Gesundheit : Amos Comenius: Schwerter zu Sicheln und Pflugscharen

Uwe Schlicht

"Er ist der erste Philosoph, der sich genötigt fühlte, sich mit dem Problem des Friedens fort und fort zu beschäftigen. Bei ihm wagt sich die Philosophie auf das Gebiet der Politik. Er war kein Träumer." Der Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer hat das über Johann Amos Comenius gesagt, einen Pädagogen und Philosophen, der in den Wirren der beginnenden Neuzeit während des Dreißigjährigen Krieges alles Leid erlebt hatte, das den Menschen damals beschert werden konnte. Er verlor seine Angehörigen und seine Bibliothek. Alle seine Bücher in Feuer aufgehen zu sehen, bedeutete in einer Zeit, da die Bücher noch eine Rarität waren, für einen Gelehrten das Abschneiden von seinen Quellen.

Die deutsche Comenius-Gesellschaft hatte ihren gestern im Berliner Rathaus eröffneten Kongress zu einer Zeit geplant, als solche Terroranschläge wie in New York und Washington noch undenkbar erschienen. Kein Wunder, dass angesichts der aktuellen Bedrohung die Gedanken des Philosophen Comenius über den Frieden und eine neue Weltordnung in den Mittelpunkt der Tagung gerückt wurden. Comeniuskenner wie Professor Klaus Hüfner von der deutschen Unesco-Kommission oder Professor Jan Kumpera von der tschechischen Universität Pilsen stellten Comenius als den Vordenker von Lösungen heraus, die erst im 20. Jahrhundert Wirklichkeit wurden: Völkerbund, Vereinte Nationen und Unesco.

Wenn berühmte Persönlichkeiten andere Menschen preisen, gibt es dafür gute Gründe. Wilhelm Dilthey, der bedeutende deutsche Geisteswissenschaftler und Pädagoge, nannte Comenius "den größten pädagogischen Kopf, den Europa hervorgebracht hat". Warum lohnt es sich, bei Comenius nachzulesen - und das in Tagen nach den Terrorattacken auf die USA?

Zeitlose Weltsicht

Comenius, im Jahr 1592 in Mähren geboren und in Amsterdam mit 78 Jahren gestorben, hat im 17. Jahrhundert nicht nur tief über die Menschen nachgedacht und dabei alle negativen Eigenschaften im Blick gehabt, sondern sich trotz allem das Bild von den positiven Möglichkeiten des Menschen bewahrt. Deswegen war die Erziehung für ihn auch nur ein Teil seiner Menschen- und Weltsicht. "Wenn es für das verderbte Menschengeschlecht eine Heilung gibt, dann liegt sie vor allem in einer vorsichtigen und sorgfältigen Erziehung der Jugend, genau wie zur Erneuerung eines Gartens neue Sträucher gepflanzt werden müssen", schrieb Comenius in seiner großen Didaktik.

Und er begründete sein Eintreten für eine Bildung für alle, ja für die Aufforderung an die Staaten, öffentliche Schulen einzurichten, mit den Worten: "Wenige Eltern nur sind überhaupt imstande, ihren Kindern etwas Rechtes zu lehren. Teils haben sie es selbst nicht gelernt, teils setzen sie es beiseite, weil ihr Sinn nach anderen Dingen steht. Auch unter den Lehrern gibt es nur wenige, welche der Jugend das Gute auf rechte Weise eingeben können... Daher wächst die übrige Jugend ohne die gehörige Fürsorge auf wie wildwachsende Bäume, die niemand anpflanzt, bewässert, stutzt und geradezieht."

Über die Erziehung der Jugend hinaus ging es Comenius um eine gerechte Weltordnung. Auch hierzu gibt es einschlägige Zitate: "Das Wohl des Volkes soll das oberste Gesetz jeder Republik und jedes Königsreichs sein. Darum ist alles einzustellen, was die menschliche Gesellschaft zu beunruhigen, zu verwirren und zu beschweren vermag oder was die Bande der allgemeinen und der privaten Sicherheit zerreißen könnte. Dabei stehen an erster Stelle: Kriege, denn im Krieg gibt es kein Heil. Darum und weil es künftig keine Gelegenheit geben soll, zu Feindschaft und Kriegen zurückzukehren, sollen die Waffen vernichtet werden, wie Gott bei Jesaja 2,4 fordert. Ebenso geschehe es mit blutrünstigen Vorschlägen, aus denen nur die Bedrohung der Staaten durch Feuer, Schwert und Zerstörung hervorgeht."

Comenius forderte einen Weltkongress oder ein Friedensgericht zur Lösung von Streitigkeiten: "Einmal im Jahrzehnt sollen sich aus der ganzen Welt alle an einen Ort in Europa, im zweiten in Asien, im dritten in Afrika und im vierten in Amerika treffen... . Dem Friedensgericht obliegt es schließlich, dass kein Volk sich gegen ein anderes erhebe und es keinen gebe, der den Kampf oder die Herstellung von Waffen lehrt und dass es keine Schwerter und Speere mehr gebe, die nicht in Sicheln und Pflugscharen umgeschmiedet werden (Jesaja 2,4)."

Berlins Schulsenator Klaus Böger erinnerte in seiner Eröffnungsansprache daran, dass Comenius eine Welt des Friedens ohne Gewalt errichten wollte - am 11. September sei diese Hoffnung auf unvorstellbare Weise erneut zerstört worden. Dass Comenius trotz aller Schicksalsschläge und der Erfahrungen des Dreißigjährigen Kriegs nicht an den positiven Möglichkeiten des Menschen verzweifelt sei, das mache ihn für die Nachwelt so erinnerenswert, betonte Böger. Er sei mit diesen positiven Visionen zu einem Vorbild für die Pädagogen geworden. Vor 400 Jahren habe Comenius die Idee von einer Schule als der Lernstätte der Menschlichkeit entwickelt. Heute brauchten die Menschen die differenzierte Nachdenklichkeit im Umgang mit dem Fremden, aber auch mehr Selbstvergewisserung über die eigene Kultur. Beides könne Kindern eine sichere Grundlage zu mehr Selbstvertrauen bieten.

Böger bekannte sich zu der Notwendigkeit, wieder einen gemeinsamen Grundkonsens im Lande zu finden. Auf diesen Grundkonsens als das gemeinsame Band unserer Gesellschaft soll die Schule hin orientieren. Unter Anspielung auf den Streit über den islamischen Unterricht erklärte der Schulsenator, dieser Grundkonsens müsse auch der Maßstab sein, an dem zu entscheiden sei, welche Religion sich hierzulande etablieren dürfe und welche nicht.

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