Gesundheit : An Tieren wurde die Operation bereits erfolgreich durchgeführt - so soll die Lebensverlängerung ermöglicht werden

Rolf Degen

Die Ankündigung suggeriert Schreckensbilder, die an die Schöpfung des unseligen Monsters durch Doktor Frankenstein gemahnen. Sie wirft ethische Konflikte auf, die sich mit der Diskussion über das Klonen oder die Abtreibung vergleichen lassen. Schon in naher Zukunft, behauptet ein amerikanischer Neurochirurg, kann mit der ersten Verpflanzung eines menschlichen Kopfes gerechnet werden.

Auf der ganzen Welt werden zur Zeit fieberhafte Anstrengungen von Wissenschaftlern unternommen, um die menschliche Lebenserwartung auszudehnen. Genmanipulationen, die antioxidative Mechanismen im Körper potenzieren oder das Regenerieren abgelaufener "Zähler" an den Chromosomenenden fördern, dürften aber erst in den nächsten Jahrzehnten Früchte tragen. Eine auf den ersten Blick sehr unappetitliche, aber viel realistischere Methode der Lebensverlängerung würde darin bestehen, den Kopf eines alten Menschen auf einen "frischen" Körper zu übertragen.

Durch die rasante Entwicklung der Transplantationsmedizin ist die Vision eines "Austauschkörpers" in greifbare Nähe gerückt, gibt Robert J. White, Professor für Neurochirurgie an der Case Western Reserve University in "Scientific American Presents" (Nr.3/1999) bekannt. Der Originalbeitrag kann unentgeltlich im Internet unter der Adresse www.scientificamerican.com abgerufen werden. Die Techniken für den radikalen Austausch stehen danach schon zur Verfügung, sie wurden in Jahrzehnten an Hunden, Katzen und Affen erprobt.

Bereits 1908 setzte der amerikanische Physiologe Charles C. Guthrie den Kopf eines Hündchens auf den Nacken eines großen Artgenossen, dessen eigenes Haupt an Ort und Stelle blieb. Der russische Mediziner Vladimir P. Demikhov kreierte in den fünfziger Jahren operativ Hunde mit zwei Köpfen, die er in einem Fall für 29 Tage am Leben hielt. Seit dem Jahr 1970 hat White das Verfahren an Rhesusaffen perfektioniert. Das war zugleich das erste Mal, dass der Kopf eines Säugetieres auf den Körper eines enthaupteten Spenders übertragen wurde.

Die Affen, die bis zu acht Tagen am Leben gehalten werden, erlangen nach dem Abklingen der Narkose das Bewusstsein wieder und zeigen durch das Verhalten des Kopfes, dass sie wahrnehmen und fühlen konnten. "Sie besitzen die uneingeschränkte Fähigkeit zu sehen, zu hören und zu schmecken. Wenn man ihnen mit dem Finger zu nahe kommt, beißen sie ihn ab."

Wenn der Mediziner sein Programm einhalten kann, wird die Technik schon in den nächsten Jahren am Menschen erprobt. Das erste Ziel besteht darin, Köpfe von unheilbar Kranken auf gesunde Körper von Hirntoten zu übertragen. Dabei ist die Transplantation des Kopfes lediglich das Zwischenstadium auf einem Weg, an dessen Ende die Verpflanzung des isolierten "Denkapparates" Gehirn steht.

Die Übertragung des Vorgehens vom Tier auf den Menschen würde nur wenige Modifikationen erfordern. Die Operation wäre sogar einfacher, weil die Blutgefäße und anderen Gewebeteile des Menschen größer sind und die Chirurgen mehr Erfahrungen mit der menschlichen Anatomie besitzen. Die größte Herausforderung würde darin bestehen, eine kontinuierliche Blutversorgung zu gewährleisten, weil das Gehirn im Gegensatz zu anderen Organen ohne die ständige Zufuhr von Lebenssaft rasch dahinstirbt.

