Gesundheit : Angst vor der Anarchie des Geschmacks

Tom Heithoff

Architektonische Disharmonie und soziale Spannungen - Stadtplaner fürchten die PlanlosigkeitTom Heithoff

Im ländlichen Erkner über das Phänomen der Stadt zu diskutieren, muss besonders reizvoll sein. Rund 80 Stadtplaner, Wissenschaftler und Architekten sind der Einladung des Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) gefolgt, sich auf einem internationalen Symposium über das Thema "Die europäische Stadt - ein auslaufendes Modell?" auszutauschen. Doch nichts wäre törichter, als vom Tagungsort darauf zu schließen, dass die Zukunft auf dem Lande liegt. Stadtluft macht frei. Diesem Satz stimmen alle Tagungsteilnehmer auch weiterhin zu, wenngleich ihnen die Stadtluft zunehmend Kopfschmerzen bereitet.

Gibt es die "europäische Stadt" überhaupt oder ist sie nur eine "idealtypische Konstruktion, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat", wie Hans P.G. Hoorn, Direktor des Bereichs Stadtentwicklung der Stadt Maastricht, meint? Jede Stadt sei "in sozialer, physischer und wirtschaftlicher Hinsicht" unterschiedlich. Aber verbietet es sich deshalb, von der europäischen Stadt zu sprechen? Karl-Dieter Keim, Stadtsoziologe und Direktor des IRS, will die Unterschiede nicht abschleifen, hält aber dennoch am Begriff der "europäischen Stadt" fest. In Europa nämlich wird die Stadt, etwa im Vergleich zu den USA, "viel stärker unter öffentlicher Regie betrieben". In den USA wird die Besiedelung in hohem Maße von der Privatwirtschaft bestimmt, die große Flächen aufkauft und "ohne Rücksicht auf öffentliche Planung" bebaut. Allerdings nehme diese Praxis auch in Europa zu. Bei Keim schrillen deshalb die Alarmglocken; er sieht "eine große Gefahr, weil die Bürger so von den Entscheidungsprozessen ausgeschlossen werden" und fordert: "Wir dürfen die Stadt nicht privaten Verwertungsinteressen überlassen".

Dass die europäische Stadt auch heute noch eine "relativ kompakte Siedlungsstruktur und vielfältige Nutzungsmischung" (Volker Kreibich, Dortmund) aufweist, liegt in der langen Verstädterungsgeschichte begründet. In Zeiten, in denen der Staat keine Sicherheit garantieren konnte, war die Verteidigung Sache der Städte. Festungsmauern wurden errichtet, die zwar schützten, aber auch abschotteten. Die Stadt war also darauf angewiesen, sich selbst zu versorgen und die diversen Nutzungen innerhalb der Mauern anzusiedeln.

Aber nicht nur die räumliche Mischung von Wohnen und Gewerbe ist ein Charakteristikum der traditionellen europäischen Stadt. "Keine andere Siedlungsform hat soviel soziale Integrationsfähigkeit bewiesen wie die Stadt", so IRS-Direktor Keim. Nun beobachten wir aber, dass sich die bewährte Stadt-Struktur zunehmend auflöst. Stadtmauern haben wir schon lange nicht mehr, aber sie will auch niemand wiederhaben. Sorgen bereiten hingegen die unübersehbaren Spaltungstendenzen. Abwanderung aus dem Zentrum sowie soziale Polarisierung innerhalb des Zentrums drohen das Stadt-Gleichgewicht zu stören. "Wie ist Integration noch möglich, wenn sich die Strukturen auflösen?" Darauf Antworten zu finden, ist für Keim die große und dringliche Aufgabe. Und der Weg führt seiner Ansicht nach nur über "dezentrale Steuerungen" und "bürgerschaftliche Mitgestaltung bei der Stadtpolitik". Die Idee dahinter: Wer die Stadt mitbaut, dem wird sie nicht fremd, dem macht sie nicht Angst, der kehrt ihr nicht den Rücken.

Während dem Stadtsoziologen Keim vor allem die soziale Integrationsfähigkeit Sorge bereitet, sieht Hans P.G. Hoorn auch das ästhetische Erscheinungsbild unserer Städte in Gefahr. Um zu verhindern, dass ein Gebiet "eine unkontrollierte und unsensible Summe von unabgestimmten Einzelplanungen wird", sollte ein Stadt-Architekt als Supervisor oder "Dirigent" eingesetzt werden, der die einzelnen Bebauungs-Pläne in eine "qualitätsvolle Gesamtplanung integriert". Solch eine "ästhetische Qualitätskontrolle" könnte hierzulande schon jetzt eingeführt werden, wenn die Städte sie wollten. Nur - sie wollen nicht. Fast überall übernimmt "nur die städtische Verwaltung die Verantwortlichkeit für die Qualität des öffentlichen Stadtraums und lässt einen unabhängigen Stadt-Architekten nicht zu".

Im Unterschied zu den Niederlanden sei in Deutschland "das Recht auf individuellen Geschmack und Ausdruck bestimmend"; was nicht verboten ist, ist erlaubt. Mit dieser "Baufreiheit" schützt man jedoch die "architektonische Disharmonie". In den Niederlanden sei es dagegen viel einfacher, "harmonisch abgestimmte Architekturqualität in öffentlichem Interesse zu fördern und mit Mitteln der Qualitätskontrolle auch durchzusetzen".

Ist die europäische Stadt ein Auslaufmodell? IRS-Direktor Keim verneint die Ausgangsfrage entschieden - und das ist auch die durchgängige Meinung der Tagungsteilnehmer. "Die europäische Stadt steht zwar vor großen Herausforderungen, aber sie hat Zukunft". Egal wie die Stadt aussehen wird - ob sie wieder in alte Dimensionen zurückwächst (was die meisten bezweifeln) oder ob sich die Vorstädte mit der alten Kernstadt zu einer neuen "Netzstadt" organisieren (wie es Marco Venturi aus Venedig prophezeit) - Keim ist davon überzeugt, dass die Stadt auch in Zukunft "die einzige Siedlungsform sein wird, durch die die Integration heterogener Gruppen zu leisten ist."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben