Gesundheit : „An den Schulen muss es mehr Teamarbeit geben“

Die Bildungspolitikerin Ute Erdsiek-Rave zu Lehrerhass und Deutsch auf dem Schulhof

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Frau Erdsiek-Rave, ein Lehrerhasserbuch wird zum Bestseller. Zugleich gibt es eine neue Studie Potsdamer Forscher, wonach zwei Drittel der Thüringer Lehrer meinen, ihr Beruf mache krank. Was läuft falsch?

Dieses Buch werde ich nicht lesen. Auch die Diskussion darüber verschärft die Vorurteile gegen Lehrer anstatt zu einem guten Miteinander von Eltern und Lehrern beizutragen. Eine andere Sache sind wissenschaftliche Untersuchungen, die oft ein negatives Selbstbild von Lehrern zu tage fördern. Ich glaube, man muss versuchen, den Lehrern schon in der Ausbildung zu vermitteln, wie man mit Konfliktsituationen umgeht. Vor allem aber muss es noch mehr Teamarbeit an den Schulen geben. Das ist emotional, methodisch und zeitlich enorm entlastend. Hier muss auch die Fortbildung ansetzen.

Wenn Lehrer nicht im Team arbeiten, hängt das mit den Strukturen von Schule zusammen. Dafür sind die Bildungsminister zuständig. Warum tut sich so wenig?

Es bewegt sich etwas, aber sicher muss sich noch mehr bewegen. Zugleich kommen immer neue Probleme auf die Schulen zu. Ob es um dicke Kinder, um rauchende Kinder oder um schlecht deutsch sprechende Kinder geht – alles wird der Schule aufgebürdet. Die Lehrer versuchen, sich dem zu stellen, aber sie können es eben nicht allein. Die Eltern müssen ihre Erziehungsaufgabe wahrnehmen. Vieles muss auch sozial- oder integrationspolitisch angegangen werden.

Die Schulgemeinschaft einer Berliner Realschule hat sich darauf geeinigt, auch in den Pausen Deutsch zu sprechen.

Diese Schule hat offensichtlich ein Problem erkannt, nämlich dass viele ihrer Schüler unterschiedliche Sprachen sprechen, Gruppen bilden und sich voneinander isolieren. Dass man da darüber nachdenkt, eine gemeinsame Sprache zu sprechen und zwar die Sprache dieses Landes, das finde ich richtig – sofern es der Wille der Schulgemeinschaft ist. Etwas anderes wäre es, das von oben zu verordnen und dann auf Widerstand von Eltern, Lehrern und Kindern zu stoßen.

Noch immer müssen Kinder mit mangelhaften Deutschkenntnissen in vielen Bundesländern nicht Pflichtkurse vor der Einschulung belegen. Warum wird in einer so wichtigen Sache so langsam gehandelt?

In Schleswig-Holstein haben wir schon jetzt eine Sprachintensivförderung vor der Einschulung. Sie wird ab 2007 verbindlich im Schulgesetz geregelt. Auch andere Länder tun oder wollen das, denn ein freiwilliges Angebot scheint die schwierigen Familien nicht zu erreichen. Ich finde es wichtig, dabei die Eltern, besonders die Mütter, einzubeziehen, damit die Kinder auch zu Hause dabei unterstützt werden, besser Deutsch zu lernen.

Müssten die Länder nicht beherzter vorgehen, mit einem gemeinsamen flächendeckenden Programm zum Beispiel?

Da muss ich widersprechen. Der Bildungsplan für die Kitas ist ja gemeinsam entwickelt worden. Das war die Grundlage für die Kitagesetze in allen Bundesländern. Auch das Ziel der Sprachförderung gehört zu den sieben Themenfeldern, die die KMK nach Pisa beschlossen hat, und jedes Land kümmert sich darum. Dass die Parlamente der Länder und die Finanzminister ein Wort mitreden – das ist nun einmal Föderalismus. Wir können nicht ein Idealmodell entwerfen und es allen Ländern aufdrücken. Aber wir sollten weitere gemeinsame Leitlinien beschließen. Die Situation von Migrantenkindern ist Schwerpunkt des nationalen Bildungsberichts, der im Sommer veröffentlicht wird. Damit werden wir sicher weitere wichtige Hinweise bekommen, was noch zu tun ist.

Fördert es die Integration, wenn muslimischen Lehrerinnen das Kopftuch verboten wird?

Mich beruhigt, dass die Türkische Gemeinde in Schleswig-Holstein dies ausdrücklich befürwortet. Muslimischen Mädchen sollen nicht andere Rollenbilder vermittelt werden als der Mehrzahl der Frauen im Gastland. Ich glaube nicht, dass das integrationsfeindlich ist. Wir verbieten ja nicht generell das Tragen von Kopftüchern. Aber Lehrer sind Vorbilder, sie sollen sich weltanschaulich neutral verhalten. Und ich betrachte das Kopftuch als religiöses Symbol.

Im März wird die neue Studie „Desi“ zu Kompetenzen der 9. Jahrgangsstufe in Deutsch und Englisch vorgestellt. Erwarten uns neue Hiobsbotschaften?

Ich kenne die Ergebnisse noch nicht. Desi macht keinen Bundesländervergleich. Es geht um um einen Längsschnittvergleich in Deutsch und Englisch und um die Wirkung von Unterricht, also um die Frage: Was verändert sich nach einem Jahr? Wir erhoffen uns davon Aufschlüsse für die Verbesserung von Unterricht. Und ein bisschen Schock schadet ja manchmal nicht.

Die Gemeinschaftsschule war das Lieblingskind der SPD. Doch im Bundestagswahlkampf schwieg man lieber darüber, Ist die Gemeinschaftsschule beerdigt?

Nein. Ich stelle fest, dass dies längst nicht mehr ein Thema ist, mit dem sich nur Schulpolitiker beschäftigen. Selbst Wirtschaftsexperten sagen inzwischen, dass das frühe Aussortieren der Kinder und das mangelnde Ausschöpfen von Begabungsreserven schon aus ökonomischen Gründen problematisch sind. Ich bin nach wie vor überzeugt davon, dass unser Schulsystem den Zusammenhang von sozialem Hintergrund und Bildungserfolg festigt. Die Diskussion wird weitergehen, und ich bin zuversichtlich, weitere Mitstreiter zu finden.

Der Rat für Rechtschreibung hat die letzten Vorschläge zur Änderung der Reform vorgelegt. Ist die Reform inzwischen nicht weitgehend zurückgedreht worden?

Nein. Es werden Korrekturen vorgenommen, etwa in der Zusammen- und Getrenntschreibung. Die Kultusminister dürfen jetzt nicht selbstgefällig sagen: Es war alles vom Besten. Ein Teil der Kritik war berechtigt. Meine Hoffnung ist aber, dass Ruhe einkehrt. Die Schulen müssen sich an einige neue Regeln gewöhnen, aber das war es dann bis auf weiteres.

Das Gespräch führten Anja Kühne und Amory Burchard.

Ute Erdsiek-Rave (59) ist Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) der Länder. Seit 1998 ist die Sozialdemokratin Bildungsministerin in Schleswig-Holstein.

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