer seinen Name nicht dem Silberhaar irgendwelcher Weiber, sondern stammt vom altdeutschen „weiben“, das so viel wie Spinnweben knüpfen hieß.

Damit kommt er dem wahren Grund des Phänomens ziemlich nah. „Die Ursache des Spinnenfluges sind Nahrungsmangel und der Instinkt zur Verbreitung“, erklärt Volker Hartmann vom Naturschutzbund in Siegen. Spinnenweibchen legen so viele Eier an einer Stelle ab, dass die geschlüpften Jungtiere dort nicht lange zusammenbleiben können, weil die Nahrung knapp wird. Sobald die Jungspinnen halbwegs krabbeln können, sagt ihnen ihr Instinkt, den Geburtsort zu verlassen. Weite Entfernungen zu überwinden ist aber nicht so einfach, wenn man zwar acht Beine besitzt, aber gerade erst ein bis zwei Millimeter groß ist. Daher bedienen sie sich eines Tricks: Sie gehen in die Luft.

„Die Tiere erklimmen Zaunpfähle oder Büsche, stellen sich hochbeinig auf und lassen einen Faden aus der Spinnwarze austreten“, erläutert Hartmann. „Der Faden wird vom Wind aufgegriffen und trägt die Spinne in der Luft davon.“

Der Altweibersommer wird auch als fünfte Jahreszeit bezeichnet. Am Tage fängt er noch einmal den Sommer ein und lässt in den Nächten schon den Herbst ahnen. Trockene, milde Tage nutzen auch die Jungspinnen. Mit den warmen Aufwinden des Vormittags steigen die winzigen Ballonfahrer der Sonne entgegen. In der Kühle des späten Nachmittags sinken sie wieder ab, bis sie festen Boden unter ihren Spinnenbeinchen haben. Dabei legen sie erstaunliche Entfernungen zurück. In 4000 Meter Höhe und über dem Meer, 350 Kilometer vom nächsten Land entfernt, wurden sie schon gefunden. Auch erwachsene Spinnen fliegen gerne am seidenen Faden.

Viele ekeln sich vor Spinnen. Dennoch sollte man eine Jungspinne nicht zerquetschen, wenn sie versehentlich einmal auf uns landet, sondern vorsichtig an ihrem glänzenden Faden absetzen. Denn Spinnen sind nützlich. Sie vertilgen Insekten und dienen ihrerseits als Nahrung. Außerdem: Vielleicht hat uns ja doch eine Glücksspinne oder ein Glück bringendes Feenhaar getroffen.

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