Gesundheit : Angst vor dem Staubsauger

Die Kritik an der Studienreform wird lauter. Der Bachelor zieht alle Kräfte der Unis an sich, heißt es

Anja Kühne

Jörg Steinbach steht mit einem Filzstift vor einer weißen Tafel in seinem Büro am Berliner Ernst-Reuter-Platz und zeichnet ein Trapez, einen „Staubsauger“, wie er sagt. Steinbach, Vizepräsident der Technischen Universität Berlin, erklärt den „Staubsaugereffekt“: einen unerwünschten Sog, den die neuen Bachelor-Studiengänge bewirken könnten. Wie die Präsidenten anderer großer Technischer Universitäten befürchtet Steinbach, der Bachelor könne die Lehrkapazität der Uni fast völlig „aufsaugen“. Für die Ausbildung der Master-Studierenden bliebe dann kaum noch etwas übrig. Nur noch ein Viertel der jetzigen Diplom-Ingenieure würde auf den Arbeitsmarkt oder in die Forschung gelangen - „eine eklatante Gefährdung des Industrie- und Technologiestandortes Deutschland“, wie die TU 9, der Zusammenschluss der großen Technischen Universitäten, meinen. Ist diese Gefahr real? Steinbach und seine Mitstreiter machen sich verdächtig, nur Probleme vorzuschieben, um sich vor der längst überfälligen Studienreform zu drücken. Deswegen steht Steinbach vor der Tafel und wirbt um Verständnis.

Bis 2010 soll es in Europa nur noch Bachelor-Studiengänge (sechs bis acht Semester) und Masterstudiengänge (zwei bis vier Semester) geben. Deutschland muss sich deshalb von seinen Diplom- und Magisterstudiengängen verabschieden. Heute wollen Europas Bildungsminister im norwegischen Bergen eine Zwischenbilanz des 1999 angestoßenen „Bologna-Prozesses“ ziehen. Deutschlands Minister sind mit schwerem Gepäck angereist: Der Widerstand gegen die Studienreform ist wieder entfacht. Erst 7,5 Prozent der Erstsemester sind in den neuen Bachelorstudiengängen eingeschrieben. Und noch immer bringen die Kultusminister keine Einigung über die Lehrerausbildung zustande, Universitäten und Lehramtsstudierende hängen in der Luft.

In Deutschland kommt die Reform nur mühsam voran. Dabei gibt es durchaus positive Erfahrungen, wie eine neue Untersuchung des Hochschulinformationssystems (HIS) zeigt. Die Wirtschaft akzeptiert die Bachelor-Absolventen. Für die Forscher vom HIS überraschend, arbeiten die meisten Bachelor-Absolventen keineswegs in international agierenden großen Konzernen, die mit dem Abschluss schon lange vertraut sind. Vielmehr kommen die meisten in kleinen und mittelständischen Unternehmen unter. Die große Mehrheit der im Jahr 2004 befragten Bachelor-Absolventen bereut die Studienentscheidung nicht. Gegenüber den tradierten Diplomstudiengängen haben Bachelorstudierende einen Vorsprung in Fremdsprachen, gehen häufiger ins Ausland und profitieren häufiger von neuen Lernformen.

Gleichwohl bleibt vielen der Abschluss suspekt. Die meisten Kritiker haben sich zwar damit abgefunden, dass die alten Studiengänge Auslaufmodelle sind. Doch nun ringen sie um die Funktion des Bachelors im neuen System. Als die TU 9 sich im vergangenen Herbst gegen den Bachelor als „Regelabschluss“ für Ingenieure aussprachen und stattdessen den Master als Regelziel definierten, lösten sie eine Kettenreaktion aus. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft, der Evangelisch-Theologische Fakultätentag und der Deutsche Apothekertag solidarisierten sich. Auch der Hochschulverband begrüßte die Erklärung der TU 9. Und jetzt erklärt der Chef der Hochschulrektorenkonferenz, Peter Gaehtgens, selbstbewusst, nur der Arbeitsmarkt, nicht aber der Staat könne bestimmen, ob der Bachelor ein „Regelabschluss“ sei. Das ist ein Affront gegen die Kultusministerkonferenz (KMK), die den berufsqualifizierenden Bachelor vor zwei Jahren in einer Grundsatzentscheidung als „Regelabschluss“ bezeichnet hat.

Wenn der Bachelor aber der Regelabschluss ist, wird dann der Master zur Ausnahme? fragen die TU9 Universitäten. Dann könnte die Politik sich finanziell bald nur noch für den Bachelor zuständig fühlen, so die Sorge. Schlimm genug, dass der weltbekannte Titel „Dipl.-Ing.“ von der Reform begraben werden soll. Nun soll auch noch das forschungsorientierte Studium im Master zu einem Schattendasein verdammt sein, mit unabsehbaren Folgen für Wissenschaft und Wirtschaft, die nach hochqualifizierten Ingenieuren verlangen, befürchten Steinbach und seine Mitstreiter.

