Gesundheit : Anleitung zum Glücklichsein

Rolf Degen

"In dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien. Die eine ist, nicht zu bekommen, was man möchte, und die andere ist, es zu bekommen." Wie neueste Befunde der psychologischen Forschung beweisen, hat Oscar Wilde mit dieser Einschätzung tatsächlich den Finger auf eine Wunde der menschlichen Seele gelegt: Wenn unsere Wünsche in Erfüllung gehen, bleibt am Ende häufig nur ein schales Gefühl oder gar ein Scherbenhaufen zurück.

Das Streben nach Glück ist die größte Antriebskraft im menschlichen Leben, und es erscheint uns selbstverständlich, dass das herbeigesehnte Glück in dem Augenblick eintreten wird, in dem unsere Wünsche in Erfüllung gehen. Wir meinen, ganz genau zu wissen, was uns zum Erreichen des Glückes fehlt: Ein Traumpartner, eine Scheidung, Geld, Macht, Urlaub - oder auch nur ein Schnellimbiss. "Unglück" ist demnach ein Ausbleiben des Glückes oder wenn unsere Ängste in Erfüllung gehen.

Der Haken ist nur, dass diese Rechnung in vielen Fällen nicht aufgeht - so lautet zumindest das Fazit des Harvard-Psychologen Daniel Gilbert in einer aktuellen Übersicht zum Thema: "Oft nehmen wir sorgfältig ein Ziel ins Visier und bekommen genau, was wir wollten", schreibt er. "Und dann müssen wir doch entdecken, dass das reiche und dauerhafte Glück, das wir uns versprochen hatten, nur oberflächlich, schal oder gänzlich abwesend ist."

Für dieses "falsche Wünschen" hat Gilbert den Begriff "miswanting" geprägt. Miswanting bedeutet, falsche Vorhersagen darüber zu machen, wie glücklich man in einer bestimmten Situation sein wird. Warum können wir unser Glück so schlecht abschätzen? Die falschen Vorhersagen bestehen meistens darin, dass man das Gewicht von positiven Ereignissen auf unser Gefühlsleben überschätzt. Menschen suchen das Glück, aber sobald sie es erreichen, treten verborgene psychologische Mechanismen in Kraft, die Glücksgefühle abbauen.

Eine Ursache für den "Sehfehler" ist laut Gilbert ein Trend zum "Fokalismus": Wenn Menschen die emotionalen Folgen eines Ereignisses vorhersagen, konzentrieren sie sich zu sehr auf diese eine glücksbringende Sache und verkennen die vielen anderen Umstände, die ihr zukünftiges Befinden ebenfalls beeinflussen.

Das zeigt auch ein Experiment mit Sportlern, die vorhersagen sollten, wie glücklich der Sieg in einem bevorstehenden Fußballspiel sie machen würde: Die eine Hälfte der Probanden, die zusätzlich in einer Art Tagebuch Rechenschaft darüber ablegte, was sonst noch alles an Ereignissen auf sie zukam, machte sehr viel exaktere Vorhersagen als die andere, die das Maß der Beglückung krass überschätzte.

Beim Vorhersagen von Gefühlen lassen wir auch außer Acht, dass unser seelischer Apparat über eine "psychohygienische Schutzvorrichtung" verfügt, die alle übermäßigen emotionalen Reaktionen entschärft. Diese "hedonische Adaption", die bereits von den antiken Philosophen vorweggenommen wurde, ebnet mit überraschender Geschwindigkeit den belohnenden Effekt der Glücksfälle (aber eben auch die Pein von Schicksalsschlägen) ein.

So befragte Gilbert Universitätsangehörige, wie glücklich sie in der Zeit nach dem Erreichen einer Festanstellung sein würden. Diese Angaben wurden den Gefühlen von Vergleichspersonen gegenübergestellt, die dieses Karriereziel bereits errungen hatten. Wie sich zeigte, wurde die Beglückung in den Prognosen massiv überschätzt: Schon kurz nach der Beförderung bewegte sich die Lebenszufriedenheit auf dem Mittelmaß.

