Gesundheit : Andrei Plesu: Das geistige Leben steht über dem Politischen

Tom Heithoff

Wahrlich kein ruhig dahinfließendes Leben hat der rumänische Kunsthistoriker und Philosoph Andrei Plesu bisher hinter sich. Jahrgang 1948, gehörte er unter Ceassescu zu den führenden Dissidenten des Landes. Zweimal konnte er mit Hilfe eines Stipendiums an den deutschen Universitäten in Bonn und Heidelberg Zuflucht finden. Zwischenzeitlich wurde er von seiner Bukarester Universität entlassen. 1989, kurz vor dem Ende des Ceassescu-Regimes, traf ihn sogar die Verbannung in ein Dorf an der Moldau. Dann wendete sich das Blatt. 1990/91 war er Kulturminister und zwischen 1997 und 1999 sogar Rumäniens Außenminister.

Plesu, erhielt viele Auszeichnungen: so im letzten Jahr für sein "europa- und demokratiepolitisches Engagement" den Theodor-Heuss-Preis. Plesu ist überdies Gründer und Leiter des "New Europe College" in Bukarest, das seit 1994 jungen osteuropäischen Wissenschaftlern Forschungs- und Austauschmöglichkeiten mit führenden Köpfen des Westens bietet, um auf diese Weise die Abwanderung nach Amerika oder nach Westeuropa zu verhindern. Von daher arbeitet er eng mit dem Wissenschaftskolleg in Berlin zusammen. Jetzt wurde Plesu eine weitere Ehrung zuteil: die Humboldt-Universität verlieh ihm die Ehrendoktorwürde.

Andrei Plesu führte ein Leben unter Spannungen. Aber auch ein Leben, das die Gegensätze zu vereinen versuchte und zwischen Politik und Geist vermittelte. Vor zwei Jahren formulierte er noch als Außenminister, dass sich "die Erfahrung als Philosoph und die als Politiker nur schwer miteinander vereinbaren lassen". Doch nach dem Sturz des alten Regimes "fühlten wir Intellektuellen uns verpflichtet, selbst politische Verantwortung zu übernehmen". Positiv war daran, dass "Intellektuelle sich ethischen Werten verpflichtet wissen - zumindest theoretisch. Einfach nur Karriere zu machen, reicht einem Intellektuellen nicht", sagte Plesu damals. Für ihn steht "das geistige Leben über dem Politischen".

Bei der Laudatio in der Humboldt-Universität bezeichnete der Kunsthistoriker Horst Bredekamp Plesu als einen Grenzgänger zwischen Wissenschaft, Kultur und Politik. "Er verkörpert eine spezifisch rumänische Intellektualität, bei der sich die verschiedenen Sprach- und Denkkulturen verbinden." Plesu gehe es um die "Erforschung der Zwischenschritte des Denkens und Handelns".

Der Geehrte selbst wusste gar nicht recht, wie er sich selber sehen sollte. "Wer bin ich eigentlich?", fragte er halb scherzend, halb ernsthaft, "und wo ist mein Platz?" Kein Wunder bei einem Wissenschaftler, der so disziplinübergreifend über den Feldern der Kunst, Philosophie und Religion schwebt. "Es fällt mir schwer zu sagen, was ich im Hauptberuf bin." Leicht hingegen fiel ihm die Beurteilung seines politischen Handelns. "Hoffentlich bin ich jetzt endgültig geheilt von den politischen Ausrutschern", äußerte er und war schon mittendrin im Thema seines Festvortrags "Politik als Nebenberuf". Ja, nur als Nebenberuf sei Politik seriös zu betreiben. Er beruft sich auf das antike Griechenland, wo "jeder ehrwürdige Bürger aus der Polis ins Amt gewählt werden konnte, aber nie über längere Zeit im Amt war". Den Stand des heutigen Berufspolitikers bezeichnet er dagegen als "jämmerlich". Politik sei zur Parteipolitik verkommen. Machtbesessene Technokraten drängten in die Politik, auch wenn sie "keine einzige Technik beherrschen". Überall "Meister der Kommunikation, selbst wenn diese nichts mitzuteilen haben". Und nach ihrem Amt hätten sie nichts anderes zu tun, "als ihre Memoiren zu schreiben".

Plesu sieht heute das "Nebensächliche zum Wesentlichen aufsteigen". Es sei höchste Zeit, zur Bescheidenheit im politischen Wirken zurückfinden. Und er sieht sogar "ermutigende Anzeichen": die Entförmlichung der Diplomatie zum Beispiel oder ein größeres Gewicht von informellen Treffen. Zu einer wahrhaften guten Politik, einer Politik als Nebenberuf, gelangt man jedoch erst, wenn "nicht schon beim Essen Politik gemacht werden würde, sondern erst danach". Die Vermischung verderbe nämlich beides. "Politik als Siesta-Beschäftigung - das wäre ein vielversprechender Anfang", formulierte er nicht ohne Ironie.

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