Gesundheit : Anglistentag: In der Vielfalt liegt die Kraft

Dorothee Nolte

Wer ist der vorbildliche, der einzige, der wahre Anglist? Derjenige, der drei Jahre lang in kleinen Seminaren die englische Sprache und die Sitten der Inselbewohner studiert hat - oder diejenige, die sich in fünf langen Jahren die gesamte englischsprachige Literaturgeschichte erarbeitet hat? So groß nämlich ist die Spannbreite der Anglistik-Ausbildungen, die an europäischen Universitäten angeboten werden. Die eine Hochschule legt den Schwerpunkt auf Literatur, die andere erlaubt eine große Wahlfreiheit zwischen Literatur, Linguistik und Kulturwissenschaft; in der einen Universität unterrichten die Lehrkräfte auf englisch, in der anderen benutzt man die Landessprache. Wie soll man da - im Namen der Europäisierung und der Mobilität der Studierenden - harmonisieren, standardisieren?

Martin Kayman, Anglistik-Professor in Cardiff, weiß eine Lösung: gar nicht. Er hat eine Übersicht über die Anglistik-Studiengänge in Europa erstellt und kommt zu dem Schluss: "Eine Standardisierung wäre weder praktikabel noch wünschenswert." Zum einen seien die Fachbereiche materiell ganz unterschiedlich ausgestattet; zum anderen sei es ein Vorteil, dass sich die Studenten ihre Ausbildung individuell auswählen könnten. Mit seiner Auffassung, die er auf dem Anglistentag an der Humboldt-Universität vortrug, stieß Kayman bei seinen Kollegen auf Zustimmung. Die versammelten rund 300 Anglistik-Dozenten wünschen sich zwar Studenten, die ins Ausland gehen, aber deswegen wollen sie noch lange nicht die Studiengänge vereinheitlichen.

Graham Caie (Glasgow) plädierte statt dessen für "Vertrauen und Flexibilität": "Wir müssen Vertrauen haben, dass die anderen Ausbildungen auch gut sind, statt zu denken, unsere wäre die beste. Und wir müssen die Studienleistungen, die die Studenten im Ausland erbracht haben, flexibel anerkennen, so dass sie aus ihrem Auslandsstudium keinen Nachteil haben."

Für deutsche Studenten wird es jedoch immer schwieriger, in Großbritannien zu studieren. Wenn sie nicht reich genug sind, die hohen Studiengebühren - 10 000 Mark im Jahr - selbst zu tragen, sind sie auf einen der Plätze im Rahmen der EU-Austauschprogramme Sokrates oder Erasmus angewiesen. Die aber sind knapp, denn die britischen Universitäten möchten lieber zahlende Gaststudenten aufnehmen.

Zum Massenfach geworden

Die Anglistik ist ein Massenfach: Mit 40 000 Studenten liegt sie in Deutschland an achter Stelle in der Rangfolge der am stärksten belegten Studienfächer. Glücklich sind die Professoren darüber nicht: "Unsere Betreuungsrelation ist absurd ungünstig", klagt der Vorsitzende des Anglistenverbands, Stephan Kohl (Würzburg). "Auf einen Hochschullehrer kommen 180 Studierende." Die Politik müsse endlich die Fachbereiche besser ausstatten; anderenfalls könne man auch nicht die geforderten Reformen auf den Weg bringen. "Wie sollen wir mit demselben Personal die alten Studiengänge weiterführen und gleichzeitig neue Bachelor-Studiengänge entwickeln? Das wäre doch nur ein Etikettenschwindel." Bisher gibt es an zehn deutschen Universitäten Bachelor-Studiengänge in Anglistik.

Sein Fach verstehe sich zunehmend als Kulturwissenschaft und nicht mehr ausschließlich als fremdsprachliche Philologie, sagte Kohl weiter. Einen immer größeren Raum nähmen die "New English Literatures" ein, also die Literaturen englischsprachiger Länder wie Kanada oder Australien.

Der Anglistentag, der am heutigen Mittwoch zu Ende geht, ist eine kleine Veranstaltung, vergleicht man ihn etwa mit dem gleichzeitig stattfindenden Historikertag in Aachen, zu dem etwa 3000 Historiker anreisen. Teilnehmen dürfen bei den Anglisten nämlich nur Verbandsmitglieder, und die müssen promoviert sein und hauptberuflich an einer deutschen Universität unterrichten. Jedes Jahr verleihen die Anglisten einen Preis für die beste Dissertation, Habilitation oder Medienberichterstattung; diesmal ging der Preis an den Deutschlandfunk-Redakteur Denis Scheck.

Organisiert wurde der Anglistentag vom Großbritannien-Zentrum und vom Institut für Anglistik und Amerikanistik der Humboldt-Universität. Das Großbritannien-Zentrum war im Frühjahr in schweres Fahrwasser geraten: Der Wissenschaftsrat hatte seine Schließung und die anderer Regionalinstitute empfohlen. Der Leiter des Großbritannien-Zentrums, Jürgen Schlaeger, freute sich daher besonders über die lobenden Worte, die der britische Botschafter und der Direktor des British Council bei der Eröffnung des Anglistentags über das Zentrum fanden. Ab Oktober wird eine Kommission die Arbeit des Zentrums evaluieren; ihrem Bericht sehe er, so Schlaeger am Rande der Tagung, mit Optimismus entgegen. Gerade erst habe man 150 000 Mark an Drittmitteln für Stipendien einwerben können. Dass Regionalinstitute zukunftsträchtig seien, zeige ein Blick nach Bayern: Dort wird in Bamberg gerade ein Großbritannien-Zentrum errichtet.

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