Vielleicht haben sie aber auch noch ein anderes Motiv, wie Fachleute meinen. Die Technischen Universitäten fürchteten sich davor, den Fachhochschulen immer ähnlicher zu werden, wenn sie einen berufsbefähigenden Bachelorabschluss für Ingenieure oder Naturwissenschaftler anbieten. Die Reform rüttele deshalb an der Identität der Universitäten. Zumal die Fachhochschulen nun den Moment gekommen sähen, sich zu einst den Universitäten vorbehaltenen wissenschaftlichen Höhen aufzuschwingen. Viele Fachhochschulen steckten ihren Ehrgeiz nicht in die Bachelorstudiengänge, sondern sie wollten wie die Universitäten die offenbar renommierträchtigeren Master-Studiengänge anbieten. Dafür investieren sie Lehrkapazität und schaffen manchmal sogar teure Labortechnik an, die an den Universitäten längst vorhanden ist, beobachtet Peter Pirsch, Professor an der Universität Hannover und Vorsitzender des Bereichs Aus- und Weiterbildung im Verein Deutscher Ingenieure (VDI).

Die Hochschulen werden einander ähnlicher, ihr Programm ebenfalls, kritisiert auch Christian Bode, Generalsekretär des Deutschen Akademischen Auslandsdiensts (DAAD) und fordert statt Eintönigkeit Phantasie: „In den USA wird nicht jeder durch den gleichen Fleischwolf gedreht, es gibt für jeden das passende Angebot.“ Auch mit einem exzellenten Bachelor können sich die Hochschulen in Rankings empfehlen. TU-Vizepräsident Steinbach hat jedoch gar nichts gegen ein neues Bachelorstudium für Ingenieure, im Gegenteil: „Wenn der politische Druck des Bologna-Prozesses nicht wäre, käme die Studienreform nicht so schnell voran“, sagt er. Das gelte allemal auch für die Ingenieurwissenschaften: „Die hochspezialisierte Theorie, die bisher im Grundstudium gelehrt wird, muss in den Master.“ Steinbach geht es um etwas anderes: den Staubsauger, der den Master „leersaugt“: ein Sparprogramm der Politiker.

Dass der Bachelor eine höhere Lehrkapazität binden wird, als bislang für das Grundstudium erforderlich war, liegt auf der Hand. Die Betreuung der Studierenden soll besser werden. Im vergangenen Sommer fällte das Berliner Oberverwaltungsgericht ein Urteil, das die neuen Verhältnisse erstmals berücksichtigt. Die FU Berlin sei nicht gezwungen, sich bei der Ausschöpfung von Studienplätzen an der Kapazitätsverordnung von 1975 zu orientieren. Eine andere Betreuungsintensität sei erforderlich. Die FU hatte in dem strittigen Fall deutlich kleinere Seminar-Gruppen zugrunde gelegt, als es die Kapazitätsverordnung vorsieht. Nordrhein-Westfalen rechnet mit einem um 20 Prozent höheren Lehrbedarf.

Unterdessen rollt auf die Hochschulen eine neue Welle von Studierenden zu. Bis zum Jahr 2011 wird ihre Zahl von jetzt rund zwei Millionen auf bis zu 2,4 Millionen anwachsen, prognostiziert die KMK. Selbst wenn an neuen Kapazitätsverordnungen gearbeitet wird, wird die Politik aber die „Aussperrung“ hunderttausender Studierwilliger nicht dulden. Es geht um Lebensentwürfe der nachwachsenden Generation und um die Wissensgesellschaft. In den siebziger Jahren geißelte deshalb das Bundesverfassungsgericht Versuche der Hochschulen, sich die Massen vom Leib zu halten, als „unzulässige Niveaupflege“. Der Ansturm wird in vielen Studiengängen aber nur zu bewältigen sein, wenn die Mehrheit die Uni nach dem Bachelor verlässt.

Schon begrenzen verschiedene Länder die Möglichkeiten des Übergangs zum Master. Hamburg will weniger als die Hälfte zum Master durchlassen, Baden-Württemberg nur überdurchschnittliche Bachelor-Absolventen – ein Vorgehen, das der VDI für sinnvoll hält: Zum Master soll nur wechseln dürfen, wer einen „qualifizierten Bachelor“ hat, sagt Pirsch. Nordrhein-Westfalen will nur zwanzig Prozent seiner Kapazitäten an den Universitäten für den Master hergeben – Vorgaben, gegen die sich die Unis wehren. Die KMK vermeidet zwar inzwischen das Wort „Regelabschluss“ und spricht sich weiterhin gegen feste Quoten beim Übergang aus. Doch gleichwohl erwartet sie, dass der Bachelor für die Mehrzahl der Studierenden – auch in ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen – zum „Berufseintritt“ führt. Noch entspricht das nicht der Realität: Drei Viertel der Bachelor-Absolventen satteln den Master auf, wie die HIS-Studie zeigt.

Sollte der Bachelor für die Mehrheit aber auch in Zukunft nur eine Durchgangsstation sein, wie die TU9 und andere es sich wünschen, wird der Bachelor „degenerieren“, befürchten Experten. Die Unis müssten das Studium nicht völlig überarbeiten, um tatsächlich die Berufsqualifikation durch den Bachelor zu erreichen. Es würde bei den langen Studienzeiten und den hohen Abbrecherquoten bleiben. Auch den Technischen Universitäten blieben genug Kapazitäten, um den Bedarf an Master-Absolventen zu decken. Noch hat TU-Vizepräsident Steinbach nicht alle von seiner Staubsaugerthese überzeugt.

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