Gesundheit : André Rosenthal, führender deutscher Erbgut-Entzifferer, bezweifelt die Erfolgsmeldung aus den USA

Thomas de Padova

Auf eine Compact Disc passt viel an Information. Warum sollte man eines Tages nicht auch sich selbst mit seinen wichtigsten Funktions- und Lebensdaten darauf abspeichern können? Die persönliche Genomsequenz etwa, an der viel Nützliches abzulesen ist? Zum Beispiel könnte man so darüber auf dem Laufenden bleiben, für welche Krankheiten ein besonderes Risiko besteht, und seinen Lebensstil entsprechend verändern: den geeigneten Sport wählen und die richtige Ernährung.

Für einige Wissenschaftler liegt jener Tag nicht mehr in allzu weiter Ferne, an dem der genetische Code in einen digitalen Code übersetzt und auf eine kleine Scheibe gepresst werden kann. Mit dem vermehrten Einsatz von Robotern und Computern in der Genomforschung scheint er immer näher zu rücken. Knapp 300 Sequenzierautomaten und Rechner setzt ein Unternehmen wie Celera Genomics in Rockville in den USA ein, um das menschliche Erbgut Stück für Stück zu entziffern. Am Donnerstag gab der Präsident von Celera, Craig Venter, bekannt, bereits 99 Prozent des Codes entschlüsselt zu haben. André Rosenthal, der führende Erbgut-Entzifferer hier zu Lande, bezweifelt dies. "Das Ganze ist nur ein PR-Trick", sagte Rosenthal dem Tagesspiegel.

Das Erbmaterial des Menschen, bestehend aus 23 Chromosomen, umfasst etwa drei Milliarden Genbausteine. Die Chemie ist dabei erstaunlich einfach. Vor vier Monaten stellten Forscher erstmals die bis auf wenige Lücken komplette Erbinformation des Chromosoms 22 vor. Es ist nur ein kleines Chromosom, aber bereits eine Aneinanderreihung von 33,4 Millionen biochemisch gespeicherten Buchstaben: A, T, G und C. Ähnlich wie in der Computertechnik mit ihrem binären Code, bedient sich scheinbar auch die Natur beim genetischen Code lediglich vier chemischer Substanzen, den Nukleotiden Adonesin (A), Thymidin (T), Guanosin (G) und Cytidin (C). Und gerade das macht die Entschlüsselung so schwierig. Denn selbst lange Abfolgen dieser Nukleotide kommen im Erbgut sehr häufig vor.

Im Human Genom-Projekt ("Hugo") versuchen Forscher aus fünf Nationen deshalb zunächst, detaillierte genetische Karten anzufertigen, um sich eine Orientierung zu verschaffen. Erst dann werden die langen DNS-Moleküle aus den Nukleotiden in Fragmente unterteilt, die leichter zu analysieren sind. Anhand der Überlappungen dieser Bruchstücke werden die Teile geordnet. "Wir werden Ende Mai, Anfang Juni 80 Prozent des menschlichen Genoms vorlegen können", sagte Rosenthal, Leiter der Genomsequenzierung im Deutschen Human Genom-Projekt. Aber selbst diese 80 Prozent hätten nur Entwurfsqualität. "Es handelt sich noch nicht um eine hoch genaue, lückenlose Sequenz."

Ein Humangenom in Entwurfsqualität

Auch Celera hat nach Rosenthals Einschätzung bislang nur ein Humangenom in Entwurfsqualität und noch keine 99 Prozent des Genoms entschlüsselt. "Ich bezweifle, dass die Aussagen von Celera wahr sind." Celera versucht im Unterschied zu der weltweiten "Hugo"-Kooperation, das Erbgut in 60 Millionen Einzelsequenzen zu zerschreddern, ohne zuvor Landkarten anzufertigen. Die Celera-Forscher wissen also zunächst nicht, wohin die Sequenzen auf dem jeweiligen Chromosom gehören. Da die "Hugo"-Daten jedem zugänglich sind, kann Celera mit deren Hilfe versuchen, Ordnung in das System zu bringen. "Aber auch das schafft Celera nicht", sagte Rosenthal. "Denn das Genom ist hochgradig repetitiv. Viele Sequenzen kommen 100-, 1000- oder 10 000-fach vor. Und ich bezweifle sogar, dass Celera 60 Millionen Einzelsequenzen hat." Rund zehn Prozent des Genoms seien nämlich mit bisherigen Techniken nicht klonierbar und daher auch nicht sequenzierbar. "Eine Abdeckung des Genoms von 99 Prozent wird es in den beiden nächsten Jahren nicht geben." Es sei denn, Venter hat klammheimlich eine völlige neue Technik entwickelt.

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