• An der multidisziplinären Forschungsstätte arbeiten heute über 2500 Mitarbeiter an mehr als 1000 naturwissenschaftlichen Vorhaben

Gesundheit : An der multidisziplinären Forschungsstätte arbeiten heute über 2500 Mitarbeiter an mehr als 1000 naturwissenschaftlichen Vorhaben

Charles A. Landsmann

Das Weizmann Institute of Science hat in den 50 Jahren seiner wissenschaftlichen Forschung und den 40 Jahren seiner Zusammenarbeit mit der Max-Planck-Gesellschaft tiefe Spuren in der israelischen Gesellschaft hinterlassen, sich weltweit hohes Ansehen verschafft und mit internationalen Kooperationen die Basis für weitere erfolgreiche Aktivitäten gelegt - mehr als Grund genug für die laufenden Feierlichkeiten in Rehovot südlich von Tel Aviv.

Eigentlich stimmt die Jubiläumszahl 50 nicht, denn sie bezieht sich nur auf den Namen des nach dem ersten israelischen Staatspräsidenten Chaim Weizmann (Onkel des heutigen Staatsoberhauptes Eser Weizman) benannten Institutes. Vor 65 Jahren wurde, auf Anregung Weizmanns - damals schon weltberühmt für seine Forschungen auf dem Gebiete der organischen Chemie und seine Beiträge zur industriellen Fermentation - das Daniel-Sieff-Forschungsinstitut gegründet, das anderthalb Jahre nach Staatsgründung in "Weizmann Institute of Science" umbenannt wurde. Weizmann, der am Polytechnikum in Darmstadt und an der Technischen Hochschule in Berlin Chemie studierte und an der Universität Freiburg in der Schweiz promovierte, begann mit einem Stab von zehn Mitarbeitern und konzentrierte sich zuerst auf Gebiete, die für die regionale Wirtschaft von Bedeutung waren.

Nach zehn Jahren setzte der Ausbau zur multidisziplinären Forschungsstätte ein. Doch bis zum heutigen Tag ist die Ausrichtung auf wirtschaftliche Auswertung - insbesondere durch die ebenfalls vor 40 Jahren gegründete Yeda Research und Development Co. Ltd. - geblieben und eines der Markenzeichen des Instituts. Kritische Stimmen halten das für den wichtigsten Grund, warum bisher noch kein Forscher des Weizmann-Institutes einen Nobelpreis erhielt, da dieser nur für Grundlagenforschung erteilt wird.

Medikamente gegen Multiple Sklerose

Heute betreiben über 2500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - je ein Viertel promovierte Wissenschaftler, Doktoranden, Ingenieure und wissenschaftliche Hilfskräfte - mehr als 1000 naturwissenschaftliche Vorhaben in 18 Abteilungen (verteilt auf die fünf Fakultäten Biologie, Biochemie, Chemie, Mathematik und Physik), sieben Minerva-Zentren und 17 weitere Forschungszentren. Die Bilanz ihrer Arbeit über die Jahrzehnte hinweg kann sich durchaus sehen lassen.

Die Weizmann-Wissenschaftler waren die ersten in Israel, die sich der Krebs-Forschung zuwandten, eine Abteilung für Kernforschung, einen Beschleuniger zur Erforschung von Atomkernen errichteten, und sie gehörten zu den ersten auf der Welt, die einen Computer entwickelten und bauten. Als neueste Forschungserfolge gelten: zwei Medikamente zur Behandlung von Multiplee Sklerose; die Bestimmung eines entscheidenden Moleküls, das neue Wege zur Behandlung von Alzheimer weist; eine präzise Computersprache, die Designfehler in hochkomplexen Systemen aufspürt und korrigiert; sowie die Entwicklung des bisher saubersten Halbleiters der Welt.

Max-Planck-Institut wichtiger Partner

Unter den jüngsten bahnbrechenden Projekten sind die einzige Forschungseinrichtung in der Nanotechnik zur Förderung der Elektronikindustrie der Zukunft und die erste Einrichtung zur Erforschung der Sonnenenergie in Israel zu nennen.

Das Weizmann-Institut bezeichnet sich selbst als internationalen Knotenpunkt aufgrund seiner ausgezeichneten Beziehungen zu Forschungszentren und Wissenschaftlern weltweit. Rund 700 ausländische Forscher kommen jährlich nach Rehovot zu Vorlesungen und Forschungsarbeiten, mit über 50 Universitäten und Forschungszentren bestehen Austauschabkommen. Einen besonderen, hervorragenden Platz unter letzteren nimmt die Max-Planck-Gesellschaft ein, von deren 80 Instituten und Forschungseinrichtungen rund die Hälfte gemeinsame Projekte mit israelischen Partnern betreiben.

Heute bildet diese äußerst enge, von israelischer Seite als "besonders herzlich und erfolgreich" eingestufte wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen der Max-Planck-Gesellschaft, deren Tochtergesellschaft Minerva-Stiftung und dem Weizmann-Institut den Kern der außergewöhnlichen und für beide Seiten hochprofitablen Forschungs-Kooperation.

Die Max-Planck-Gesellschaft war die erste deutsche Forschungseinrichtung, die Ende der fünfziger Jahre wissenschaftliche Kontakte mit Israel, eben mit dem Weizmann-Institut aufnahm - vor dem Hintergrund des Holocaustes ein heikles und mutiges Unterfangen. 1964 wurden diese Beziehungen aus satzungsrechlichten Gründen auf deutscher Seite von der eigens zu diesem Zweck gegründeten Tochtergesellschaft Minerva-Stiftung übernommen, die von der Bundesregierung bis heute rund 400 Millionen Mark für 1900 Projekte zur Förderung gemeinsamer Forschungsprogramme erhielt. Derzeit laufen 74 gemeinsame Projekte, gefördert mit jährlich sieben Millionen Mark. Darüber hinaus bietet das Minerva-Stipendienprogramm Wissenschaftlern aus beiden Ländern Möglichkeiten zu Forschungsaufenthalten an Einrichtungen im jeweiligen Gastland - bisher 1250 Stipendiaten, derzeit rund 50. Schließlich wurden 1973 als weiteres Element der Wissenschaftskooperation die "Gentner-Symposien" eingerichtet, die einmal jährlich in Deutschland oder Israel stattfinden, und die seit vier Jahren durch Winterschulen für jüngere Wissenschaftler und Studenten höherer Semester ergänzt werden.

Der gelernte Historiker Helmut Kohl stellte bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde am Montag zur Geschichte der engen Beziehungen Deutschlands zum Weizmann-Institut fest, "dass durch diese wissenschaftlichen Kontakte auf dem Gebiete der Physik eine erste Brücke zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel entstand". Vor vierzig Jahren begann damit eine Erfolgsgeschichte, die niemand so erwartet hätte. Sie wurde möglich durch den guten Willen auf beiden Seiten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar