Gesundheit : Anders essen

Rohkost, Trennkost, Vollwertkost: Es gibt viele Möglichkeiten, die Ernährung umzustellen – welche sind gesund?

Hartmut Wewetzer

Dieses Leiden. Diese Lust. Immer wieder muss sich Jürgen im Zaum halten, wird hin- und hergerissen zwischen herkömmlicher vegetarischer Ernährung und Rohkost. 1993 dann der Durchbruch. Jürgen fällt das Buch „Willst Du gesund sein? Vergiss den Kochtopf“ des radikalen Rohköstlers Helmut Wandmaker in die Hände. Seitdem ist Jürgen „100-prozentiger Rohköstler“. Es geht auf und ab, er kämpft gegen zu starken Gewichtsverlust und hat Probleme mit seinem Eiweißhaushalt, ist von Rückfällen in die Zeit gekochter Ernährung bedroht. Dann reißt er sich am Riemen und sagt sich: „Alle wilden Tiere ernähren sich zu 100 Prozent roh – es muss also richtig sein, verdammt noch mal!“

Für Jürgen, der über seine Grenzerfahrungen im Internet (www.rohkost-forum.de) schreibt, ist das „Abenteuer Rohkost“ eine „Expedition zum Selbst, ohne auch nur einen Meter verreisen zu müssen“. Sein Leben zwischen Höhenflug und Selbstkasteiung ist sicher ein extremes Beispiel dafür, wie die Umstellung der Ernährung das Leben verändert, ja fast religiöse Dimensionen annehmen kann. Dabei sind es viele verschiedene Motive, die alternative Ernährung für Millionen von Menschen interessant macht: etwa der Wunsch, sich bewusster, natürlicher und ökologisch korrekt zu ernähren. Vor allem aber gesundheitliche Gründe, die Angst vor Schadstoffen und vor Tierseuchen wie BSE. Und die Hoffnung, mit der richtigen Ernährung Krankheiten vorzubeugen und länger zu leben.

Alternative Ernährungsformen haben bei allen Unterschieden einige Gemeinsamkeiten. So werden pflanzliche Nahrungsmittel bevorzugt, ebenso Produkte aus der ökologischen Landwirtschaft und heimische Lebensmittel. Abgelehnt werden verarbeitete Lebensmittel wie der Schokoriegel oder die Tiefkühlpizza.

Wie sieht es mit den gesundheitlichen Risiken aus? „Je mehr Lebensmittelgruppen, also etwa Brot oder Kartoffeln, weggelassen werden, umso einseitiger ist die Ernährung und umso schwieriger wird die Versorgung“, sagt Susanna Nowitzki- Grimm von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Sektion Baden-Württemberg.

Am häufigsten und vergleichsweise einfach zu praktizieren ist Vegetarismus , also der Verzicht auf Fleisch (siehe Text unten links). Andere wichtige Formen alternativer Ernährung:

Rohkost . Sie ist meist eine Variante des Vegetarismus. „Gekochtes Essen ist Gift!“, lautet etwa die Maxime des „Rohkostpapstes“ Helmut Wandmaker. Er empfiehlt ausschließlich rohes Obst und Gemüse. So würden Krankheiten wie Herzinfarkt und Alzheimer, die durch „Eiweißmüll“ ausgelöst würden, vermieden. Auch Franz Konz propagiert eine rohe „Urkost“ aus Kräutern und Früchten, die zugleich als „Urmedizin“ etliche, wenn nicht alle Krankheiten heilen soll. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht ist Rohkost als Dauerernährung jedoch nicht geeignet, weil sie zu schwerwiegenden Mangelerscheinungen führen kann. Das belegt auch die „Gießener Rohkost-Studie“. Ergebnis: Leute, die sich „roh“ ernähren, nehmen zu wenig Energie zu sich und leiden nicht selten unter Blutarmut.

Trennkost . Sie geht auf den amerikanischen Arzt Howard Hay (1866 bis 1940) zurück, der sich selbst mit Trennkost von einem Nierenleiden geheilt haben will und auch Patienten mit ihr behandelte. Die Haysche Trennkost basiert auf zwei Annahmen:

1) Übersäuerung des Gewebes ist die Ursache von Krankheiten. Deshalb soll die Nahrung zu 80 Prozent aus basenbildenden und nur zu 20 Prozent aus säurebildenden Lebensmitteln bestehen. Die Säure-Basen- Theorie findet sich auch bei anderen Formen alternativer Ernährung.

2) Kohlenhydrate und Proteine sollten voneinander getrennt eingenommen werden, weil sie nicht gleichzeitig verdaut werden können.

Die Trennkost ist eine lakto-vegetabile (pflanzlich mit Milchprodukten) und ballaststoffreiche Ernährung, die nach Ansicht von Ernährungsexperten durchaus empfohlen werden kann – sofern der Anteil an Milch- und Getreideprodukten erhöht wird. Wissenschaftlich nicht belegt sind allerdings die Theorie von der Übersäuerung des Organismus und von der Trennung von Kohlenhydraten und Proteinen.

Makrobiotik . Hollywood-Stars wie Gwyneth Paltrow, Madonna und Nicole Kidman sind Freunde dieser Kostform. Makrobiotik bedeutet soviel wie „großes, langes Leben“. Sie orientiert sich am Taoismus und wurde von Japanern entwickelt. Kernpunkt ist die Lehre von Yin und Yang, zwei verschiedenen Energietendenzen, die in Einklang gebracht werden müssen. Krankheit gilt als Ausdruck des Ungleichgewichts. Auch die Lebensmittel werden nach Yin und Yang eingeteilt. Die Ernährung ist überwiegend pflanzlich. Getreide, vor allem Naturreis, steht im Vordergrund.

Ernährungswissenschaftlich ist die Makrobiotik umstritten, vor allem die ursprünglichen Formen können zu einer sogar gefährlichen Unterversorgung mit Vitaminen und Nährstoffen führen. Empfehlungen, so wenig wie möglich zu trinken oder schimmlige Lebensmittel zu verzehren, können schwere gesundheitliche Probleme verursachen. Zudem gibt es keine Hinweise darauf, dass sich mit Makrobiotik viele Krankheiten heilen lassen, wie von ihrem Hauptvertreter George Ohsawa verbreitet wurde.

Vollwert -Ernährung. Sie entstand in den ökologisch bewegten 70er Jahren des 20. Jahrhunderts und legt Wert darauf, nicht nur gesundheitsfördernd, sondern auch im Einklang mit der Umwelt und sozialen Bedürfnissen zu sein. Vollwertige Ernährung heißt: „Lasst die Nahrung so natürlich wie möglich.“ Die Lebensmittel sollen wenig verarbeitet und aus ökologischem Anbau sein. Pflanzliche Kost und Milchprodukte werden bevorzugt. Die Vollwert-Ernährung ist als Dauerkost geeignet und schneidet aus Sicht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung im Vergleich mit anderen Formen alternativer Ernährung mit am besten ab – auch wenn sie keine großen Heilsversprechen birgt.

Die nächste Folge zum Thema „Hilfe für die Seele“ erscheint am Dienstag, den 23. März.

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