White glaubt, dass ein Gehirn wenige Sekunden nach einer Enthauptung durch den Mangel an Sauerstoff zugrunde geht. Die Frage beschäftigte schon die Ärzte des 18. Jahrhunderts, der Ära der Enthauptungen. Johannes Wendt ließ 1803 seine Hand auf die Augen eines frisch abgeschlagenen Kopfes zuschnellen, und die Augenlider schlossen sich reflexartig. Dasselbe geschah, als Wendt den Kopf mit den Augen ins grelle Sonnenlicht hielt.

Anschließend rief der Arzt dem Geköpften mehrmals seinen Namen ins Ohr - jedes mal öffneten sich die Augen, sie versuchten sogar, sich in die Richtung zu drehen, aus der die Stimme kam. Auch die Lippen bewegten sich, als wollte der abgeschlagene Kopf sprechen. 1905 schrieb der französische Arzt Beaurieux, dass ein Kopf nach der Hinrichtung auf Ansprache die Augen öffnete, "wie man es täglich erlebt, wenn Leute aus dem Schlaf oder aus ihren Gedanken gerissen werden". In einigen Fällen vergoss das abgetrennte Haupt Tränen, ein andermal formten seine Lippen sich zu einem stummen Schrei.

"Immerhin reichen die Sauerstoffreserven im Gehirn für etwa zehn Sekunden", erklärt der Berliner Gerichtsmediziner Ingo Wirth. Manche Ärzte glauben, dass ein Geköpfter erst nach dieser Zeitspanne Bewusstsein und Schmerzempfinden verliert. Im Falle einer Transplantation würden Neurologen die elektrischen Lebenszeichen des Gehirns ständig mit dem EEG verfolgen, erläutert White, der die Prozedur an Leichen vervollkommnet hat. Nur eine Stunde soll es dauern, den Kopf vom alten Körper abzutrennen und mit dem neuen zu verbinden. Für jede Leber- oder Nierentransplantation wird heute mehr Zeit aufgebracht.

Die Verpflanzung ist nur deshalb in den Bereich des Möglichen gerückt, weil der Professor zusammen mit seinem Team ein Gerät entwickelt hat, mit dem sich das Gehirn im abgetrennten Kopf durch das hereingeleitete Blut um zehn Grad abkühlen lässt. Denn nur bei einer deutlich herabgesetzten Temperatur kann das Gehirn die vorübergehende Abtrennung vom Körper überleben.

Völlig offen bleibt die Frage, ob das Immunsystem des Körperspenders den aufgesetzten Kopf nicht abstößt. Es ist nicht absehbar, ob die Medikamente, die die Abstoßungsreaktion bei einer Nierentransplantation hemmen, für einen derart radikalen Austausch geeignet sind. Die Kandidaten, die als erste für eine Kopftransplantation in Frage kommen, sind Menschen, die bei einem Unfall eine Lähmung unterhalb des Kopfes davongetragen haben, meint White. Viele Querschnittsgelähmte sterben nämlich kurz nach dem Unfall durch Versagen vieler Organe.

Der Kopftransplantierte wäre zwar auch nach dem Anschluss an den gesunden Körper weiterhin gelähmt, weil man das Rückenmark auf dem heutigen Stand der Technik nicht miteinander verbinden kann. "Aber sein Kopf würde das Gedächtnis behalten, seinen Intellekt, seine Wahrnehmung von Bildern und Tönen und sein Selbstgefühl", betont die "New York Times" in einem Kommentar.

Weiterhin kommen ältere, sterbenskranke Menschen in Frage, die sich einen neuen Körper wünschen und obendrein vermögend sind. Für viele Gesunde ist diese Vorstellung vermutlich abstoßend, aber wer weiß, wie sich ein Todkranker entscheidet, der unbedingt leben will. Immerhin vermuten die meisten Experten, dass sich in ungefähr zwanzig Jahren auch ein durchtrenntes Rückenmark wiederherstellen lassen wird.

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