Gesundheit : An der FU sind neue Studiengänge kein flächendeckender Ersatz für Diplome

Anne Strodtmann

Der Wissenschaftsrat empfiehlt den Hochschulen in Deutschland eine große Reform. Neue Studiengänge mit dem Bachelor und Masterabschluss sollen zu einer radikalen Verkürzung aller Qualifikationszeiten führen. Statt bisher sechseinhalb Jahre bis zum Diplom oder Magisterabschluss werden für das Bachelor-Studium drei Jahre und für das darauf aufbauende Masterstudium zwei Jahre angesetzt. Nach fünf Jahren soll alles vorbei sein. Mit anderen Worten: Die Studenten sollen nicht erst mit 28 Jahren die Hochschulen verlassen, sondern schon mit 23, spätestens 25 Jahren. In Berlin beabsichtigt die Wissenschaftsverwaltung, die Einführung der neuen Studiengänge dadurch zu beschleunigen, dass diese Aufgabe für die Universitäten in die Hochschulverträge geschrieben wird.

Die Berliner Universitäten haben mit Blick auf die Studienzeitverkürzung besonderen Nachholbedarf. Sind hier doch die Studienzeiten seit Jahren mit die längsten in Deutschland. Wie steht die Freie Universität zu dieser Herausforderung? Präsident Peter Gaehtgens will die Umstellung mit Bedacht angehen. Gegenüber dem Tagesspiegel erklärt er: "Wir akzeptieren voll und ganz, dass eine Reform überfällig ist. Deswegen sind wir sehr wohl auf dem Wege, Verkürzungen von Studiengängen zu ermöglichen, - ich sage ausdrücklich auch und nicht nur - durch Bachelor- und Masterstudiengänge. Wir können sie aber nicht flächendeckend als Ersatz für die bisherigen Diplom- und Magisterstudiengänge einführen. Für eine Einführung parallel zu den bestehenden bräuchten wir mehr Kapazitäten, die uns finanziell nicht zur Verfügung stehen."

Die Freie Universität hat die Anregung des Wissenschaftsrats - das zeigt ein Beschluss des Akademischen Senats vom Ende des Wintersemesters - positiv aufgegriffen. Danach sollen die Fachbereiche im Laufe des Sommersemesters melden, welche Gebiete sich für Bachelor- beziehungsweise Masterstudiengänge anbieten oder als Ersatz für bestehende Studiengänge eignen. "Vor allem bei den Geisteswissenschaften kann eine stärkere Reglementierung und straffere Organisation hilfreich sein, um frühere Abschlüsse zu ermöglichen", erklärt Peter Gaehtgens.

Eine Frage ist noch offen, nicht nur für die Freie Universität: die Akzeptanz der neuen Abschlüsse durch die Arbeitgeber. Der FU-Präsident meint: "Bislang habe ich noch von keinem Wirtschaftszweig gehört, dass er die Bachelors und Masters lieber einstellen würde als Magister oder Diplomierte. Aber das muss uns nicht entmutigen, die Sache jetzt anzufassen. Und wir werden sie anfassen. Ich bin sicher, dass wir mit Beginn des Wintersemesters 2000/2001 konkrete Vorschläge haben werden. Aber eine Reform mit der Brechstange lehnen wir ab."

Und wenn die Senatsverwaltung mit den Hochschulverträgen die "große Hochschulreform durchsetzen will, dann darf sie sich bei Haushaltsentscheidungen nicht so behandeln lassen wie bisher, sondern muss für eine entschieden bessere Hochschulfinanzierung sorgen", sagt Peter Gaehtgens.

Der Druck auf die Einführung der neuen Studiengänge geht nicht nur von Berliner Politikern aus, sondern auch von der Kultusministerkonferenz und dem Wissenschaftsrat. Die Freie Universität will diesem politischen Druck "mit Gelassenheit begegnen" und sich "auf den Weg einer Reform mit Augenmaß begeben." Entschieden spricht sich Gaehtgens daher gegen jede Hektik bei der Reform aus. "Das geht schon wegen unserer miserablen Haushaltslage nicht, die uns Einsparungen diktiert, die es nirgendwo sonst in Deutschland gibt."

Auf keinen Fall soll bei der Verkürzung der Studienzeit die Qualität des Studiums verloren gehen. Das ist für die Freie Universität ein ganz zentrales Argument. "Es war bislang immer ein Zeichen der deutschen Hochschulbildung, dass sie sich nicht zu früh auf Spezialisierung eingelassen hat, sondern dass die Studierenden mit einem Anspruch auf intellektuelle Breite und eigenständige Entscheidungsfähigkeit auf wissenschaftlicher Grundlage ausgebildet werden. Es mag sein, dass das im internationalen Wettbewerb nicht mehr in der gleichen Weise zu halten sein wird wie bisher. Ich habe vielen Gesprächen im Ausland entnommen, dass unsere Curricula tatsächlich eines der Hindernisse - aber wahrhaftig nicht das einzige dafür sind, dass Studierende aus dem Ausland zu uns kommen. Daran werden wir etwas ändern müssen."

Die Freie Universität denkt daran, das Problem insbesondere in Kooperation mit anderen europäischen Universitäten anzugehen - zum Beispiel durch gemeinsame Studiengänge. "Wir denken, dass wir damit die Internationalisierung ein gutes Stück voran bringen können, ohne mit geschlossenen Augen zu übernehmen, was in dem ganz anderen Bildungssystem der USA üblich ist", erklärt Gaehtgens.

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