In einem andern Versuch befragte Gilbert Wähler beim Verlassen des Wahllokals, wie glücklich sie einen Monat nach dem Sieg ihres Kandidaten sein würden. Auch diesmal sagten die Befragten unrealistisch intensive Glücksgefühle voraus. De facto fühlten sich Sieger und Verlierer nach einem Monat genauso gut oder schlecht wie vor der Wahl. Die Anhänger des unterlegenen Kandidaten hatten zwischenzeitlich sogar gewisse Vorzüge am politischen Gegner entdeckt.

Wahrscheinlich hängt sogar der Warenverkehr in unserer Marktwirtschaft davon ab, dass Menschen unrealistische Erwartungen haben, meint Gilbert. Es fragt sich, ob Menschen den Preis eines Autos oder teuren Fernsehers entrichten würden, wenn sie genau wüssten, wie schnell deren Befriedigungswert den Bach hinuntergeht. Bei jedem neuen Kauf gehen die Käufer offenbar über ihre früheren Erfahrungen hinweg. Sie stellen nie Autos oder Fernseher an sich in Frage, sondern finden, dass diese oder jene Marke zu wünschen übrig ließ.

Dazu kommt, dass unsere Erinnerung häufig vergangene Freuden überhöht. Amerikanische Wähler, die nach dem Sieg "ihrer" Partei immer wieder über ihr Befinden befragt wurden, hatten nach einer Weile übertriebene Erinnerungen an ihr Triumphgefühl.

Auch unser kritischer Verstand ist oft nicht in der Lage, vorherzusehen, welche Aspekte einer Erfahrung über Glück oder Unglück bestimmt. Das geht aus einer Studie hervor, deren Teilnehmer sich eine von mehreren künstlerischen Reproduktionen aussuchen durften. Der Hälfte der Probanden wurde ein zeitlich begrenztes Umtauschrecht gewährt. Verblüffenderweise fanden die Probanden, die kein Umtauschrecht besaßen, ihr Bild schon nach einer viertel Stunde schöner als jene mit der reversiblen Wahl. Die Teilnehmer selbst hatten dieses Paradox nicht vorhergesehen. Wenn man ihnen von vorneherein die Möglichkeit bot, votierten sie sogar ausdrücklich für eine Aufnahme in die Gruppe mit dem Umtauschrecht.

Gerade wenn man eine Sache zu sehr wünscht, schneidet man sich ins eigene Fleisch. Hohe Erwartungen setzen nämlich einen inneren Prüfprozess in Gang, der ständig kritisch abcheckt, ob auch alles wunschgemäß läuft. Doch dieser Prüfprozess hält vom Genießen der angenehmen Erfahrung ab, wie Gilbert mit einer Studie beim vergangenen Millenniums-Wechsel aufzeigte.

Der Forscher befragte 475 Probanden, wie viel sie sich vom Übergang zum Jahr 2000 versprachen und wie umfangreich die Festlichkeiten waren, die sie geplant hatten. Nach Eintreten des neuen Jahres wurde dann Bilanz gezogen. Fazit: Ausgerechnet jene Probanden, die sich am meisten versprochen hatten und die es Sylvester 1999 richtig "krachen" ließen, waren hinterher am stärksten enttäuscht.

"Obwohl die Dinge, die wir uns wünschen, in mancher Beziehung besser sein mögen als jene, die wir zu vermeiden suchen, können sie auch schlechter sein", schließt Gilbert. Und hält trotzdem einen positiven Schluss parat: "Selbst dann, wenn wir nicht bekommen, was wir uns wünschen, hilft unser psychologisches Immunsystem uns rasch dabei, zu erkennen, was an dem, was wir bekommen haben, besser ist als an dem, was uns entgangen ist."

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